Elises Schmits Kurzgeschichtenband Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen (2018; 2019 mit dem Servais-Preis ausgezeichnet) war bereits eine Überraschung. Ihr neues Buch ist eine Wucht, inhaltlich wie literarisch. Ihre Prosa ist sprachlich gewandt und reflektiert, eine Antithese zum Lärm und dem Rauschen dieser Zeit. Schmits neuer Band ist erstmals im deutschen Luchterhand-Verlag erschienen.
Vielversprechend schon der Auftakt: „Die Dinge in der Tiefe“. Darin wird von zwei ungleichen Schwestern (Marisol und Camino) erzählt, die gemeinsam recht unbeschwert in Amsterdam wohnen und dort Kunstgeschichte studieren. In die Zweisamkeit gesellt sich Josien, genannt „Joos“ als Mitbewohnerin, die das Gleichgewicht durcheinanderbringen und ihr Leben und ihre Zukunft verändern wird.
Marisol war lauter und selbstsicherer, „glänzte in der Arena“ – „ein natürlicher Anziehungspunkt“. An der Egozentrik ihrer Schwester („Wenn es um sie selbst ging, prallte jede Kritik an Marisol ab“,) stört sich Camino solange nicht, bis sie durch ihr egoistisches Verhalten ein Unglück provoziert ... Sorgsam wird das Geschwisterverhältnis seziert, seine Außenwelt ironisch kommentiert.
Sie (Marisol) scharrte Bewunderer um sich, wie etwa den selbstgefälligen Kunstlehrer López, der es bei der Erläuterung weiblicher Kunstmotive stets auf Zweideutigkeiten anlegte. „Zu viele seiner Beispiele enthielten Darstellungen nackter und halbnackter Frauen. Seine Ausführungen über Dürers Proportionslehre machte er am Beispiel der weiblichen Körper fest. [...] Um die einzelne, die fühlende, denkende Frau ging es dabei nie, verstand Camino, weder López, noch Dürer, noch irgendeinem dieser Männer.“ Die Persönlichkeit hinter der Pose war nicht von Interesse. „Der Sinn dieser Malerei lag im Standpunkt, von dem der Blick ausging, darin, wie sich der Mann als Erschaffer die Frau unterordnete. Der Künstler behauptete eine Analogie zum göttlichen Schöpfungsprozess, um ein Gefälle zwischen sich und dem Sujet herzustellen.“
Auf die Geschehnisse in der Frauen-WG blickt die Erzählerin aus der Distanz, aus einem Ferienort an der belgischen Küste. Es ist ausgerechnet ein gestrandeter Wal, der die Urlauber/innen eines verschlafenen belgischen Küstenorts dazu bringt, dem ans Land Getriebenen schaulustig zu folgen.
Die Metapher des Wals hat Geschichte, ist sie doch in vielen großen Romanen präsent – von biblischen Erzählungen im Alten Testament und der Thora über Moby Dick bis hin zu Timmy. Der Wal ist wuchtiger und größer als wir; gestrandet steht er gar für das Versagen der Menschheit schlechthin. In Ahabs Kampf gegen das Meeresungeheuer wird er zum unfassbar-kosmischen Prinzip. In Schmits Kurzgeschichte fügt sich diese Metapher schlicht in die Erzählung ein. Nach Sensationen gierend werden die Urlauber/innen dem Geschehen folgen wie einem Freilichtspektakel: „Die Dünen wirkten wie Zuschauerränge, als wäre der Strand ein weitläufiges Freilichttheater.“
Die Kurzgeschichten verbindet die Einsamkeit ihrer Protagonist/innen. Um Enttäuschung um eine Person, die einst nur um sich selbst kreiste, und Videos, die diese verflossene Liebe von sich (von einer anderen Person gefilmt an bekannten Orten, die die Ich-Erzählerin ihm einst zeigte) und auf Social Media postet, geht es in „Zweckdienliche Hinweise für die Person mit der Kamera“, die als Monolog in einer Art Briefform verfasst ist. Am Anfang stehen Reflexionen zum bewegten Bild: „Das Bild ist der Eindruck eines Moments in der Zeit, und ein Eindruck kann ohne das Hinzutreten von Perspektive und Wertung nichts anderes sein als er selbst. Insofern ist, für sich genommen, jedes Bild wahr, wenn auch unerheblich. Erst ausgesondert aus einer breiteren Auswahl, erst gesetzt, gerahmt, präsentiert in einer geeigneten Form oder, wenn du erlaubst, auf einer geeigneten Plattform, entwickelt das Bild einen Sinn. Oder zumindest so etwas wie Bedeutung.“ Auf den verwackelten Videos erkennt die Erzählerin Orte, die sie ihm erst zeigte, und rekapituliert dabei Szenen einer Beziehung mit einem toxischen Menschen, der um sich selbst und sein Umfeld kreist und seine neue Partnerin durch das Abfilmen seiner Tänze in „eine Art Brieftaube“ verwandelt habe.
Die Erinnerungen an die einseitige, zersetzende Beziehung kommen beim Anschauen der verwackelten Aufnahmen hoch, schmerzende Erfahrungen: „Die Wochen und Monate, in denen du dich von mir abgewandt hattest, weil ich versucht hatte, mir einen Daumenbreit Unabhängigkeit zu verschaffen, verbrachte ich im Taumel und Nichts.“
Um Enttäuschungen in Zeiten von Online-Dating rankt sich auch „Wie wenn durch das Dunkel ein Zittern“. Die Einsamkeit der alleinerziehenden Mutter Patty und ihre Hoffnungen auf eine „echte Begegnung“ mit einem Mann werden hier fast greifbar. Die Sehnsucht der Hauptfigur überträgt sich förmlich auf die Leserin ... obschon die Enttäuschung über die trügerischen Spielchen über Dating-Apps, in der sich jede/r im besten Licht darstellt und Frauen en masse auf narzisstisch-manipulative Männer treffen, schon in der Luft liegt.
„Eine Freundin hatte Patty die Dating-App empfohlen. Sie hatte sich eine ‚blutleere Aneinanderreihung von Illusionen‘ angesehen, zunehmend enttäuscht vom Anblick der immer gleichen schlechten Porträts, faden Inneneinrichtungen und alternden Körper.“ – Marcus’ Profil hatte sich irgendwie von der „endlosen Menge von gedankenlosen Selbstdarstellungen“ abgehoben. – Die zunächst unverbindliche Kommunikation mit Emojis, hilflos-debiles Flirten in Zeiten von Social Media, füllte Pattys leere Abende und war „wie ein Vorschuss auf ein mögliches Leben“. Rücksichtslosigkeiten und egomane Verhaltensmuster sickern verlangsamt und erst spät durch und in ihr Bewusstsein: „Er bestellte noch ein zweites Glas, ohne sie zu fragen, ob sie noch was wollte.“ Feinfühlig fängt Schmit männliche Muster in (zu)treffenden Metaphern ein: „Sie lächelte in sein Gesicht und ihre Spiegelung in den Gläsern seiner Sonnenbrille lächelte winzig zurück.“
In der letzten Geschichte „Tycho zum Mars“ träumt ein Junge, Wilhelm, kurz „Will“, der in prekären Verhältnissen (seine Mutter nennt es „die Umstände“) lebt, vom All. Er will an einem Spacecamp in Köln teilnehmen und wähnt sich schon als „erster Mensch auf dem Mars“. In den wenigen Gesprächen mit seinem Vater kommunizieren sie aneinander vorbei; Wills chronisch übermüdete (und vom Vater getrennte) Mutter müht sich darum, eine „richtige Mutter“ zu sein; indes die Gedanken des Jungen zum Aufstieg ins All schweben und ihm der Schulalltag entgleitet. Seine Lehrerin weigert sich irgendwann, weitere Weltraumaufsätze anzunehmen, während er im Klassensaal auch aufgrund seiner ärmlicheren Herkunft und seines antiquierten Namens „Wilhelm“ von den Mitschüler/innen gehänselt wird.
Wenngleich die Geschichte als Milieustudie nicht ganz überzeugt, so rührt einen die Beschreibung seiner gedanklichen Flüchte genauso wie die fragile Freundschaft mit Freddy, einem sorglos-selbstsicheren Jungen aus betuchten Verhältnissen. Es bleibt die Flucht eines einsamen Jungen in die Sterne.
Reflexionen ums eigene Schreiben, Beobachtungen vom Schreibtisch, ein Vogel, eine Mandarine, das Nachdenken über die eigene Einsamkeit stehen am Ende von Schmits Kurzgeschichten. Diese Form der Metareflexion erinnert an die Passagen in Antje Rávik Strubels Blaue Frau.
Die Kurzgeschichten in Allgemeine Zweifel am weiteren Verlauf sind packend geschrieben und entfalten Sogwirkung. Einmal in die Hand genommen, wird Frau das Buch nicht so schnell weglegen können. Trotz oder gerade wegen ihrer Desillusionierungen sind die Geschichten tröstlich, ohne die Leere durch sedierende Zukunftsfantasien notdürftig zu füllen. Es sind sprachlich präzise Analysen von Existenzformen, aus denen es keine einfachen Fluchtmöglichkeiten gibt.