FILMFESTIVAL

A Rotterdam Move

d'Lëtzebuerger Land vom 19.02.2021

Es hätte eigentlich das große Jubiläumsjahr werden sollen. Das International Film Festival Rotterdam, kurz IFFR, feierte diesen Winter fünfzigjähriges Bestehen. Als Vorabgeschenk kündigte sich schon im Dezember 2019 ein Wechsel an der Spitze an. Künstlerischer Leiter Bero Beyer wechselte nach dem letztjährigen Festival zum niederländischen Film Fund. Eine Überraschung, denn zu erwarten war, dass er die Feierlichkeiten um das fünfte Runde noch selbst orchestrieren würde. Der Verwaltungsrat des IFFR ernannte Vanja Kaludjercic, bis dahin Programmdirektorin beim Streamingdienst Mubi, auf den frei gewordenen Posten. Eine geradezu himmlische Verbindung. Stichwort: Kuration.

Die aktuellen äußerlichen Umstände der Welt sorgten dafür, dass die Feierlichkeiten ausfielen. Das hielt die Verantwortlichen jedoch nicht davon ab, trotzdem mit einem ordentlichen Programm aufzuwarten. Das IFFR, das Ende Januar die kontinentaleuropäische Filmfestival-Saison startet, bot ein reduziertes Programm, im Vergleich zu einem normalen Jahr sogar ein sehr reduziertes, von rund 80 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen an.

Die Zahl der Wettbewerbsfilme in der Tiger Competition wurde nach langen Jahren wieder einmal hochgeschraubt. Von zehn auf insgesamt sechzehn Filme. Der Rotterdamer Wettbewerb gleicht in der Größenordnung denen anderer A-Liste-Festivals wie Cannes oder der Berlinale. Aber der Vergleich endet mit dieser Zahl. Die Werke, die im Tiger-Wettbewerb vertreten sind, bleiben Lichtjahre entfernt vom Glitzer und Pomp bekannter Autor/innen, die den großen Festivals als Aushängeschild dienen. In Rotterdam bleibt das künstlerische Experiment in Sachen Dramaturgie, Inszenierung und Thematik an erster Stelle.

Nachdem drei Jahre lang Filme und Regisseur/innen aus China oder Hongkong den Tiger Award mit nach Hause nehmen durften, gewann dieses Jahr ein indischer Film. Im 70-minütigen kurzen Spielfilm Pebbles des Filmemachers Vinothraj P.S. stehen häusliche Gewalt und ärmlichen Lebensumstände von Bauern in der südindischen Hitze im Mittelpunkt. Diese Hitze brennt unerbittlich auf den ausgedörrten Boden und auf die Protagonist/innen des tamilischen Films. Ein betrunkener, immerzu mehr als schlecht gelaunter Vater holt eines Morgens seinen Sohn von der Schule ab. Die Mutter ist geflüchtet, wegen der vielen Schläge ihres Mannes; der Vater benutzt den Sohn als Lockmittel, seine Frau wieder den Weg nach Hause zu bekommen. Dafür müssen die zwei jedoch von einem Dorf zum nächsten kommen, zuerst mit dem Bus, dann zu Fuß.

Das westliche Publikum könnte sich an einigen Szenen stören, während denen Tiere nicht ganz heil davonkommen oder wenn das Kind vor der Kamera grob behandelt wird. Die klassische Verzichterklärung „no humans or animals were harmed in the making of this film“ lässt sich bei Pebbles anzweifeln. Wem es gelingt, daran vorbeizuschauen, erhält ein präzises Porträt einer kaum bis gar nicht repräsentierten Bevölkerungsgruppe. Vinothraj P.S Film ist jedoch weit entfernt von Satyajit Rays Apu-Trilogie aus den 1950-ern. Der tamilische Regisseur unterstreicht Kargheit seiner Figuren und Landschaft mit einer mindestens so kargen Mise en scène. Fast unkünstlerisch anmutende Kameraeinstellungen und eine Schauspielführung, die die Charaktere von unnützen Psychologisierungen befreit, machen aus Pebbles eine trockene und latent ungemütliche Kinoerfahrung, die wieder einmal beweist, dass unabhängiges junges tamilische Kino, ein weiteres nennenswertes Beispiel ist Arun Karthicks Nasir; 2020 beim IFFR preisgekrönt, ein gewisses cinephiles Momentum hat.

Aus der harten indischen Hitze geht es bei I Comete – A Corsican Summer in die angenehmere korsische Sommersonne. Pascal Tagnati, dessen Jahre am Theater in diesem Filmhybrid durchscheinen, arbeitete mit Schauspielern und Einwohner/innen Korsikas diesen herrlichen Spielfilm aus, der die Grenze zwischen Fiktion und dokumentarischen Elementen verspielt verwischt, wie kein anderer beim diesjährigen IFFR. Dabei versuchen das sehr viele Filme jedes Jahr im Programm. In I Comete treffen insuläre, fast schon einem Clan-ähnliche Befindlichkeiten und Sensibilitäten der korsischen Bewohner auf die der französischen Tourist/innen vom Festland.

Die Zuschauenden sind selbst Teil einer Urlaubsgesellschaft, die die verschlafenen und faulen Sommertage mit Nichtstun verbringt. Auf der anderen Seite verfolgen sie den abstrakten Träumen einiger Inselbewohner/innen, die nach einem Leben fernab der Insel lechzen und ebendies trotz verschiedenster Umstände und dem porträtierten korsischen Naturell nicht schaffen. Tagnatis Film ist frei und mäandernd, es passiert fast nichts, und schafft es plötzlich dann aber doch, drei Handlungsstränge parallel laufen zu lassen. Unbedingt zur Watchlist hinzufügen!

Andere Filme verloren sich derart in Abstraktionen, wohl mit dem Ziel, politisch einfach gestrickte Eins-zu-eins-Kommentare zu umgehen, sodass sie keinen größeren Eindruck hinterließen. Diese Charakteristik zeichnet Rotterdam-Filme aus. Ein Beispiel dafür wäre der brasilianische Film Madalena, der den Fokus auf Transphobie und die gezielte Ermordung von Trans-Menschen richtet. Einer dieser Morde verbindet drei Protagonisten. Jedoch auf so eine diffuse, ruhige Art und Weise, dass das politisch brisante Thema keine rechte Wirkkraft entwickeln kann.

Während in Europa das IFFR digital stattfand, versuchten die US-Amerikaner Sundance-Festivalstimmung in den Wohnzimmern aufkommen zu lassen. Ein Film, der während den beiden Festivals gezeigt und auf beiden Kontinenten gleichermaßen schlechte Kritiken bekam, ist Karen Cinorres Erstlingswerk Mayday. Wieso das so ist, ist ein Rätsel. #Metoo und die Reaktion der Leidtragenden darauf werden in einem durchaus fabulesken Amalgam aus griechischen Sirenen und Zweiter-Weltkrieg-Setting zusammengebracht. Wo Promising Young Woman gefeiert wird, obschon der Film an seiner Schlichtheit zerbricht, bekommt Mayday dank seines Castings mit Mia Goth und Soko einen Riot-grrrl-Charakter, der dem Thema, aber vor allem den Filmen dazu einen künstlerischen Mehrwert gibt, der den meisten anderen Filmen dieses Genre fehlt. Die bis auf die Zähne bewaffneten Figuren werden bei allen Genre-Konventionen nicht-unkritisch in die Mangel genommen. Vielleicht endet der Film dann doch zu versöhnlich. Ansonsten ist Mayday eine großartige Überraschung. Aber vielleicht sind das nur die Eindrücke eines weißen Hetero-Mannes.

Mit Aristocrats der japanischen Regisseurin Yukiko Sode und dem Srebrenica-Film Quo Vadis, Aida?, Gewinner des Publikumspreises, werden Rotterdam-Filme nächsten Monat auch im Wettbewerb des Luxembourg City Film Festival zu sehen sein. Es bleibt zu hoffen, dass die Phase von digitalen und Hybrid-Festivals bei allen Vorteilen doch nur Notlösungen während der Corona-Pandemie bleiben. Einen thailändischen Vertreter des Slow-Cinema zu schauen, während vor der eigenen Haustür dröhnend mit Presslufthammer an Gasleitungen gearbeitet wird, ist sicher nicht die Festival-Blase, in die mensch sich gern für zehn Tage begeben mag.

Tom Dockal
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