Mit A Whole New World zeigt das Mudam eine umfassende Werkschau des queeren Künstlers Simon Fujiwara. Die Schau stellt gute Fragen, verunsichert verspielt und irritiert. Doch bleibt auch Unbehagen

Vom Mudam zum Who-dam

d'Lëtzebuerger Land du 10.04.2026

Der Ansatz ist vielversprechend, die Ausstellung klingt nach einem hohen Grad an (Selbst-)Reflexion und dazu verspielt. Unter dem Titel A Whole New World darf der britisch-japanische Künstler Simon Fujiwara derzeit das gesamte Erdgeschoss des Mudam bespielen und sein eigenes Werk der letzten 20 Jahre und die (Markt-)Mechanismen der Kunstwelt zur Schau stellen.

Das Mudam verwandelt Fujiwara durch die Mickey-Mouse-artige Kunst-Cartoon-Figur des Who the Bear, der kein festgelegtes Gender, keine konkrete Nationalität und keine vorgegebene Sexualität hat, kurzerhand ins Who-Dam – ein Wortspiel, das im Deutschen bei Weitem nicht so gut funktioniert wie im Englischen, dem Whoseum of Who, seinem Ausgangspunkt.

Bei der Presseführung erzählte Ausstellungskurator Léon Kruijswijk, dass ihn die Räumlichkeiten direkt an Disneyland erinnert hätten. Eyecatcher ist ein großes Gemälde in der Grand Hall. Die neu in Auftrag gegebene Arbeit A whole New World (for Who?) (2026) ist eine Neuinterpretation von Pablo Picassos ikonischem Bild Guernica (1937) – und doch erkennbar für jeden.

Guernica mit Mickeymäusen

Fujiwaras Version von Guernica irritiert durch die verspielten Verfremdungen (Mäuse, die verletzt übereinander liegen) und lässt einen an Art Spiegelmans Maus-Cartoon denken. Mit Blick auf das Geschehen in der Welt kommen Medien-Bilder hoch. In seiner Version befänden wir uns am Tag danach, erläuterte der Künstler beim Gang durch die Ausstellung.

Auf der anderen Seite dieser Guernica-Version begegnet man dem Maskottchen Who – the Bear nochmal in Videos und Collagen. Er erscheint als größenwahnsinniges Fabelwesen, das das Museum nach seinen ver-queeren Vorstellungen neu-inszeniert, indem es in unterschiedliche Rollen schlüpft – von der Rolle der Direktorin, über Kunsttechniken bis zur Architektur des Baus selbst. Cartoons seien Kompromisse, mäandernd zwischen Fantasy und gender-neutral, respektive fluid, so der Künstler über die von ihm gewählte Form.

Lacan reloaded: im Spiegelstadium queerer und vermarkteter Identitäten

Schelmisch verwandelt Who das Mudam in einen Freizeitpark. Er liefere damit „einen ironischen Kommentar zum wachsenden Druck, der auf Kunst, Künstler/innen und Museen lastet, sich in einer von Kapitalismus, Marketing und Branding geprägten Welt behaupten, unterhalten und konkurrieren zu müssen,“ liest man im begleitenden Text.

Vor dem Café biegt man ab in die Hall of Mirrors. Mit Erinnerungen an die große, doch recht wirre Lacan-Retrospektive im Centre Pompidou in Metz (Lacan, l’exposition, 2023-2024) ist der Raum eine Überraschung.

Der Bezug zu Lacan findet sich hier unmittelbar, verweist er doch mit dem bunten Gemälde The Mirror Stage (2009-13) direkt auf ihn. Eine Kindheitsbegegnung mit einem abstrakten expressionistischen Gemälde sei für ihn seiner Zeit eine Art ‚Erweckungserlebnis‘ gewesen. Es war der Spiegel seines Selbst. Als er das bunte Gemälde sah, wusste er, dass er Künstler werden will und dass er möglicherweise homosexuell ist.

Glatt wie aus einem Frauenmagazin wirkt seine große Bild-Serie Joanne (2016-18). Darin fragt er danach, was es in Zeiten von pornohaften Deep-Fakes bedeute, ein Bild von sich selbst ‚zurückzuerobern‘. Die ehemalige Künstlerin (und Model), Joanne Salley war einst Fujiwaras Kunstlehrerin. Sie wurde zum Gegenstand eines Boulevard-Skandals, als Nacktbilder von ihr ohne ihr Einverständnis online verbreitet wurden.

Kulturelle Obsession und   Wegwerfgesellschaft

Dahinter säumt eine Reihe von Büchern auf einem Regal die Wand: Hunderte Exemplare von Fifty Shades of Grey spiegeln aneinandergereiht Massenkonsum und Wegwerfgesellschaft.

Mit dem Fifty Shades Archive (seit 2017) will Fujiwara die verborgenen ökologischen und soziologischen Kosten der Massenobsession offenlegen. Der erotische Pop-Roman aus 2011, von dem über 100 Millionen Exemplare weltweit verkauft wurden, findet häufig seinen Weg in Secondhand-Läden. Denn das Buch kann aufgrund einer giftigen chemischen Substanz im Bucheinband nicht recycelt werden.

Fujiwara kaufte den gesamten verbleibenden Bestand des Oxfam-Shops kurzerhand auf, um das weltweit größte Archiv eines einzelnen, einstigem Must-Have und nun unbegehrten Buches zu schaffen.

Die Wand-Serie Masks (Merkel 2015-17) zeigt dicke Schichten eines natürlich und authentisch wirkenden Make-ups. Fujiwara verwendete bewusst das Make-up von Angela Merkel, um zu zeigen, wie Macht verdeckt und/oder verfestigt wird.

„Globale Ikone“: Anne Frank

Im Raum Hop House untersucht Fujiwara das Erbe Anne Franks als popkulturelles Massen-Phänomen. In der Führung erläuterte der Künstler, dass er sich die Frage stelle, wie sie „zum Symbol der Unschuld“ und „Symbol der Tragödie“ hat werden können.

Ihn habe ihre Kommerzialisierung interessiert. Nach einem Besuch im Anne-Frank-Haus in Amsterdam erwarb Fujiwara im Museumshop ein Kartonmodell des Gebäudes im Maßstab 1:60. „Die Tatsache, dass ein solch bedeutender historischer Ort (verkleinert) als Konsumprodukt erhältlich war, veranlasste ihn dazu, Anne Frank nicht allein als Opfer des Holocaust zu betrachten, sondern auch als globale Ikone, deren Geschichte Filme Theaterstücke und Waren hervorgebracht hat und Teil einer weitreichenden Kulturindustrie geworden ist“, liest man im begleitenden Text. So hat er in dem weitflächigen Raum die Schlafzimmerwand Franks rekonstruiert und stellt ein Kleidungsstück (Outfit) der Sängerin Beyoncé aus, das die Pop-Ikone im Anne-Frank-Haus trug.

Befremdend mutet sein Werk Likeness (Ähnlichkeit, 2018) an. Hier werden die Besucher/innen an eine überlebensgroße Wachsfigur von Anne Frank herangezoomt, auf die Fujiwara nach einem Besuch in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin stieß. Die Puppe Anne Frank sitzt hier an einem Schreibtisch und schreibt in ihrem Tagebuch. Die Arbeit lenke den Blick darauf, wie „das Sehen selbst zu einem übergriffigen und politisch aufgeladenen Akt werden kann“, heißt es im Begleittext. Tatsächlich wird die Begutachtung der Figur, die sich im Mudam noch dazu in einer Art Gehege befindet, zum eher voyeuristischen Akt. Es kommt die Frage auf: Welche Dimension fügt das Werk hinzu, oder ist es nicht selbst ein Effekt, eine popkulturelle Verdopplung, die es angeblich kritisieren will?

In der Serie Syphilis: A conquest (2020-23) verarbeitet Fujiwara seine eigene Erkrankung. Er zeigt, wie an Syphilis Erkrankte über Jahrtausende gesellschaftlich stigmatisiert wurden und erschafft in phantasievollen, illustrationsähnlichen Zeichnungen (s)eine Gegenwelt, in der er die Krankheit als eine Art „Ehrenabzeichnen“ behandelt, die ihn in einer langen Tradition mit Künstlern wie Vincent van Gogh oder Paul Gauguin verbindet, über die gemutmaßt wird, dass sie ebenfalls an Syphilis erkrankt waren.

Intime, sensible Auseinandersetzung: The way

Die Installation The Way (2015-26; acht vergrößerte Filmstils) in einem Raum des Kellers (des Leir-Pavillons) ist schließlich eine Hommage an den japanischen Pornodarsteller Koh Masaki, der 2013 im Alter von 29 Jahren verstarb. Fujiwara kreierte das Werk, nachdem er im Internet auf intime Fotos gestoßen war, in denen Masaki im Krankenhaus von seinem Partner gepflegt wird. Er machte die letzte Szene ausfindig, in der der Darsteller vor seinem Tod in einem Pornofilm aufgetreten war. Der Künstler konzentrierte sich auf die Ejakulationsszene, entnahm der Sequenz mehrere Standbilder und zoomte sie heran. Die gespenstisch anmutenden Bilder wirken eindrücklich, fangen sie doch einen flüchtigen, ekstatischen Moment ein – eingefroren zwischen Bewegung und Stillstand, Leben und Tod.

Fujiwaras Ausstellung ist in weiten Teilen interessant und regt zum Nachdenken an. Gewitzt hinterfragt er Bilder wie popkulturelle Phänomene, Machtstrukturen wie unser Konsumverhalten.

In der Annäherung an seine Sujets legt der Künstler allerdings nicht immer dieselbe Sensibilität an den Tag. Während sich Fujiwara etwa dem japanischen Pornodarsteller Masaki mit seiner Installation The Way behutsam (an-)nähert, geht er mit dem Erbe von Anne Frank wenig(er) sensibel um. Sehr direkt hinterfragt er mit Das Tagebuch und Likeness das Erbe der während der Schoah deportierten und ermordeten Anne Frank als popkulturelles Massenphänomen, wundert sich über ihre Kommerzialisierung und stellt (nicht ohne Neid) die Frage, wie das ikonische Bild von Frank solch eine Kraft („such a power“) entwickeln konnte.

Mit Blick auf seine Interpretation von Guernica und den Raum The Hope House steht man vor der Frage: Wie viel Selbstreflexion verträgt die Kunstwelt, bis sie ins plakativ Geschmacklose kippt?

Simon Fujiwara: A Whole New World ist noch bis zum 23. August im Mudam zu sehen. Weitere Informationen unter: mudam.com

Anina Valle Thiele
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