Im August 2025 bezogen 67 902 der damals 455 033 lohnabhängig Beschäftigten den Mindestlohn (SSM). Das entsprach 15 Prozent. 38 463 Personen erhielten den unqualifizierten Mindestlohn von 2 704 Euro, 29 439 bekamen den qualifizierten (3 244 Euro). Das sind die rezentesten Angaben der Generalinspektion der Sozialversicherung (IGSS).
Vor drei Jahren hatte die Salariatskammer (CSL) ein Portrait de la population au salaire minimum geschrieben. Seine Vorstellung Ende Oktober 2023 fiel in die Zeit der Koalitionsverhandlungen von CSV und DP, wahrscheinlich erfuhr der 180 Seiten lange Bericht deshalb nicht die Beachtung, die er eigentlich verdient hätte. Denn eine so akribische und umfangreiche Beschreibung hatte noch niemand unternommen.
Anhand von Zahlen aus dem Jahr 2022 strich das Portrait hervor: Wer den Mindestlohn bezieht, ist im Vergleich zum Gesamt-Salariat jünger, weniger erfahren und meist mit unbefristetem Vertrag in blue collar jobs tätig. Zwischen cols bleus (vorwiegend manuelle Tätigkeiten) und cols blancs (vorwiegend intellektuelle) unterschied die CSL nach der Internationalen Klassifikation der Berufe des Bureau international du travail. In der Population der Mindestlohnbezieher/innen ist, so die CSL noch, der Frauen-Anteil höher: Waren im Jahr 2022 etwa 60 Prozent aller Lohnabhängigen männlich, lag der Männer-Anteil bei Personen mit qualifziertem Mindestlohn bei 57 Prozent und bei nur noch 51 für die mit unqualifiziertem. Und während die salariés insgesamt gesehen besonders stark konzentriert sind im Sektor „Diverse Diensleistungen“, in den ganz verschiedene Berufe von der Anwältin über den Sicherheitsagenten bis hin zum Immobilienhändler fallen, arbeiten die meisten zum Mindestlohn Beschäftigten im Handel. Luxemburger zu sein, garantiere übrigens kein höheres Gehalt. Dagegen befänden sich unter SSM-Beziehern viele mit portugiesischer Nationalität.
Im Vergleich der beiden Jahre 2012 und 2022 stellte die CSL fest, dass der Mindestlohn in Sektoren mit cols blancs-Tätigkeiten häufiger geworden ist. In den „Diversen Diensleistungen“ etwa war er 2022 um 21 Prozent häufiger geworden als 2012. Und wenn in Sektoren wie „Öffentliche Verwaltung“ und „Gesundheit und soziale Aktion“ die Beschäftigung besonders wuchs, nahmen die Anstellungen zum Mindestlohn noch stärker zu, vor allem die zum unqualifizierten, dem SSM NQ.
Nicht wirklich ein Salär zum Einstieg
Besonders interessant war die Einschätzung der CSL, dass der unqualifizierte Mindestlohn nicht wirklich als Salär zum Einstieg ins Arbeitsleben angesehen werden kann. Von den im Jahr 2011 zum SSM NQ Eingestellten bezog ein Jahr später ein Drittel ein höheres Gehalt. Fünf Jahre später waren es 69 Prozent, zehn Jahre später 78 Prozent. Die CSL rechnete dabei heraus, dass der Luxemburger Arbeitsmarkt sehr dynamisch ist und wegen der Beschäftigung von frontaliers Zu- und Abgänge „sehr häufig“ sind, wie sie vermerkte. Im „Kern“ der Beschäftigten aber steckt laut ihren Berechnungen gut jeder Fünfte auch nach zehn Jahren noch im unqualifizierten Mindestlohn fest. In welchen Sektoren das vor allem so ist, erläutert das Portrait nicht: Mindestlohnempfänger wechseln nicht selten zwischen Sektoren. Das macht so eine Analyse schwer.
Weil der Mindestlohn Teil eines komplexen gesellschaftlichen und politischen Problems ist, das bis in den Wohnungsbau und die Steuerpolitik reicht und Fragen zur Organisation der Betriebe, ihren Wachstumsaussichten und zum Sozialdialog aufwirft, wäre eine regelmäßige ausführliche Berichterstattung dazu sicherlich nützlich. Die CSL hatte Mikrodaten der IGSS verarbeitet. So konnte sie Informationen liefern, die weit über das hinausreichen, was die IGSS alle sechs Monate im Tableau de bord du marché du travail luxembourgeois publiziert.
Doch auch die Tableaus liefern interessante Einsichten. Etwa die, dass der Anteil der Mindestlohnbezieher/innen am Salariat ziemlich stabil ist. Er lag in den Jahren 2016 bis 2025 bei um die 14 bis 15 Prozent, obschon die Gesamtzahl der salariés in diesem Zeitraum um rund ein Viertel wuchs. Nicht so gleichbleibend ist der Prozentsatz jener Beschäftigten, die eine neue Stelle antreten, an der nur der Mindestlohn gezahlt wird. Er oszillierte 2016 bis 2025 zwischen 27 und 35 Prozent. Die jüngste Aufstellung der IGSS passt dazu: Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 wurden insgesamt 143 200 Arbeitsplätze mit lohnabhängig Beschäftigten neu besetzt. Für 49 590 Stellen (34,5 Prozent) wurde im Arbeitsvertrag der Mindestlohn vereinbart. Für 24,6 Prozent der unqualifizierte Mindestlohn, für 9,9 Prozent der qualifizierte.
Mehr zum unqualifizierten Mindestlohn
So ungefähr geht das seit zehn Jahren. In der Diskrepanz zwischen Anstellungen und der Beschäftigung zum SSM äußern sich Fluktuationen an den Arbeitsplätzen und Entwicklungen zu höheren Gehältern. Doch offenbar nehmen die Rekrutierungen zum unqualifizierten Mindestlohn allmählich zu. Die zum qualifizierten machten 2016 bis 2025, über alle Sektoren, stets neun bis zehn Prozent aus, 2017 waren es acht. Dagegen konnten die Rekrutierungen zum unqualifizierten Mindestlohn in den 2010-er Jahren unter 20 Prozent betragen. Seit Beginn der 2020-er Jahre war das nie mehr so, und sie gehen den 25 Prozent entgegen, die im August 2025 fast erreicht wurden.
Getragen wird dieser Trend vor allem von zwei Sektoren: dem Hotel- und Gaststättengewerbe (Horeca) und dem Sektor „Handel und Reparatur von Autos und Motorrädern“. Zwar wird auch in anderen Sektoren über den Durchschnitt hinaus zum Mindestlohn rekrutiert: im Bauwesen, der verarbeitenden Industrie, dem Sektor „Transport und Lagerung“ (auch mit „Logistik“ umschrieben) sowie in „Gesundheit und soziale Aktion“. Horeca und Handel/Garagisten aber stechen hervor. Im Horeca-Sektor führten in den letzten fünf Jahren stets mehr als 60 Prozent der Rekrutierungen zu einer Anstellung zum Mindestlohn. Stand Januar 2025 waren es 65 Prozent, dabei 54 Prozent zum unqualifizierten Mindestlohn. Dass im Horeca-Gewerbe mehr als 50 Prozent der Rekrutierungen zum unqualifizierten Mindestlohn erfolgen, ist seit 2021 die Regel. In der zweiten Hälfte der 2010-er Jahre waren es um die zehn Prozentpunkte weniger.
Im Sektor Handel/Garagisten wurden in den letzten fünf Jahren stets mehr als 50 Prozent der Rekrutierungen zum Mindestlohn vorgenommen, im Semester bis zum Januar 2025 waren es 53 Prozent. Der Anteil der Rekrutierungen zum unqualifizierten Mindestlohn lag bei 41 bis 42 Prozent. In der zweiten Hälfte der 2010-er Jahre waren es fünf bis zehn Prozentpunkte weniger.
Handel und Horeca
Dass im Handel auch die Gesamtzahl der Rekrutierungen stark zugenommen hat – von 13 390 im Jahr 2016 auf 17 300 im Januar 2025 –, ist wahrscheinlich ein Grund, weshalb auf ihn der größte Anteil an der Beschäftigung zum Mindestlohn entfällt. Oder, wie die IGSS das nennt, sein Anteil am „Stock“ der Mindestlohnbezieher/innen: 24 Prozent zum letzten Stand vom Januar 2025. Eine Unterscheidung nach qualifiziertem und unqualifiziertem Mindestlohn trifft die IGSS beim „Stock“ nicht. Der Anteil der Horeca liegt mit 16 Prozent auf Rang 2.
Die CSL hatte im Portrait eine noch genauere Betrachtung gemacht. 2022 hatte der Sektor „Handel/Garagisten“ mit 11,7 Prozent einen zweieinhalb Mal so großen Anteil am Salariat insgesamt wie Horeca mit 4,7 Prozent. Legte man das zugrunde, war im Horeca-Sektor fast jeder zweite Beschäftigte Mindestlohnempfänger (48,7%), im Handel knapp jeder dritte (30,6%). Von diesen salariés wiederum erhielten im Horeca-Sektor rund drei Viertel den unqualifizierten Mindestlohn, im Handel etwa 60 Prozent. Was Horeca, für sich genommen, zu dem Mindestlohn-Sektor machte.
Steve Martellini, der Generalsekretär des Branchenverbands Horesca, möchte den Mindestlohn nur kurz kommentieren. „Wir haben bei der IGSS ausführlichere aktuelle Daten angefragt, sie aber noch nicht bekommen.“ Generell könne man sagen, dass es an den Arbeitsplätzen mit Mindestlohn beträchtliche Fluktuationen gibt. Es sei aber auch so, dass zum SSM Beschäftigte ein besseres Gehalt erreichen. Das könne sogar „schnell gehen“, fügt er auf die von der CSL im Portrait beschriebene „Persistenz“ im Mindestlohn hinzu. Von Grenzpendler/innen abhängig sei der Horeca-Sektor „nicht so sehr“. „Wir arbeiten viel mit in Luxemburg ansässigen Ausländern.“
Der Sektor „Handel und Reparatur von Autos und Motorrädern“ wird von der Luxembourg Confederation vertreten. Ihr Direktor Tom Baumert weist darauf hin, dass man genau wissen müsse, wovon man spricht. „Die Öffentlichkeit setzt ‘Handel’ oft mit dem Einzelhandel gleich.“ Dagegen operieren IGSS und Statec mit Nace-Codes, und der Code „Handel und Reparatur von Autos und Motorrädern“ umfasse eine Menge Branchen mit insgesamt 52 000 Beschäftigten. „Den Einzelhandel mit 23 000 Beschäftigten, die Apotheken mit 1 000, die Garagen mit 5 000, die Tankstellen mit 2 500.“ Sowie Großhandel und Grossisten mit bis zu 18 000 Leuten und den elektronischen Handel, dessen genaue Beschäftigtenzahl selbst die Confederation nicht kenne. „Es dürften ungefähr 4 000 sein.“
Per Kollektivvertrag aus dem Mindestlohn
Der geregelte Weg aus einem Mindestlohn in ein besseres Gehalt führt über Kollektivverträge. Im Handel laut Nace-Code würden im, wenn man so will, „klassischen Handel“ drei Viertel der Beschäftigten unter Kollektivverträge fallen, sagt Tom Baumert. Das heißt, im Einzelhandel in Supermarktketten, aber auch in Geschäften wie Massen, Pall Center oder Lafayette. Apotheken und Garagen haben sektorielle Kollektivverträge. „Die Verträge bringen es natürlich mit sich, dass man nach ein paar Jahren schnell über den Mindestlohn hinausgelangt.“ Doch ob Kollektivvertrag oder nicht, die Höhe des Mindestlohns spiele für alle Betriebe eine sehr große Rolle. Für die ohne Kollektivvertrag wirkt eine Erhöhung des Mindestlohns sofort auf die Gehälterstruktur. Die mit Kollektivvertrag würden die Entwicklung der Laufbahnen „fast immer“ vom unqualifizierten Mindestlohn aus berechnen. Laut Statec, sagt Baumert, flossen 2023 fast 76 Prozent des von einem Betrieb im Sektor geschaffenen Mehrwerts in Personalkosten.
Was die Auseinandersetzung um eine strukturelle Erhöhung des Mindestlohns berührt, die wahrscheinlich noch nicht beendet ist. Man kann von dort aus auch die Frage stellen, ob der Luxemburger Mindestlohn erhöht werden müsste, damit er für Grenzpendler attraktiv bleibt, wenn in deren Wohnsitzland der Mindestlohn steigt. Laut Statec liegt der frontaliers-Anteil im Sektor Handel/Garagisten bei 61 Prozent. „Damit stehen wir in direkter Konkurrenz mit den Mindestlöhnen der Nachbarländer“, so Baumert. Doch obwohl die in den letzten Jahren gestiegen sind, „rekrutieren wir noch immer gut“. Zumal die Steuerbefreiung des Mindestlohns „mehr Netto“ ergibt.