Um zehn vor acht ist der Konferenzsaal des Hotel Leweck bereits gut gefüllt. Mehr als hundert Personen haben Platz genommen – nicht auf billigen Klappstühlen, sondern in dunkelgrauen, stoffbezogenen Halbsesseln. Die meisten sind grauhaarig, fast ausschließlich Männer. Mehr als die Hälfte seien Landwirte, schätzt unser Sitznachbar. Er selbst ist auch Bauer. „Ech sinn hei aus Fuerwerz, ech si nit mat der CSV bestuet, mee ech denken, datt si, historesch gesinn, d’Interesse vun de Baueren am beschten verdeedegen.“ Gegenüber sitzt Romain Wester, Bürgermeister von Hosingen und Landwirt; ein paar Reihen hinter ihm Christian Hahn, Präsident der Landwirtschaftskammer; ein paar Reihen vor ihm die CSV-Bürgermeisterin Myriam Binck aus Rambrouch – auch Landwirtin. Neben uns nimmt eine ältere, freundlich lächelnde Frau Platz. Warum ist sie hier? „Mein Sohn Jeff Boonen moderiert den Abend – ich habe ihn bisher selten auf einer CSV-Veranstaltung erlebt“, erklärt sie. Der CSV-Nordabgeordnete Boonen ist Landwirt in Beckerich. Ein Übersetzungsteam für das Französische ist vor Ort; von den über hundert Anwesenden nimmt nur eine einzige Person ein Headset.
Dann knallt „I get knocked down, but I get up again, you're never gonna keep me down“ durch den Konferenzraum – ein Neunzigerjahre-Hit von Chumbawamba. Untermalt wird die Musik von einem Videoclip, in dem die CSV-Fraktion als fröhlich-arbeitstüchtige Truppe in Szene gesetzt wird. Schließlich bittet Fraktionspräsident Laurent Zeimet die Podiumsteilnehmer auf die Bühne – darunter „een, deen ech gutt kennen“, seinen Cousin Jean-Marie Neuberg, Leiter der Bäckerei Jos a Jean-Marie. Jeff Boonen beginnt das Panel zu moderieren, ruft dann aber plötzlich: „Mir hunn awer een vergiess, Laurent!“ Martine Hansen war nicht auf das Podium gebeten worden, womöglich ein inszenierter Scherz, mit dem man die Landwirtschaftsministerin als Star des Abends hervorheben wollte. Diese Inszenierung steht in Kontrast zur Veranstaltungsankündigung in den Tageszeitungen, wo der Premier in Großbuchstaben als Protagonist angekündigt wurde. Die vierteilige Veranstaltungsreihe, die sich über die kommenden Wochen erstrecken soll, soll wohl zugleich Frieden – nachdem er vor einem Monat als Parteipräsident bestätigt wurde – als Spitzenkandidat für die nächsten Wahlen positionieren.
Zum Einstieg skizzierte das Panel die wichtigsten Produktionszweige der 1 600 Betriebe. „Mir sinn ee Gréngland-Standuert, mir kënnen houfreg sinn op eis Mëllechproduktioun. Et ass ee Marché do“, steigt die Landwirtschaftsministerin ein – für sie wird der Abend ein Heimspiel. Zaghafte Äußerungen wird es von ihr keine geben. Der Gemüsegärtner Marc Jacobs mahnt vor dem Strukturwandel: Der Wachstumsdruck auf die Betriebe sei groß, man befürchte gar, dass Agrarholdings aus dem Ausland hierzulande Betriebe übernehmen könnten. Vielleicht hatte das Stichwort „Ausland“ Jeff Boonen daran erinnert, dass er einen Einspieler mit einer Rede seines gleichaltrigen Abgeordnetenkollegen Charel Weiler fünf Minuten zuvor hätte abspielen sollen. Er holt dies nun nach. Im Videoclip trumpft der Diekircher Bürgermeister mit dem Motto auf: „D’Zukunft wiist net am Ausland, si wiist heiheem.“ Ein Satz, den Luc Frieden am Ende des Abends als gelungen würdigt.
Als weiteres Thema nimmt sich das Panel der Gemüseproduktion und Direktvermarktung an. „Gemüse aus Luxemburg hat Potenzial“, sagt Marc Jacobs. Der Selbstversorgungsgrad liege bei unter einem Prozent, führt die Landwirtschaftsministerin aus. Über ihren Plan d’Action Alimentation versuche man, den Markt zu vergrößern, indem man mit Altersheimen, Krankenhäusern und staatlichen Kantinen „an d’Diskussioun kënnt“. Eine Herausforderung bestehe darin, dass Sommergemüse genau in jenen Monaten geerntet wird, in denen Schulkantinen geschlossen und viele Menschen im Urlaub sind, ergänzt Marc Jacobs. Deshalb arbeite er mit einem Großhändler zusammen, der sich um die Vermarktung kümmere. Joëlle Ferber vom Leader-Büro Éisléck erläutert, dass das EU-Förderprogramm Leader bei der Bündelung von Vermarktungsinitiativen helfe und den Kontakt mit Restaurants und Kantinen aufbaue, „fir déi regional Produiten ënnert d’Leit ze kréien“.
Um die Kooperation zwischen Bauern und Verarbeitungsbetrieben geht es im Beitrag von Jean-Marie Neuberg. Durch die Industrialisierung seien Bauern und Bäcker aufgefordert worden, „schneller zu arbeiten als erlaubt“, sagte er. Vor zehn Jahren aber habe er sich Gedanken darüber gemacht, wie man mit den Landwirten zusammenarbeiten könne, um „eise schéine Naturpark an eist Drénkwaasser ze schützen“. Er denkt an die 2021 gegründete Genossenschaft Käre vum Séi, für die 20 Landwirte Weizen, Dinkel und Roggen in der Stauseeregion anpflanzen. Da dabei der Einsatz von Stickstoff und Pestiziden aus Gründen des Wasserschutzes stark eingeschränkt und der Arbeitsaufwand entsprechend größer ist, verpflichtet sich die Bäckerei aus Mertzig, den Bauern einen höheren Preis zu zahlen.
Der Unternehmer Neuberg steht der CSV nahe. Am Montag öffnete er die Türen seiner Bäckerei für Premier Luc Frieden und Landwirtschaftsministerin Martine Hansen. Der Ausflug wurde auf Facebook dokumentiert: Hygienisch verpackt in weißer Kopfhaube und Einweg-Schutzanzug schaut Frieden Bäckereiangestellten beim Schneiden von Erdbeeren zu und beugt sich lächelnd über Aachtercher. Auf LinkedIn hingegen teilt er seine Eindrücke nicht; dort wendet er sich an andere Wirtschaftszweige und dozierte er diese Woche über die digitale Transformation – „the future will not be shaped by the biggest players, but by the fastest movers“.
Nun trägt Fränk Kuffer, CSV-Schöffe in Erpeldingen und Schlagersänger, im hellblauen Sakko das Mikrofon durch den Saal. Aloyse Marx, Präsident des Fräie Lëtzebuerger Baueren-Verband, ergreift das Wort. Er moniert europäische Zielsetzungen, die nicht mit „dem Sektor“ abgesprochen seien. Bestimmte Vorgaben wie die Nature Restoration Law würden die Produktion vermindern. Ein weiterer Rednerbedauert hingegen, dass seit seiner Kindheit in Hosingen die Hecken, Blumen, Apfelbäume und Kühe von den Wiesen verschwunden seien – das sei nicht normal. „Ech fannen d'Madame Ministech mécht net genuch fir d'Biodiversitéit.“ Die Ministerin will das nicht auf sich sitzen lassen und behauptet, Luxemburg sei „Europameister im Bereich der Beihilfen für Agrarumweltmaßnahmen“. Ein Bauer aus der Stauseeregion meldet sich. Er habe Probleme, die „vill méi wichteg wéi Biodiversitéit a Vermarktung“ seien. Eins seiner vier Kinder sei nun mit der Schule fertig, aber eigentlich noch zu jung, um den Betrieb zu übernehmen, denn die Höfe seien heute größer und kapitalintensiver als früher. Nun frage er sich, ob und wann er in Frühpension gehen könne. „Mat deene Froe steet ee moies op an domat geet een owes schloofen.“ Weitere Anmerkungen betreffen Agrarflächen, die der Staat verpachtet hat und die nun in Kompensationsflächen für Umweltprojekte umgewandelt werden.
In einem abschließenden Teil kommt die CSV auf Industriezonen und Digitalisierung zu sprechen: „De ländleche Raum ass esou attraktiv wéi nach ni“, sagt der Ettelbrücker Schöffe und CSV-Abgeordnete Jean-Paul Schaaf in einem Einspieler. Überall sei 5G vorhanden. Überhaupt weise der Norden pro Einwohner mehr Industriearbeitsplätze auf als der Süden, so Schaaf. Nun kommt Paul Bisenius auf dem Podium zu Wort. Er leitet die Schreinerei Fellens aus Hosingen und erläutert, KI sei mittlerweile „ein Mitarbeiter“: Die Technologie helfe ihm, Zeit bei administrativen Aufgaben zu sparen und Freiraum für andere Arbeiten zu schaffen. Das Mikrofon geht wieder durch die Menge. Jemand sagt, er sei arbeitslos, würde aber gerne Erfahrung in der Landwirtschaft sammeln – ob es nicht möglich sei, einen Freiwilligendienst in einem Betrieb zu absolvieren. Sein Nachredner kommentiert trocken: „KI lässt grüßen, die Arbeitslosigkeit kann durch die zuvor erwähnten Automatisierungsprozesse noch zunehmen.“ Die CSV drängt den Anwesenden beim Thema ländlicher Raum KI als Zukunftsoption auf; aber diese Vision fiel nicht unbedingt auf Zustimmung.
Die Gesprächsrunden ziehen sich in die Länge; im Saal ist zunehend Getuschele zu vernehmen. Schließlich aber bittet Emile Eicher „eise grousse Chef“ auf die Bühne. Luc Frieden bedankt sich dafür, dass die Leute „enorm zahlreich erschienen sind“ – es seien viele mutige Unternehmer im Saal. Die Landwirtschaft sei „nichts Romantisches“, sondern Teil unserer Wirtschaft und Lebensmittelsicherheit. Martine und er – „an ech schwaetze ganz vill mam Martine“ – würden die geäußerten Anregungen aufgreifen. Auch meint er, dass die Bauern „die besten Umweltpolitiker sind“. Er sei oft „Zeuge von intensiven Gesprächen zwischen dem Landwirtschafts- und dem Umweltministerium“. Es gelte, einen Ausgleich zu finden.
Wie fanden die anwesenden Landwirte den von der CSV angebotenen Dialog? Die Antworten fallen gemischt aus: „Oberflächlich“, „eine Sonntagsrede“, „nichts auszusetzen“, „gut“, „Martine Hansen ist vom Fach“. Man habe sich gewünscht, dass das für 2027 geplante Agrargesetz besprochen worden wäre, außerdem mehr über die Nachteile der Nordstad und über „die Grünen und ihre Kompensationsmaßnahmen“ – denn die Agrarflächen seien begrenzt. Manche Themen blieben gänzlich außen vor wie das Mercosur-Abkommen. Ende 2025 waren Spannungen aufgekommen zwischen Landwirtschaftsministerin Hansen, die sich für das Freihandelsabkommen ausgesprochen hatte, und der Bauernzentrale, die darin zu viele Nachteile für die Landwirte sieht. Die zwei Hauptvertreter der Bauernzentrale, Laurent Schüssler, Chefredakteur des Lëtzebuerger Bauer, und der CSV-nahe Christian Wester, Präsident der Bauernzentrale, waren am Dienstag auch nicht anwesend. Diesel- und Düngerpreise beschäftigten das Publikum ebenfalls nicht. Warum? Ein Landwirt bleibt erstaunlich locker: „Die können wir in den Griff bekommen, wenn die Preise allgemein steigen.“ Das größere Bild einer möglichen wirtschaftlichen Stagfla-
tion – kein Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig hoher Inflation – machte sich im Hotel Leweck nicht breit.
Während des Umtrunks mischte sich Premier Frieden nicht unter die Gäste. Er blieb am Rande der Menschentraube stehen und sprach vor allem mit anderen CSV-Mitgliedern. Bewegt sich Luc Frieden hier in einem ihm unvertrauten Umfeld? „Hien huet näischt mat der Landwirtschaft ze dinn,“ antwortet ein Landwirt aus dem Norden. Außerdem sei Frieden unter seinen Berufskollegen nicht sonderlich beliebt. Manche störe es gar, dass er im Anzug auftaucht (die Landwirte tragen mehrheitlich karierte Hemden und Funktionsjacken). „Mee e kann awer rechnen“, konzediert der Landwirt. Geschätzt werde hingegen Martine Hansen. Als Direktorin der Ackerbauschule habe sie immer dafür gesorgt, „datt hier Jongen ënnerkommen“ – sprich, nach ihrem Abschluss einen Übergangsjob fanden, bevor sie einen Hof übernehmen konnten. Der CSV-Abgeordnete Jeff Boonen hat seine Moderation hinter sich und steht nun neben seiner Mutter an einem Cocktailtisch. Ob sie mit dem Auftritt ihres Sohnes zufrieden sei? „Ja, sehr“, versichert sie.