ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Biomöhren im Sonderangebot

d'Lëtzebuerger Land vom 07.01.2022

Die Regierung richtet ihre Schulmahlzeitenpolitik sozial selektiver aus. Selbstverständlich vom eigenen gesellschaftlichen Standpunkt aus.

Premier Xavier Bettel versprach in seiner Erklärung zur Lage der Nation: „An Zukunft solle Kanner vu Famillje mat klengem a mëttlerem Akommes gratis an der Grondschoul an am Lycée iessen.“ Dies soll die Kaufkraft jener Haushalte stärken, „déi et de Moment am schwéiersten hunn, fir iwwert d’Ronnen ze kommen“.

Die Idee wäre löblich. Sollte nicht statt einer Geldleistung eine Sachleistung die Kaufkraft stärken: Damit jene Hälfte der Arbeiterklasse ausgeschlossen wird, deren Arbeitsweg über eine Grenze führt. Wie zuvor von als Sachleistungen getarnten Kinderboni, Chèques-services, Studienbörsen, Musikkursen, Schulbüchern... (Nicht immer ließ sich das EU-Recht im ersten Anlauf hinreichend beugen.)

Ab September sollen Schulmahlzeiten kostenlos werden für Familien, die monatlich weniger als das Vierfache des Mindestlohns verdienen. Die Einkommensgrenze von 9 027,80 Euro ist so hoch, dass auch DP-freundliche Mittelschichtenfamilien darunterfallen. Anstelle von im Grenzgebiet wohnenden Arbeiterfamilien.

Die Schulmahlzeiten sollten am 1. Januar kostenlos werden. Der Staatsrat erpresste die Regierung, bis nächstes Schuljahr zu warten. Er mutmaßt einen Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip. Die Rechtsanwälte und hohen Beamten im Staatsrat halten es für keinen Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip: Dass es Familien gibt, die nicht über die Runden kommen. Dass steuerpflichtige Grenzpendler ausgeschlossen werden.

Erziehungsminister Claude Meisch stellte am 19. Oktober ein Programm Food4future für Schulkantinen vor. Es verspricht „un meilleur régime alimentaire, sain et durable“. Die Speisekarten „ont été repensés pour manger équilibré, au maximum bio, local et de saison et pour proposer davantage de plats végétariens et végans“.

Der Erziehungsminister gehört der DP an. Die alte Mittelstandspartei erklärte sich 2009 zur modischen Mittelschichtenpartei. Im selben Jahr schaffte das Statut unique das Wort „Arbeiter“ ab. Seither befürchten kleinbürgerliche Kopfarbeiter, mit proletarischen Handarbeiterinnen verwechselt zu werden.

Zum Glück gibt es Bioläden und Supermärkte mit Bioregalen: „En France,
F. Régnier et A. Masullo ont également constaté que les classes supérieures pouvaient s’appuyer sur les normes diététiques pour émettre des jugements dévalorisants et stigmatisants à l’encontre des classes populaires.“ So Philippe Cardon, Thomas Depecker und Marie Plessz in Sociologie de l’alimentation (Paris, 2019, S. 140).

Die neuen Mittelschichten verurteilen Übergewicht bei Angehörigen beherrschter Klassen als Mangel an Selbstbeherrschung. Denn „les plus démunis [...] sacrifient le plus aux nourritures matérielles, et aux plus lourdes, aux plus grossières et aux plus grossissantes d’entre elles, pain, pommes de terre et corps gras“ (Pierre Bourdieu, La Distinction, Paris, 1979, S. 200). Die industrielle Zubereitung schwerer und grober Speisen verpönen bessere Kreise als Junkfood. „En France, comme dans les autres pays occidentaux, les végétariens se recrutent principalement dans les classes supérieures urbaines“ (Sociologie de l’alimentation, S. 136).

Zum Glück gibt es Claude Meisch und Restopolis: „Avoir une alimentation conforme aux normes nutritionnelles diffusées par les politiques publiques de santé serait donc une forme de différenciation des goûts de classe“ (Sociologie de l’alimentation, S. 143). Biomöhren und Quinoa bescheinigen die moralische Überlegenheit der neuen Mittelschichten, die sich „richtig“ ernähren, über unwissende und verantwortungslose Unterschichten, die sich „falsch“ ernähren. Auch über das alte Bürgertum, das noch immer von Hummersuppe und Foie gras bei Hirtzen Hélène, Tony Tintinger und Léa Linster träumt.

Romain Hilgert
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