In ihrem furiosen Solo Dreamer tanzt Anne-Mareike Hess auf einem schmalen Grat zwischen Realem und Traumwelt und dekonstruiert den weiblichen Körper als Projektionsfläche

Männliche Phantasmen dekonstruiert

d'Lëtzebuerger Land vom 24.12.2021

Lange wurde geträumt, bevor Dreamer Wirklichkeit wurde. Die Recherche zu dem Solo begann 2019. Ursprünglich sollte die Premiere im Dezember 2020 stattfinden, dann kam die Pandemie, und durch die Schließung der Bühnen wurde der Schaffensprozess jäh unterbrochen. Ein Jahr später nun feierte Dreamer endlich Premiere im Neimënster.

Die Idee für dieses Stück war es, eine weibliche Figur zu erschaffen, die Träumerin, die das Publikum in eine surreale Welt und die Zwielicht-Zone zieht zwischen Realen und Imaginierten, dem Gefühlten und dem Fantasierten, so die Tänzerin Anne-Mareike Hess im Begleitheft Dreamer – Sketches of an Artistic Process. Beim Lesen der Skizzen wird klar, dass das Tanzsolo in beständiger Selbstbefragung entstanden ist. Gerade die Offenheit, mit der die Choreografin sich ihr Motiv erschlossen hat, führte dazu, dass immer wieder Neues entstehen konnte.

Wer Geschlechterkonstruktionen und die Rolle des Körpers in den Kulturtheorien thematisiert, sieht sich verwoben in Mehrdeutigkeit, weil der Körper im philosophischen wie im anthropologischen Diskurs in mindestens doppelter Weise begriffen wird: Einerseits als physischer Raum, der Erfahrung präsentiert, als „Lagerstätte und Träger der Empfindungen“, (Emmanuel Lévinas), andererseits als anatomisch, ethnologisch, künstlerisch betrachteter und abgezeichneter Leib, als Bild unter Bildern. Der Körper gehört zwei voneinander getrennten Ordnungen zugleich an: Einmal der Ordnung des Symbolischen – denn er ist von jeher mit Sprache überzogen und durch sprachliche Konzepte historisch konstruiert –, zum anderen der außerhalb der Zeichen liegenden Ordnung des Realen, da sich in ihm Lust, Genuss, Schmerz, Traumata und Zeitlichkeit abzeichnen. Dass Weiblichkeit wie Männlichkeit Zuschreibungen sind, ist spätestens seit Simone de Beauvoir anerkannt.

Die Tanz-Performance Dreamer knüpft hier an. Anne-Mareike Hess lotet den schmalen Grat zwischen Gefühltem und Fantasiertem aus, ihre Träumerin ist eine sinnliche Verkörperung erwachter Weiblichkeit und zugleich mysteriöse Projektionsfläche für die Zuschauerinnen. Sie lockt das Publikum mit ihrer sich ständig verändernden Erscheinung in einen surrealen Raum, der nach und nach die patriarchalen Einschreibungen des weiblichen Körpers freilegt ...

Nach ihrem Solo Warrior (2018) ist Dreamer das zweite Tanzstück, in dem die Künstlerin versucht, sich durch den Dschungel stereotyper Vorstellungen des Frauseins zu kämpfen. Der Traum dient hier als Vehikel zur Visualisierung. Um die Geschlechterrollen auf der Bühne zu entlarven, greift Hess auf Figuren weiblicher Identität in der Mythologie wie in der Populärkultur zurück.

Aus einem gewaltigen Berg aus Tüll – einer transparenten Traumlandschaft – am Boden schält sich nach und nach ein Wesen, das sich eingekeilt zuckend von der Last befreit, sich herauswindet und den Ballast abwirft. Erst greift eine Hand heraus, dann erscheinen Körperteile der Tänzerin. Irgendwann wird sie die Last abwerfen, ein Stück Stoff ausspucken und sich schüttelnd aus dem einengenden Wust befreien. Von Anbeginn löst Dreamer eine Assoziationsflut aus: das Wesen als ein Embryo, der sich aus dem Mutterleib schält; eine Larve, die dem Kokon entschlüpft und als Schmetterling die Flügel aufspannend in die Welt fliegt ...

Die Tänzerin schmiegt sich beim Herausschälen in den Tüll ein, dreht sich kokett darin und mimt voller Wonne Selbstbefriedigung. Lieblich und nixenhaft wird sie sich emporschwingen und sich in der zur Schau gestellten Weiblichkeit selbst ausprobieren.

Ihre sich ständig verändernde Figur changiert zwischen nahbar und unerreichbar, enthüllt Zwänge und Sehnsüchte. Sie trippelt, kokettiert, klatscht sich sich selbst konditionierend auf den Hintern oder quält sich im Spagat. „Even in my dreams you’re watching me ...“, gibt sie von sich, bevor sie sich mechanisch wie eine Aufziehpuppe bewegt und aus sich herauswächst. Es sind radikale, widersprüchliche Stimmungswechsel, mal provokativ ironisch lachend, stark und selbstbestimmt wirkend, dann wieder eingesunken wie ein schutzbedürftiges Mädchen: ein stürmischer Aus- und Aufbruch.

In der rund einstündigen Choreografie persifliert Anne-Mareike Hess so kunstvoll Weiblichkeits-
ideale, führt sexualisierte Stereotypen vor und bricht sie konsequent wieder, um den weiblichen Körper als Projektionsfläche kenntlich zu machen. Ein fu-
rioser, poetischer und sinnlicher Tanz um das eigene Selbstbild, verwoben in einen Traum, durch den die Anderen es sehen.

Choreographie & Performance:  Anne-Mareike Hess; Dramaturgie: Thomas Schaupp; Sound: Marc Lohr; Kostüme & Bühnenbild: Mélanie Planchard; Belichtung: Brice Durand; Produktion: utopic productions; Koproduktion: Neimënster, Weld (SE), Skogen (SE); Unterstützung: TROIS C-L, Kulturministerium, Kulturfonds Focuna. Premiere war am 17. Dezember 2021 im Neimënster.

Anina Valle Thiele
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