Butscha – Luxemburg. Erinnerungen aus der ersten Hand

Bilder des Grauens, Wunder der Güte

d'Lëtzebuerger Land du 04.11.2022

Diese Notizen waren nicht für den Druck bestimmt. Diese Seiten, die ich provisorisch als „Berichterstattung“ bezeichne, sind Tagebucheinträge über Beschüsse und alltägliche Kriegsereignisse. Ursprünglich waren sie persönlich und wurden in ein Notizbuch geschrieben, um meine Gedanken zu ordnen, die durch den unaufhörlichen Kanonendonner aufgewühlt waren. Das Führen eines Tagebuchs war mein eigener kleiner Sieg über die Angst sowie ein Versuch, nicht der Panik zu erliegen. Vielleicht war es aber auch das unbewusste berufliche Bemühen einer Historikerin, ein Ereignis festzuhalten und zu dokumentieren. Es war eine bekannte, gewohnte Sache, die die Illusion einer Rückkehr zur „Normalität“ in einer Umgebung schuf, in der die vertraute Welt in Flammen aufging und vor meinen Augen zusammenbrach, im übertragenen und im wörtlichen Sinne.

Warum habe ich mich entschieden, meine Erinnerungen doch zu veröffentlichen? Es scheint, dass wir uns nach acht Monaten Krieg mit eigenen Augen und anhand von Videoberichten ein umfassendes Bild von der Zerstörung und den Schrecken gemacht haben. Jetzt wissen wir mehr über Schmerz und Leid, als wir uns jemals vorstellen konnten, wollten und bereit zu ertragen waren. Was können die Erinnerungen an die ersten zwei Wochen des Krieges zu diesem Bild einer von Schmutz und Blut verzerrten Welt beitragen? Die Antwort ist einfach: Das Gesamtbild setzt sich aus einzelnen Ereignissen zusammen. Aber das Wichtigste ist, dass wir alle, die Ukrainer und diejenigen, die uns hier in Luxemburg und in der ganzen Welt unterstützen, weitermachen, gewinnen, wieder aufbauen, und einfach leben müssen. Deshalb wird die Geschichte von Menschen handeln, die ich kenne, und von solchen, die ich wenig kenne, mit denen wir diesen Weg gehen müssen. Einige von ihnen waren zufällig da, andere kamen bewusst, um zu helfen, ohne an materielle Verluste oder den Verzicht auf ihren gewohnten Komfort zu denken. Mit anderen Worten geht es um diejenigen, von denen ich überzeugt bin, dass wir mit ihnen zusammen unsere Heimat, unser Land und unser Leben bewahren können.

24. Februar 2022 Und so teilte der frühe Morgen des 24. Februar das Leben in zwei Teile. Das Bewusstsein weigerte sich, es zu glauben. Zu diesem Zeitpunkt lebten wir wegen der Pandemie bereits seit fast zwei Jahren in unserer Datscha am Waldrand, einige Kilometer bergauf von den Kyiver Vororten Butscha und Gostomel entfernt. Die winterliche Stille des Datscha-Dorfes schien zu widerlegen, was wir in den Nachrichten gehört hatten. Dass alle Annehmlichkeiten vorhanden waren, machte das Geschehen noch unglaubhafter: Es gab Strom, fließendes Wasser, Heizung und vor allem Kommunikation. Fernsehen und Internet funktionierten, und nachdem wir unsere im Ausland lebenden Verwandten beruhigt hatten, verfolgten wir gierig die Nachrichten auf den ukrainischen Kanälen.

Wir wussten noch nicht, dass wir jeden Moment inmitten der Kriegshandlungen stehen würden. Allerdings hörten wir schon am Nachmittag das schwere Grollen von Flugzeugen. Dann tauchten Hubschrauber über dem Haus auf, die von Norden her in niedriger Höhe in Richtung des Flugplatzes Gostomel flogen. Danach waren Explosionen zu hören und schwarze Rauchwolken verdunkelten den Horizont in drei oder vier Kilometern Entfernung von uns. So begann der Alltag des Krieges. Es kam in seiner ganzen schrecklichen Realität auf uns zu: entfernte Explosionen, beunruhigende Berichte über die Bombardierung Kyivs und ein Gefühl der Isolation, des Abgeschnittenseins von der Welt. Am Abend des 25. Februar war klar, dass wir, wie der Rest der Kyiver Vorstädte, in eine Falle geraten waren. Alle Brücken, die nach Kyiv führten, waren gesprengt worden, und die Straßen in andere Richtungen wurden von russischen Truppen kontrolliert.

Am 27. Februar fiel der Strom und somit die Kommunikation weg. Die Falle war zugeschnappt. Der dünne Faden, der uns mit der Außenwelt verband, war ein altes Tastentelefon, das auch als Radio benutzt werden konnte. So erfuhren wir, dass die Kämpfe in Gostomel weitergingen und ukrainische Truppen den Flugplatz zurückerobert hatten. Die sich nähernden und verstärkenden Explosionen wurden zu einer ständigen Kulisse unserer Existenz. Wenn der Lärm der Granaten kurzzeitig verstummte, erfüllte sich der Raum mit dem Rumpeln schwerer Geräte. Am 28. Februar verstärkten sich die Geräusche des Beschusses durch schwere Geschütze. Die üblichen Sonnenaufgänge und -untergänge wurden durch Brände und schwarzen Rauch ersetzt.

Überall Feuer Es war gefährlich geworden, das Haus zu verlassen. Die Fenster klirrten, die Wände zitterten unter dem Krachen der Granaten und dem Lärm der vorbeifliegenden Hubschrauber. Nach dem nächsten Anflug auf den Flugplatz brach direkt vor unserer Einfahrt auf dem verlassenen Feld ein Feuer aus, denn eine der gefallenen Granaten hatten das trockene Gras in Brand gesetzt. Das Feuer breitete sich schnell aus und die Flammen näherten sich unserem Haus. Die wenigen Liter Wasser, die wir noch in Reserve hatten, würden kaum für einen kleinen Teil der Feuerwand ausreichen, die vor unseren Augen aufstieg. Und dann, in unserem ersten Moment der Verzweiflung, sahen wir, dass wir nicht allein waren. Unsere Nachbarn, eine Mutter und ihr erwachsener Sohn aus einem benachbarten Haus, waren mit uns auf das Feld gelaufen. Was mich jedoch noch mehr überraschte, war, dass auch andere Menschen, die die Stadt einige Tage zuvor verlassen hatten, um auf dem Land Zuflucht vor den Bombenangriffen zu suchen, ebenfalls dort waren. Das Feuer durfte auf keinen Fall auf ihr Haus übergreifen, das weit entfernt vom Feld in der Ebene stand. Aber sie kamen uns zur Hilfe.

Ich werde dieses Bild immer vor Augen haben: Das Geräusch von Explosionen, Hubschrauber, die über dem Boden kreisen, um den Flugplatz zu bombardieren, ein brennendes Feld und darauf zwei schwache Frauen und ein Mädchen, fast ein Kind, die schweigend über das brennende Feld laufen und das Feuer mit Zweigbündeln niederschlagen – und es besiegen.

In diesen Momenten dachten wir, das Schlimmste sei überstanden. Einige Stunden lang wurde das Grollen durch Stille ersetzt, und nur schwarze Rauchsäulen am Horizont und Flammen, die in der Dämmerung auf dem Feld aufloderten, erinnerten an den Krieg. Aber er ging nicht weg. Er war ganz in der Nähe, kam näher, wurde lauter und beängstigender, schon um Mitternacht. Die Kanonade, die am ersten Frühlingstag begonnen hatte, hörte nicht eine Minute lang auf. In den kurzen Momenten der Stille kletterte ich aus dem Keller nach oben ins Haus, um meinen Mann zu überreden, in den Schutzraum hinunterzugehen und ein paar Sachen in einen Rucksack zu packen, falls es eine Gelegenheit zur Flucht geben würde. Zu den Geräuschen der schweren Geschütze gesellte sich das nahe Maschinengewehrfeuer aus den Wäldern und Feldern. Am Abend des 2. März explodierten die Granaten bereits in unmittelbarer Nähe des Hauses.

Artilleriebeschuss In der Morgendämmerung des nächsten Tages näherte sich ein russischer Konvoi mit schwerem Militärgerät – Baggern, Traktoren und Artilleriegeschützen – der Datscha-Siedlung und ging etwa zwanzig Meter hinter unserem Grundstück in Stellung. Eine Stunde später begann ein derartiges Heulen und Grollen, dass das, was wir am Vortag gesehen und gehört hatten, uns wie ein Flüstern vorkam. Wenige Minuten nach Beginn eines heftigen Artillerieduells war über uns das Geräusch von splitterndem Glas zu hören, weil mehrere Geschosse unser Haus durchschlagen hatten. Es brach sofort Feuer aus. Die Flammen griffen auf den ersten Stock über und rasten bis zu unserem Schutzraum. Vom Dach fielen bereits brennende Dachziegel herab und versperrten die Fluchtwege.

Der einzige Ausweg war die Tür, die aus dem Keller nach oben führte, auf das offene Feld, in Richtung der donnernden Mörser. Es gab kaum eine Wahl: zu verbrennen oder doch zu versuchen, der Feuerfalle zu entkommen, um diese Bombardierung zu überleben. Die Kanonade hörte nicht auf. Mit unserem kleinen Hund auf dem Arm und einem Rucksack auf dem Rücken sprangen wir über den Zaun und liefen, den herabstürzenden Metall- und Steinbrocken ausweichend, auf das Nachbarhaus zu.

Als wir gerade um die Ecke bogen, sahen wir unseren Nachbarn Anton auf uns zu laufen. Anstatt die Bombardierung an einem sicheren Ort abzuwarten, eilte er auf das offene Feld, um uns zu helfen. So wussten wir, dass wir nicht allein waren. Nachdem der Beschuss eine Zeit lang nachgelassen hatte, kamen wir vier Überlebende, Anton und seine Mutter sowie mein Mann und ich, an die Oberfläche. Am Vortag hatte es geschneit, und der Frost war zurückgekehrt, aber es war warm: Wir wurden von der Hitze unseres brennenden Hauses gewärmt. Das Feuer zischte geschäftig, fraß sich durch die Wände und warf die Reste des Daches, der Rohre und Drähte auf den Boden.

Ein wenig mehr, und die herabfallenden Trümmer hätten das Auto auf dem Hof in Brand gesetzt. Die Männer schnappten sich Wasserkanister, sprangen vor das Feuer und begannen, es mit Wasser zu begießen, um die Hitze zu reduzieren. In der Zwischenzeit kümmerte sich die Nachbarin bereits bei sich zuhause um unser Überleben. Sie brachte ihren gesamten Vorrat an warmer Kleidung mit, gab uns die letzten warmen Schuhe und deckte unseren vor Kälte und Angst zitternden Hund zu. Als der Beschuss etwas nachließ, schlichen sich zwei Männer, darunter Yuri, der Wachmann unserer Datscha-Genossenschaft, an den russischen Patrouillen vorbei zu uns auf den Hügel. Sie brachten etwas zu essen und eine gute Nachricht: Sie hätten eine Verbindung zur Außenwelt. Unsere Kinder erfuhren von ihnen, dass wir noch leben. Mein letzter Tagebucheintrag an diesem Tag war karg: „... eine Kolonne von schwerem Gerät... Es sind Flugabwehrkanonen... 8:30. Sie feuern. 8:44. Ein Geschoss traf das Haus. Es brennt. Wir gehen mit unseren Sachen und dem Hund Ljolja durch den Keller hinaus. Anton kommt uns entgegen. Wir zogen bei ihnen ein. Unser Haus ist niedergebrannt. 14:02. Das Dach stürzte ein und das Haus brennt von innen aus.“

Okkupation Zwei Wochen der Okkupation lagen noch vor uns. In dieser für friedliche Verhältnisse kurzen Zeit lernten wir den Preis von Minuten der Ruhe und des Schlafs, den Preis von Wärme und Nahrung und vor allem den Preis von Menschlichkeit und stillem Mut kennen. Es fällt mir nicht leicht, unser Leben an jenen Tagen in Worte zu fassen. Es bestand aus schwerem Alltag mit kleinen, mühsamen Aufgaben. Jeder von ihnen erforderte unter diesen Bedingungen außergewöhnlichen Einsatz und Mut.

Ich erinnere mich, dass Anton stillschweigend sein Sofa und seine einzige warme Decke an uns abtrat, während er im Durchgangszimmer auf dem eisigen, harten Boden schlief. Einen anderen Vorfall kann ich ebenso nicht vergessen. Am Abend desselben Tages kamen wir ins Gespräch mit seiner Mutter Tatiana und sie fand heraus, dass mein Mann ohne seine täglichen Diabetesmedikamente geblieben war. Am nächsten Morgen stiegen sie und ihr Sohn, unter der Gefahr, erschossen zu werden, den Berg hinunter in den Sumpf, um die Wurzeln des Topinamburs auszugraben, der als Hausmittel gilt. So war es auch mit dem Wasser, das Anton ohne Rücksicht auf die Gefahr aus dem Brunnen holte, und mit dem Sammeln der trockenen Äste für den Ofen, der einzigen Wärmequelle. In den kurzen Pausen zwischen dem unaufhörlichen Beschuss mussten sie in der Nähe des Hauses gesammelt werden. Ich kann die erste Woche nicht vergessen, in der wir alle in dem winzigen Keller schliefen und versuchten, uns warm zu halten und uns gegenseitig mit Gesprächen abzulenken. Die Temperatur im Keller sank über Nacht auf null Grad, aber es war der einzige Ort, an dem wir inmitten des unaufhörlichen Donners wenigstens ein paar Stunden Schlaf finden konnten.

Bald lernten wir, das Geräusch von abgefeuerten und ankommenden Geschossen zu unterscheiden, eine Portion heiße Suppe auf vier Personen aufzuteilen, zwei Hunde und eine Katze aus einer Schüssel zu füttern und unser Essen mit den Tieren zu teilen. Jeden Tag ging Anton zum Haus des Wachmanns Yuri und lud das einzige zuverlässige Telefon auf. Es wurde früh dunkel. Abends saßen wir in dem winzigen, kalten Raum neben dem brennenden Ofen, saugten seine Wärme auf, bevor die kalte Nacht hereinbrach, und hörten dem einzigen funktionierenden Radiotelefon zu. So erfuhren wir, dass „grüne Korridore“ zur Evakuierung eingerichtet würden. Jeden Tag kam und ging die Hoffnung auf Rettung. Wir befanden uns schließlich an einem Ort, der nicht einmal auf der Landkarte verzeichnet war: eine Handvoll Menschen, verloren auf der Schusslinie zwischen zwei größeren Dörfern.

Schutzengel Ich weiß immer noch nicht, wer, wie und wann das Rote Kreuz über unsere Existenz informiert hat. Wahrscheinlich war es der Verdienst vieler besorgter Menschen. Aber ich weiß, dass eine der Personen, der wir dieses Wunder verdanken, unsere jüngste Tochter Marina war. Sie selbst erinnert sich nicht gerne daran.

Aber ihre Verwandten und Freunde erzählten mir einige Monate nach den Ereignissen, wie ihr hier in Luxemburg morgens die Augen zufielen und sie im gleichen Moment mit dem Telefon in der Hand aufsprang und nach einer Möglichkeit suchte, uns aus der Hölle zu holen. Tagsüber arbeitete sie und kümmerte sich um unsere Freunde aus Kyiv, die sie seit den ersten Kriegstagen in Luxemburg beherbergte. Abends und nachts führte sie endlose Telefonate mit Freunden und Fremden, die in der gemeinsamen Not zu Verwandten geworden waren, machte Hunderte von Anrufen, Bitten und Forderungen, um uns, ihre Eltern, aus der Falle zu befreien. Einmal gelang es ihr sogar, durch Bekannte von Bekannten den Kontakt zu einem Fremden aufzunehmen, der in einem kleinen Dorf nicht weit von uns lebte, um Medizin an ihren Vater weiterzugeben. Er bot sich an, mit seinem Fahrrad zu dem Datscha-Dorf zu fahren, das nur einen Kilometer von unseren Häusern entfernt war. Ich kenne seinen Namen nicht, aber ich werde ihn sicher herausfinden, und ich hoffe von ganzem Herzen, dass er noch am Leben ist. Immerhin ging er an einen Ort in der Nähe von Butscha, an dem selbst ein halbes Jahr nach der Befreiung noch die Überreste umgekommener Zivilisten im Wald gefunden wurden.

Wie viele solche Schutzengel wachten in jenen Tagen über uns alle! Und wir spürten es und glaubten, dass wir gerettet werden würden. Der letzte Beschuss war besonders brutal und erschreckend. Als wir unten saßen und uns in Gedanken voneinander verabschiedeten, wussten wir, dass uns der Keller diesmal nicht schützen konnte, denn die Granaten und Fliegerbomben kamen fast bis in den Hof. Plötzlich herrschte Stille. Als wir nach oben kamen, sahen wir das Ende einer russischen Artilleriekolonne, die ihre Position verließ. Die Nacht verging mit dem Geräusch von entfernten Schüssen. Auch der nächste Tag brachte keine Stille, aber der Donner klang in der Ferne wie ein Vorbote von etwas Neuem, das wir nicht kannten.

Evakuierung Am Nachmittag lief bei uns der aufgeregte Wachmann Yuri vorbei und teilte mit, dass sich in einer halben Stunde der „grüne Korridor“ öffne. Wir müssten die Zeit zum Packen verwenden, um in einer organisierten Kolonne in Richtung Schytomyr aufzubrechen. Nachdem wir uns selbst und unser Auto mit weißen Erkennungsverbänden versehen hatten, fuhren wir zum Sammelpunkt. Dort warteten bereits mehrere Fahrzeuge. Russische Maschinengewehrschützen liefen umher, kontrollierten die Pässe, durchsuchten die Männer, schauten durch die Fenster und untersuchten unsere Habseligkeiten. Das war eine der vielen Straßensperren, die wir passierten. An einigen von ihnen wurde unsere kleine Kolonne zurückgeschickt und wir fuhren umher, über Waldwege, durch Dörfer mit zerstörten Häusern, zerschossenen Autos und den Überresten von Toten, denn auf der Landstraße wurden damals heftige Artilleriegefechte ausgetragen.

Der Leiter des Konvois, Yuri, war ein Einheimischer und legte mit sicherer Hand den Kurs fest. Wir mussten nur mithalten und beten, dass wir keinen platten Reifen bekommen würden. An einem der unzähligen Kontrollpunkte legten wir unsere Dokumente vor, und plötzlich hörten wir Ukrainisch, was uns wie Musik vorkam. Wir sprangen vor Freude fast aus dem Auto, als wir verstanden, dass Yuri es geschafft hatte, uns alle auf ukrainisch kontrolliertes Territorium zu bringen. Auf der Schnellstraße hatten wir danach das Gefühl, befreit zu sein.

Der Konvoi löste sich auf, als die Autos auf bekannte Dörfer und Orte zufuhren. Nachdem wir uns mit einem Hupen verabschiedet hatten, fuhren wir in Richtung Schytomyr. Eine Tankstelle am Rande der Stadt begrüßte uns mit Stille und gedämpften Lichtern. Als wir an der Zapfsäule anhielten, weil der Tank fast leer war, informierte uns der Tankwart, dass Benzin nur mit speziellen Gutscheinen erhältlich sei. Ich war verzweifelt. Es war dunkel, ich hatte meinen kranken Mann dabei und die Stadt war mir fremd. Aber egal, wie es war, niemand würde nach einer anstrengenden Reise auf einen Kaffee verzichten. Während die Verkäuferin unseren Kaffee zubereitete, kamen wir ins Gespräch. Als sie hörte, dass wir gerade den „grünen Korridor“ aus Butscha verlassen hatten, schwieg sie einen Moment, schaute dann zu mir auf und sagte entschlossen: „Ich fülle Ihren Tank.“ Es war mehr als nur Worte. Es war eine Rettung. Ich wünsche, ich hätte sie nach ihrem Namen gefragt. Ich möchte glauben, dass es dem Mädchen und ihren Lieben gut geht. Schließlich wurde Schytomyr in selber Nacht brutal bombardiert.

Wir tankten und fuhren weiter, nach Riwne. Bereits in der Dunkelheit hielten wir an einem kleinen Hotel am Rande der Stadt. Nur dreihundert Kilometer trennten uns vom Schlachtfeld, aber wir schienen eine andere Welt betreten zu haben, hell und sicher. Kaum hatten wir uns in unserem Zimmer eingerichtet, luden wir unsere Telefone auf und riefen die Kinder an. Es wurde beschlossen, dass wir zu ihnen nach Luxemburg fahren würden. Am nächsten Tag erreichten wir Ternopil, wo Iwan, ein Kollege meines Mannes, lebte. Seine Familie nahm uns auf, wärmte und versorgte uns. Menschen, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sah, kümmerten sich um uns wie um die eigene Familie. Wir haben in den zwei Tagen so viel Wärme und aufrichtige Anteilnahme von ihnen erfahren, dass die Kälte und Trübsal der vergangenen Tage verschwanden und wir allmählich auftauten.

In Polen Wir überquerten die Grenze zwischen Polen und der Ukraine relativ schnell. Zollbeamte und Grenzschutzbeamte arbeiteten am Rande ihrer Kräfte, aber alles lief höflich, verständlich und koordiniert ab. Gegen Mitternacht passierte unser Auto die polnische Grenze. Wir wurden von einer dunklen, nächtlichen Straße empfangen. Alle Hotels in der Nähe waren überfüllt. Wieder einmal kamen Kinder, Freunde und Freunde von Freunden zur Hilfe. Sie kontaktierten Brian Gesin in Warschau, der für uns ein Hotel in der kleinen Stadt Zamość, etwa 60 Kilometer von der Grenze entfernt, buchte. Es war eine interessante Suche im Dunkeln, mit einem defekten Navigationsgerät, das nur die ungefähre Richtung kannte, auf unbekannten Straßen, von denen einige unvermutet wegen Reparaturen gesperrt waren, ein Hotel zu finden. Aber wir fuhren zuversichtlich, denn wir wussten, dass irgendwo da draußen, weit weg, Marina, Mark und Brian die Hand am Puls des Geschehens hatten, die Straße mit uns überwachten und uns den Weg wiesen. Sie beendeten ihre Nachtwache erst, als wir das Hotel erreichten und uns in unserem Zimmer niederließen. Und ihre Wache ging im Morgengrauen weiter: andere Menschen begrüßen, Essen servieren, wärmen und weiter auf den Weg bringen.

Am Morgen fuhren wir nach Warschau. Mark Kitchell, unser Schwiegersohn, hatte den frühesten Flug aus Luxemburg gebucht. Er hatte alles stehen und liegen gelassen und war hierher geflogen, um mich am Steuer abzulösen. In dem Moment, als wir ihn und Brian in Warschau umarmten, verstanden wir im vollen Sinne, was es bedeutet, eine „Schulter zum Anlehnen“ zu haben. Wir waren in Sicherheit, bei zuverlässigen Freunden. In den nächsten zwei Tagen auf der Straße gab es viele Geschichten über das Erlebte und einiges an Plänen für die Zukunft. Diese Pläne waren ungewiss, aber während der schnell vergangenen 40-stündigen Fahrt über polnische und deutsche Autobahnen verstanden wir, dass es doch eine Zukunft gab. Wir spürten Unterstützung, ohne uns zu bemitleiden, und Hilfe, die nicht an die große Glocke gehängt wurde.

Erinnerung an 1945 Wir haben auf dieser Reise auch gelernt, dass Geschichte nicht nur eine Ansammlung von Daten und trockenen Fakten ist. Mark führte uns etwas abseits des Weges in eine kleine Stadt im Westen Deutschlands. Es war für ihn ein besonderer Ort, an dem sein junger Vater, der sich im Zweiten Weltkrieg für die Armee freiwillig gemeldet hatte, im Frühjahr 1945 den Sieg feierte. Als wir auf der ruhigen, schmalen Kopfsteinpflasterstraße standen, umgeben von gemütlichen alten Häusern, war es schwer vorstellbar, dass hier schwere Kämpfe stattfanden und Menschenleben in Gefahr waren. Ich bin mir sicher, dass es kein Zufall war, dass an dem Ort, an dem vor 77 Jahren ein junger Amerikaner einige Leben rettete, sein Sohn am Ende andere rettete. Ich weiß nicht, was er dachte, als er den läutenden Kirchenglocken still zuhörte, aber ich dachte in diesem Moment, dass sein Vater nicht vergeblich gekämpft hatte und dass sein persönlicher heldenhafter Einsatz und sein ganzes Leben der Faden des Guten ist, der uns alle hier auf deutschem Boden verband.

Die Wunder der Güte waren nicht symbolisch, sondern sehr real und verfolgten uns bis zum Verlassen der Stadt. Bevor wir aufbrachen, kehrten wir in einem kleinen Café ein, um einen Happen zu essen. Der Besitzer, ein Mann mittleren Alters, bediente uns und schaute von Zeit zu Zeit aus dem Fenster. Später erfuhren wir, dass ihm das ukrainische Nummernschild unseres Autos aufgefallen war. Als wir dann zahlen wollten, war er nicht dazu zu überreden, unser Geld für das Essen anzunehmen. Zunächst lehnte er mit einfachen Gesten ab. Schließlich sagte er mit einem ernsten Blick zu uns: „Ich werde kein Geld von Ihnen annehmen. Ich weiß, wie es ist, alles zu verlieren und vor dem Krieg zu fliehen.“

In Luxemburg Am Abend desselben Tages endete die dreiwöchige Reise vom Krieg zum Frieden in Luxemburg. Wir wohnten in der Wohnung der ältesten Tochter. Sowohl sie als auch unsere Enkelinnen Polina und Olena haben alles getan, damit wir vergessen, was wir ertragen mussten. Sophia half Papa, eine neue Brille zu bestellen. Er konnte wieder lesen, Fernsehen und die Welt mit „neuen“ Augen sehen. Unsere jüngste Tochter Marina hat all meine Klamotten komplett erneuert.

Und es kam zu neuen Begegnungen. Da waren die Passanten, die uns den Weg so erklärten, dass wir ihn leicht finden konnten; die Sozialarbeiter, die uns berieten, damit wir alles verstehen konnten, auch wenn es in einer fremden Sprache geschrieben war; die Ärzte und das Personal in den Krankenhäusern; die jungen Leute auf der Straße, die „Slava Ukraini!“ riefen, wenn sie ukrainische Nummernschilder sahen. Kurzum, alle, denen wir in diesem neuen, friedlichen Leben begegneten. Bei jedem, den wir ansprachen, spürten wir den aufrichtigen Wunsch, uns zu helfen. Wir sind hier von Menschen mit großem Herzen umgeben, die uns anonym unterstützen. Herzlichen Dank! Ich weiß, was es für euch bedeutet, eure Pläne und Bequemlichkeiten aufzugeben. Ich hatte das Glück, in diesem Sommer ukrainische und luxemburgische Kollegen an der Universität Luxemburg zu treffen. Wir beginnen ein neues Kapitel in unserem Leben. Es wird nicht leicht sein, aber ich bin sicher, dass es eine Geschichte unseres gemeinsamen Sieges sein wird..

Übersetzung: Inna Ganschow

Zur Person

Iryna Pogrebynska, geb. 1956, ist eine Kyiver Wissenschaftlerin. Sie ist Mitglied des Luxemburg Ukrainian Researcher Network (LURN), das an der Universität Luxemburg von Marina Laurent, Marten During und Inna Ganschow gegründet worden ist. In dieser Vereinigung sind alle Forscherinnen und Forscher aus der Ukraine willkommen, die an luxemburgisch-ukrainischen akademischen Kooperationen interessiert sind. Kontakt: inna.ganschow@uni.lu

Archiv der Kriegszeugnisse

Die Geschichte von Iryna Pogrebynska aus Butscha wurde in einem Audio-Interview für das Archiv der Kriegszeugnisse „24.02.22, 5 am: Testimonies from the War“ festgehalten, das am Zentrum für Zeitgeschichte und digitale Geschichtswissenschaften C2DH in luxemburgisch-ukrainisch-polnisch-schottischer Zusammenarbeit entsteht. Alle ukrainischen Flüchtlinge und ihnen helfenden Freiwilligen in der Großregion sind eingeladen, ihre Kriegserinnerungen (anonym) zu teilen und der Forschung zur Verfügung zu stellen. Kontakt: machteld.venken@uni.lu

Iriyna Pogrebynska
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