Der Sozialdemokrat Georges Engel hat den langen Aufstieg vom kommunalen Oppositionsrat zum Minister ohne Abkürzungen und Umwege bewältigt. Ein Porträt

Klapp den Engel

d'Lëtzebuerger Land du 07.01.2022

Neuwahlen I Kurz nachdem Georges Engel am 7. September 1968 als jüngster von drei Brüdern in Differdingen geboren wurde, kam es in seiner Heimatgemeinde Sanem zu Neuwahlen. Hintergrund waren nicht Uneinigkeiten über eine Gehaltserhöhung für Staatsbeamte, die drei Monate später zu einer Regierungskrise der schwarz-roten Koalition und zu vorgezogenen Wahlen auch auf nationaler Ebene führen sollten, sondern Meinungsdifferenzen zwischen Sozialisten und Kommunisten hinsichtlich des Prager Frühlings. Weil die KPL den Einmarsch der Streitkräfte des Warschauer Paktes in die ČSSR begrüßte, kündigte der sozialistische Bürgermeister Roger Krier die Ende 1963 geschlossene „tiefrote“ Koalition auf. Gleiches wiederholte sich kurze Zeit später in Differdingen. Die Rechnung der LSAP ging nicht auf, denn sowohl auf kommunaler als auch auf nationaler Ebene gewannen die Kommunisten bei den Neuwahlen an Zustimmung.

Anders als sein Vorgänger Dan Kersch, dessen Vater Mitglied der KPL war und seit 1952 für den 1966 mit dem Lëtze-buerger Arbechter-Verband (LAV) „fusionierten“ kommunistischen Fräie Lëtzebuerger Aarbechterverband (FLA) im Ausschuss von Arbed Belval saß, stammt der neue Minister für Arbeit und Sport eigenen Aussagen zufolge aus einem sozialdemokratischen Milieu. Er sei eher für Evolution als für Revolution, und das in allen Bereichen, sagt Georges Engel im Gespräch mit dem Land. Sein Großvater und sein Vater waren im LAV und bei der LSAP aktiv, wenn auch nicht an vorderster Front. Seine Eltern betrieben bis kurz vor seiner Geburt das Café Bonert in Zolwer, das später in Café des Sports umbenannt wurde. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater ging Ende der 1970-er Jahre in Krankenrente.

Anders als Dan Kersch war Georges Engel in seiner Jugend nicht politisch aktiv. Dafür hatte er schlichtweg keine Zeit. Seit seiner Kindheit spielte er vier Mal die Woche Basketball, an den anderen Tage standen Proben und Auftritte der Zolwer Harmonie an, wo sein Vater Marcel im Vorstand saß. Beim Zolwer Basket schaffte er es in die erste Mannschaft und spielte zeitweise für die Jugendnationalauswahl. Erst als er seine Hochschulausbildung zum Krankenpfleger und Assistant social in Brüssel begann, rückte der Sport etwas in den Hintergrund. Musikant ist der Multiinstrumentalist bis heute geblieben. In der Harmonie bläst er die Basstuba und er ist nach wie vor Mitglied der Strëpp, die den Zolwer Basket bei seinen Heimspielen unterstützt. Georges Engel ist im Vereinsleben der Gemeinde Sanem tief verwurzelt. Dort hat er seine treueste Fanbase.

Nach seinem Studium nahm er eine Stelle als Assistant d᾽hygiène sociale in Differdingen an, kurze Zeit später baute er in Petingen den schulmedizinischen Dienst mit auf. Nach den Kommunalwahlen von 1993 fand er den Weg in die Lokalpolitik. Er habe damals auch darüber nachgedacht, sich den Grünen anzuschließen, erzählt Engel dem Land, doch der damalige sozialistische Gemeinderat Raymond Conter habe ihn am Ende eines „feucht-fröhlichen Abends“ schließlich davon überzeugen können, der LSAP beizutreten.

Neuwahlen II Vier Jahre später kam es in der Gemeinde Sanem wieder zu Neuwahlen. In der LSAP, die 1993 die absolute Mehrheit in ihrer Hochburg verloren hatte und eine Koalition mit der DP eingegangen war, schwelte ein Generationenkonflikt, der damit endete, dass der damals 68-jährige Josy Asselborn (Schwiegervater der heutigen Bürgermeisterin Simone Asselborn-Bintz) sich für unabhängig erklärte und der Haushaltsvorlage seine Zustimmung verweigerte. Damit machte er den Weg frei für ein Misstrauensvotum, das schließlich zu Neuwahlen führte, aus denen eine Koalition aus CSV und Grünen hervorging. Georges Engel zog zum ersten Mal in den Gemeinderat ein. Nur vier Monate zuvor war sein Vater gestorben. Die LSAP blieb auch nach den Kommunalwahlen von 1999 in der Opposition. Erst 2005 konnten die Sozialisten mit einer deutlich verjüngten Liste Sanem zurückerobern und gingen nun ihrerseits eine Koalition mit den Grünen ein. Mit 37 Jahren wurde Georges Engel als Erstgewählter auf der LSAP-Liste neuer Bürgermeister.

Seine 15-jährige Amtszeit war vor allem durch die Entwicklung des neuen Viertels auf der Industriebrache Belval geprägt, die zum größten Teil auf dem Gebiet der Gemeinde Sanem liegt. Die rot-grüne Koalition ließ dort neben dem vom Staat errichteten Lyzeum und dem Park ein neues Seniorenheim und eine große Grundschule bauen. Am Rande von Beles entsteht eine neue Wohnsiedlung, die Bevölkerung der sechstgrößten Gemeinde des Landes ist seit 2005 von 14 000 auf 18 000 Einwohner/innen gewachsen. Eine Sternstunde in Engels lokalpolitischer Karriere war die Einweihung des neuen Sport- und Kulturzentrums Artikuss zwischen Beles und Zolwer, das 2014 den Betrieb aufnahm.

2011 wurde Rot-Grün in Sanem bestätigt, die LSAP war der große Wahlgewinner und verpasste die absolute Mehrheit nur knapp. Georges Engels politische Karriere hatte einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Ein Jahr später rückte er für Lydie Err in die Abgeordnetenkammer nach, bei den vorgezogenen Wahlen von 2013 schaffte er den direkten Einzug ins Parlament, wo er sich insbesondere in den Bereichen Beschäftigung und soziale Sicherheit, nachhaltige Entwicklung, Bildung und Familie engagierte.

Eklat Die Doppelbelastung des Bürgermeister- und Abgeordnetenmandats machte ihm aber zusehends zu schaffen. In den Gemeinderatssitzungen wirkte er immer öfter unzufrieden und gereizt. Einer seiner Schwachpunkte sei es gewesen, dass er immer über alles in Kenntnis gesetzt werden wollte und es ihm schwerfiel, Aufgaben an andere zu delegieren, sagen Weggefährten. Im Dezember 2016 kam es im Gemeinderat zum Eklat, als der Fraktionssprecher der Sozialisten, Jos Piscitelli, sich wegen parteiinterner Auseinandersetzungen bei der Abstimmung über den Haushalt enthielt. Weil Schöffin Myriam Cecchetti gegen den Willen ihrer Partei Piscitelli unterstützte, wurde sie von den Grünen ausgeschlossen. Beide kandidierten im Oktober 2017 auf der Liste von déi Lénk. Diese Zerwürfnisse haben nicht nur LSAP und Grünen in Sanem geschadet, die deutlich an Zustimmung verloren. Georges Engel musste auch persönlich Federn lassen. Bei den Gemeindewahlen 2017 erhielt er fast 1 000 Stimmen weniger als 2011, bei den Nationalwahlen 2018 musste er sich in seiner eigenen Gemeinde Jean Asselborn geschlagen geben, den er 2013 noch hinter sich gelassen hatte. In Sanem musste er eine Koalition mit der wiedererstarkten CSV eingehen. Selbst die öffentlichkeitswirksame, vom RTL-Speaker Dan Spogen moderierte Spielshow Klapp den Engel, die die Zolwer Musek nach dem Vorbild der ProSieben-Show Schlag den Raab ihm zu Ehren von 2016 bis 2019 im Artikuss organisierte, konnte sein Ansehen nicht vollends wiederherstellen. Bei den drei ersten Ausgaben konnte der ehrgeizige Hauptprotagonist seine meist jüngeren Gegner zwar in Disziplinen wie Ausdauer, Allgemeinwissen und Geschicklichkeit bezwingen, doch bei der vorerst letzten Auflage von 2019 übernahm er sich, erlitt einen Schwächefall und musste kurzzeitig ins Krankenhaus.

Für Georges Engel war die Zeit gekommen, die lokalpolitische Bühne zu verlassen. Die Gelegenheit bot sich, als Alex Bodry Ende 2019 den Fraktionsvorsitz niederlegte und in den Staatsrat wechselte. Im Juli 2020 trat Engel sein Bürgermeisteramt an Simone Asselborn-Bintz ab, um sich ganz auf die Nationalpolitik konzentrieren zu können. Nachdem er 2018 seiner Kollegin Taina Bofferding den Vortritt für das Ministeramt gelassen hatte, war nun endlich er an der Reihe.

Anders als Pierre Gramegna, Paulette Lenert oder Yuriko Backes ist Engel kein Technokrat, der als opportunistischer Quereinsteiger in die Regierung gekommen ist. Er ist der klassische Dorfpolitiker, der den Aufstieg gewagt und schließlich auch geschafft hat: ein provinzieller Xavier Bettel. Wie seine Vorbilder Alex Bodry und Mars Di Bartolomeo hat er alle politischen Ämter durchwandert. Mitglied der Parteileitung ist er seit 20 Jahren, von 2009 bis 2019 war er Vize-Präsident. Vor allem im Südbezirk ist er gut vernetzt. Zu Taina Bofferding, Yves Cruchten, Tom Jungen und Dan Biancalana pflegt er freundschaftliche Beziehungen, mit einigen Kolleg/innen hat er schon seinen Urlaub verbracht. Es sei ihm wichtig, „richtige Freundschaften“ in der Politik zu unterhalten, die über die gemeinsame Gesinnung hinausgehen, sagt Engel: „Ich brauche die Wärme, die persönliche Nähe. Ich mag es, wenn man nach der Sitzung noch gemeinsam einen trinken geht und von anderen Dingen redet als von Politik.“

Leader Trotz seiner Geselligkeit und obwohl er eigentlich gerne im Mittelpunkt steht, ist Georges Engel kein großer Rhetoriker. Meist schafft er es nicht einmal eine geschriebene Rede ohne Versprecher fehlerfrei abzulesen, doch damit ist er in der Kammer nicht alleine. Inhaltlich waren seine Ansprachen als Fraktionsvorsitzender selten kämpferisch. Anders als Kersch, der selbst noch als Vizepremier mit seinen Angriffen gegen die Indépendants und seiner Idee einer Coronasteuer polemisierte, hat der zurückhaltendere Engel die Koalitionsräson meist respektiert. Die Anliegen und Forderungen der Sozialisten hat er eher diskret zur Geltung gebracht. Die meiste Arbeit, die er als Fraktionsvorsitzender leistete, sei im Hintergrund passiert, sagt der Sanemer Ehrenbürgermeister. Dank eines höheren Budgets konnte er neue Mitarbeiter/innen einstellen und die 38-Stunden-Woche für sie einführen: „Top-Leute, die alles für mich tun würden, auch ohne dass ich mich als großer Leader der Fraktion aufführe“, sagt der Vater von zwei Kindern, der eigenen Aussagen zufolge viel Wert auf Teamarbeit legt.

Am Mittwoch wurde Georges Engel zusammen mit der neuen Finanzministerin Yuriko Backes (DP) und dem Minister für Landwirtschaft und soziale Sicherheit, Claude Haagen (LSAP), vom mit Covid-19 infizierten Großherzog Henri per Videokonferenz vereidigt. Seine Ausdauer, sein Ehrgeiz und seine Hartnäckigkeit, die langjährige Freunde an ihm schätzen, haben sich bezahlt gemacht. Dass die Wahl der LSAP für Kerschs Nachfolge auf Engel fiel, war aber nicht selbstverständlich. Die Düdelinger Mars Di Bartolomeo und Dan Biancalana waren 2018 besser platziert. Di Bartolomeo, der bereits von 2004 bis 2013 Gesundheitsminister war, habe abgelehnt, und Biancalana habe Düdelingen nicht aufgeben wollen, sagte dem Land der frühere Parteipräsident Yves Cruchten, der am Mittwoch den Fraktionsvorsitz von Engel übernommen hat. Insbesondere Biancalana soll laut parteiinternen Quellen aber durchaus Interesse an einem Ministeramt gehabt haben. Engel, der seit 2013 Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses für Arbeit und soziale Sicherheit war, sei für den Job besser qualifiziert, meinte Cruchten. Biancalana soll nun erst kommissarisch den Parteivorsitz übernehmen und dann Ende Februar oder Anfang März auf einem Kongress in diesem Amt bestätigt werden. Als Ko-Präsidentin einer paritätischen Doppelspitze könnte Innenministerin Taina Bofferding in Frage kommen, nachdem die neue Vize-Premierministerin Paulette Lenert bereits Mitte Dezember im RTL Radio dankend abgelehnt hatte.

Mit den rezenten Personalentscheidungen setzt die LSAP ihren Kurs der Kontinuität und des Konsenses fort. Eine radikale Erneuerung und Verjüngung wird es bis 2023 nicht geben. Davon zeugt auch, dass der 55-jährige Carlo Weber aus Wintger statt der 25-jährige Amir Vesali aus Wiltz für Claude Haagen in die Kammer nachrückt, ohne dass sich ein Sozialist öffentlich darüber beklagt.

Rollentausch Georges Engel bleiben vorerst nur noch 18 Monate als Minister für Arbeit und Sport. Viel Zeit, um noch Vorschläge aus dem Koalitionsprogramm auf den Instanzenweg zu bringen, hat er nicht. Mitte dieses Jahres wird der Wahlkampf beginnen und die Parteien werden die Koalitionsräson aufgeben, um sich für 2023 zu positionieren. Neben den Aufgaben, die ihm im Rahmen der Pandemiebekämpfung zufallen, will Engel sich so schnell wie möglich mit Gewerkschaften und Patronat treffen, um den Sozialdialog wieder aufzuwerten, weil dort „noch Nachholbedarf“ bestehe, erklärt er dem Land. Bis zu den Wahlen wolle er zudem noch einen Gesetzentwurf zur Regelung der Plattformarbeit vorlegen.

Auf sich alleine gestellt ist er dabei nicht. Vanessa Tarantini, die bereits unter Etienne Schneider den Rifkin-Plan im Wirtschaftsministerium koordiniert hat und die Georges Engel vor einem Jahr zu seiner Fraktionssekretärin machte, wird mit ihm ins Arbeitsministerium wechseln. Sein Vorgänger Kersch, der in der Kammer nun noch weniger dem Koalitionszwang Rechnung tragen muss, wird zugleich sein Nachfolger. Als neuer Vorsitzender des parlamentarischen Arbeitsausschusses wird er dem neuen Arbeitsminister im „Schatten“ zur Seite stehen.

Ob Georges Engel ein geeigneter Kandidat ist, um die LSAP in einer Doppelspitze mit Paulette Lenert in die nächsten Wahlen zu führen, bleibt abzuwarten. In den Umfragen platzierte er sich zuletzt im hinteren Mittelfeld, seine Werte blieben stabil. Das Ministeramt wird ihm sicherlich zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Über die Spitzenkandidatur wird letztendlich die Partei entscheiden. Zutrauen würde er es sich jedenfalls: „Bis jetzt habe ich noch keine Herausforderung gescheut“, sagt Georges Engel.

Luc Laboulle
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