Binge Watchning

Ein schmaler Grat

d'Lëtzebuerger Land du 04.11.2022

The Lord of the Rings: The Rings of Power: Mehr als eine Milliarde Dollar soll diese Serie des Streamingriesen Amazon Prime gekostet haben, davon wurden allein 250 Millionen für den Erwerb der Rechte, die noch beim Tolkien Estate lagen, aufgebracht. Sie gilt als das teuerste Serienprojekt aller Zeiten – allein die Superlative mit denen The Rings of Power beworben wurde, sorgten dafür, dass das Prestige-Projekt in aller Munde ist. Weiter befeuert wurde die Diskussion als eingefleischte Fans eine moderne, woke Agenda, besonders hinsichtlich des Castingprozesses wahrnahmen, die gleichsam im Widerstreit mit der Ideenwelt, der Zeit und des Geistes des Schöpfers J.R.R. Tolkien, der die Saga Mitte des 20. Jahrhunderts entwarf, stünde. Zweifelsohne steht die Serie vor großen Herausforderungen, besonders hinsichtlich der Adaption eines Stoffes, die das christlich geprägte Weltbild Tolkiens für ein zeitgenössisches Publikum mit entsprechendem Erwartungshorizont und Sehgewohnheiten aufbereiten soll. Hinzu kommt, dass sie sich als Vorgeschichte zu The Lord of the Rings oder The Hobbit, die weltweit große Erfolge feiern konnten, behaupten muss. Jeff Bezos, der CEO von Amazon, ist angesichts dieser Herausforderungen nicht zimperlich und will mit The Rings of Power insbesondere an den Erfolg der HBO-Serie Game of Thrones anknüpfen. Gleich über mehrere Staffeln hinweg soll sich diese Erzählung um den Niedergang des sogenannten Zweiten Zeitalters erstrecken. Entsprechend lässt sich diese erste Ausgabe viel Zeit, um seine Figuren und Handlungsorte zu etablieren, ein auf Stringenz ausgerichtetes narratives Muster bleibt da über weite Strecken unerkennbar. So viel lässt sich sagen: Die getriebene Elbenfürstin Galadriel (Morfydd Clark) will dem langanhaltenden Frieden nicht trauen. Sie befürchtet, die Wiederkehr des düsteren Herrschers Sauron stehe unmittelbar bevor und ist bemüht, die Völker Mittelerdes gegen diesen Urfeind zu einigen.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass The Rings of Power von zwei großen stilbildenden Linien bestimmt wird: Zum einen gibt es die direkte Einschreibung in die Bilderwelten aus der Trilogie des neuseeländischen Regisseurs Peter Jackson, der seinerseits so klug war, die beiden renommiertesten Tolkien-Illustratoren, Alan Lee und John Howe, als Produktionsdesigner für sein damaliges Mammutprojekt zu gewinnen, um so an bereits vorhandenes Bildbewusstsein der fantastischen Welt Mittelerde anzuknüpfen. The Rings of Power kann die Vergleiche zu Jacksons Vision ja gar nicht umgehen, da sich dessen bildgewaltige Schöpfungen Anfang der Nullerjahre einem versierten Publikum ohnehin zwangsläufig wie eine Art Prüffolie während des Seherlebnisses dazwischenschieben. Anders als bei Jackson steht diese Welt in voller Blüte, der ganze Glanz des heute digital Abbildbaren steht dem Team um Patrick McKay und J.D. Payne dafür zur Verfügung. Überhaupt ist es diese ungemein blendend zugespitzte Hochglanzästhetik, die die Serie im Wesentlichen prägt. Ungeachtet dieser gewollt zu künstlich-perfekten bildlichen Überwältigung macht die Serie vieles mit äußerster Vorsicht: Die Darstellung der Elben und Zwerge bewegt sich stark an den Vorstellungen Jacksons, bei dem naturverbundenen Volk der Hobbits wird indes versucht eigene Wege zu gehen, die dann eher Assoziationen zu Repräsentationen von Shakespeares Mittsommernachtstraum oder J. M. Barries Peter Pan zulassen, jene Fantasywerke von denen Tolkien sich noch stark zu distanzieren versuchte. Ohnehin fehlt es der Serie an stofflichem und seriengerechtem dramaturgischem Inhalt, da sie sich rechtlich nur auf einige Seiten aus The Lord of the Rings berufen darf, die Tolkien dem besonders passionierten Leser als Anhängsel nachreichte. Ja, letztlich spürt man das Fehlen der Virtuosität in der Sprachkunst Tolkiens, dessen begeisterte Sprachenliebe ausschlaggebend für die Schaffung dieser Sekundärwelt war. Nur mittels dieser ist es möglich, diesen Fantasyfiguren die nötige Ernsthaftigkeit und Fatalität einzuverleiben und sie so nicht ob ihrer bunten Kostüme und Masken den Niederungen einer karnevalesken Komödie preiszugeben. Fantasyadaptionen in audiovisuellen Medien sind und bleiben ein schmaler Grat.

Marc Trappendreher
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