Wie ein Schiffsmast in einem Meer grüner Hügel wirkt der Kirchturm von Herborn an der sich dahin schlängelnden Straße. Vorbei an einem verlassenen Bauernhof mit Hauskapelle führt die Dorfstraße, an deren oberem Ende die Pfarrkirche steht, würdig, wie der Hausherr in der Eingangstür. Das Dorf selbst wirkt wie ausgestorben. Einzig ein Mensch mit Warnweste steht am Straßenrand. In seiner Hand ein Funkgerät, über das er Anweisung schickt in ein Haus, weiter oben gelegen. Dort steht, in einem dunklen Flur, wie ein zur Erstürmung des angrenzenden Küchenraums bereites Kommando, eine Gruppe Personen mit rätselhaften Apparaten, Schaltpulten und leuchtenden Bildschirmen. „Laisse passer le bus“, funkt ein Mütze tragender Herr dem Menschen auf der Straße zu.
Wir befinden uns im technischen Kontrollbereich des aktuellen Filmsets von Govinda Van Maele. Gleich wird der Verkehr auf der Hauptstraße gesperrt, um Störgeräusche zu vermeiden. „Silence!“, ruft die Regieassistenz. Dann ist aus der Küche die Stimme von Elisabet Johannesdottir zu hören. Die 40-Jährige spielt die Hauptrolle in Van Maeles erstem Spielfilm seit Gutland (2017). Heute steht eine Trostszene auf dem Plan. Wie so oft setzt der Filmemacher neben erfahrenen Schauspielerinnen und Schauspielern auch auf Laien wie Franco Ariete, der in Gutland mit einer Nebenrolle begann, hier seine erste Hauptrolle hat und im Film gerade nach Hause kommt. Die Schauspielerin wirft einen kurzen Blick in den Flur, dann verschwindet ihr Gesicht hinter der Kamera und dem dichten Gedränge der Techniker. Die Drehbuchaufsicht verfolgt die Szene auf dem iPad. Hinter ihr verzieht der Tonmeister die Mundwinkel – die Einstellung muss wiederholt werden. Im Nebenraum wird geplaudert, die Regieassistenz signalisiert erneut: Ruhe. Kurz darauf tritt Van Maele aus der Küche in den Flur, wo ihm die Videoassistentin das Material am Monitor zeigt. Er schaut ins Licht. Danach, ein letztes Mal: Aufnahme. Dann ist Schluss – vorläufig. Später soll noch eine Szene im ersten Stock gedreht werden.
Es ist 18.30 Uhr, der Zeitplan ist bereits überzogen. Daher heißt es jetzt erst einmal: „Mittagspause“. In der Kantine unter einer Plastikplane im Innenhof eines stillgelegten Bauernbetriebs nimmt die Filmcrew Platz. Van Maele steht draußen im Nieselregen und schaufelt seinen Salat, einen schwarzen Hoodie übergezogen. Dass er in diesen Tagen seinen zweiten Spielfilm drehen darf, beschreibt der 43-Jährige als „sehr befreiend“ – ähnlich einer Last, die ihm von den Schultern fällt. Sein erster Spielfilm liegt bald zehn Jahre zurück. Der als rural noir bezeichnete Thriller Gutland über Identität, Fremdsein und die Undurchsichtigkeit einer scheinbar idyllischen Landschaft feierte beim Toronto Film Festival Premiere. Anschließend lief er auf weiteren internationalen Festivals und wurde von Luxemburg für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film eingereicht. Danach drehte Govinda Van Maele vor allem Kurzfilme, darunter Halligalli (2019) und Mutatiounen (2021).
„Als wir Gutland drehten, war Trump gerade ins Weiße Haus gewählt worden. Seitdem erleben wir einen großen Wandel, internationale Krisen, aber auch persönliche“, gibt der Filmemacher zu bedenken. „Ich habe zehn Jahre gebraucht, um diesen Spielfilm auf die Beine zu stellen, und auch davon handelt der Film: Von der Schwierigkeit Kunst zu betreiben im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Ein Film bedeutet immer auch eine Wandlung. Da er an die Substanz geht, Zeit beansprucht und sich das diesmal sogar konkret an meinem Haus widerspiegelt, das nach dem Dreh ein anderes sein wird, als vorher.“
Wie schon bei seinem letzten Spielfilm bedient sich Van Maele teilweise seines Heimatdorfs Herborn als Filmkulisse. Diesmal hat er bis aufs Kinderzimmer sogar das eigene Elternhaus von den Dekorleuten für seinen Film inszenieren lassen. Das hat nicht nur erzählerische, sondern auch praktische Gründe: Seit dem Tod der Nachbarn gegenüber standen deren Häuser leer. Bis sie vermietet, verkauft oder umgebaut werden, bietet sich für den Filmemacher so etwas wie eine kleine Filmstadt. Auch wenn Bruder Narayan Van Maele, der ebenfalls wieder für die Kameraführung verantwortlich ist, davon anfangs weniger angetan war: „Wir haben ein wenig Distanz gebraucht, um uns mit der Idee anzufreunden. Aber gerade drehen wir ja beim Nachbarn, und zum ersten Mal betrachte ich mein Haus aus dem zweiten Stock des Nachbarhauses. Das ist ein interessanter Perspektivenwechsel, auch metaphorisch.“
Während der letzten Jahre arbeitete Van Maele vor allem im Hintergrund an neuen Projekten, etwa an der Serie Quickies sowie am erfolgreichen Lost Weekend Festival, bei dem Laien innerhalb eines Wochenendes einen Film realisieren. Ziel war es, angesichts einer damals aus verschiedenen Gründen schrumpfenden Filmszene (etwa durch Überalterung, Übersiedlung und mangelnde Attraktivität) junge Filmschaffende zu fördern und ein spielerisches, von finanziellen Zwängen befreites Arbeiten zu ermöglichen. Schon bald liefen den Initiatoren die Neuankömmlinge die Bude ein. Govinda Van Maele hat stets die Rahmenbedingungen mitgedacht, unter denen in Luxemburg Kunst entsteht. Anders als viele andere ist er geblieben – auch weil er es sich leisten konnte.
In Herborn lebte er lange im Haus seines Vaters Francis Van Maele, dem Gründer der Verlage Éditions Phi und Redfox Press, der bereits vor Jahren nach Irland ausgewandert ist. Man könnte aber auch sagen, dass Govinda Van Maele sich der Situation, aus der so viele sich zu befreien hofften oder vorgaben, dies zu tun, inzwischen gestellt und daraus einen eigenen, trockenen Humor entwickelt hat. Denn im Zentrum seines Schaffens stand stets das Erzählen luxemburgischer Geschichten. Fragen von Privileg, Wohlstand und den Verlockungen der Heimat sind daher ebenso Teil seiner Reflexion wie die antikulturelle Dynamik, die viele, die auf eigenen Füßen stehen wollen, ins Ausland trieb. Dieser Trend scheint sich jedoch angesichts globaler Entwicklungen – etwa steigender Militärausgaben und wirtschaftlicher Krisen – zunehmend umzukehren. Auch dank familiärer Netzwerke und beruflicher Chancen über persönliche Beziehungen bleiben manche oder kehren zurück.
Der Filmemacher betrachtet diese Entwicklung mit einer gewissen sarkastischen Genugtuung. Als Patriot der Kunst qua Eigenimmobilie stellte er sich aber auch manchmal die grundsätzliche Frage, ob Luxemburg angesichts der völligen Abhängigkeit von öffentlicher Finanzierung, in die sie zunehmend gerät, Kunst überhaupt verdiene. Jetzt aber scheinen die Anreize, die manche ins vermeintliche Exil trieben, sie wieder nach Hause zu führen. Und wohl nicht zufällig erzählt sein neuester Film genau davon.
„Es ist die Geschichte einer Schauspielerin, die auf einem Set in Deutschland eine Krise durchlebt. Sie spielt in einer Krankenhausserie eine Nebenrolle, die seit längerer Zeit die einzige Arbeit ist, die sie finden konnte. Dann erfährt sie, dass ihre Figur aus der Serie herausgeschrieben werden soll: Sie soll bei einem Autounfall ums Leben kommen und durch eine jüngere Schauspielerin ersetzt werden. Das will sie nicht akzeptieren und beschließt, sich nach Luxemburg zurückzuziehen, wo sie ein Haus geerbt hat. Dort kommt sie schließlich mit einem Dorftheater in Kontakt“, so Van Maeles bitterböses Ausgangszenario.
Mit Elisabet Johannesdottir steht eine Darstellerin vor der Kamera, die selbst als Rückkehrerin gelten kann. Die in Luxemburg geborene isländische Film- und Theaterschauspielerin mit den wachen Augen, der leicht brüchigen Stimme und einer unprätentiösen, direkten Art hat überwiegend international gearbeitet. Sie studierte zunächst Schauspiel an der New York Film Academy und später in Los Angeles, war anschließend in internationalen Produktionen wie Bad Banks, Marionette, Sawah und The Beast in the Jungle zu sehen. Parallel dazu entwickelte sie eine umfangreiche Theaterkarriere in Europa und den USA. 2018 gab sie ihr Regiedebüt.
„Der Film erzählt eine sehr klassische Geschichte, in der sich viele, besonders Kunstschaffende wiedererkennen werden“, meint Van Maele. „Man versucht sich im Ausland, aber irgendwann wird es brenzlig, und dann stellt sich die Frage: zurück nach Luxemburg mit eingezogenem Schwanz oder im Ausland bleiben und es durchziehen?“ Auch er selbst sei mit dieser Situation vertraut, war rund um die Promotion von Gutland viel im Ausland und auf Festivals unterwegs, hat die letzten Jahre aber in Luxemburg verbracht. „Natürlich frage ich mich immer wieder selbst, ob ich bleiben oder doch irgendwann das Land verlassen soll. Und es ist eines der Themen, die in Luxemburg selten offen ausgesprochen werden, obwohl viele – besonders in der Kunstszene – damit zu tun haben. Es gibt eine gewisse Malaise, die die Filmszene überlagert und vieles beeinflusst. Ich hatte das Bedürfnis, das in den Mittelpunkt eines Films zu stellen, darüber zu lachen und es so auch ein Stück weit zu überwinden“, so Van Maele.
Sein neuer Spielfilm handele aber „ganz offensichtlich“ nicht von ihm, denn es gehe um eine Frau und um eine Schauspielerin, um eine Person, die es bisher gewohnt gewesen sei, von anderen betrachtet zu werden. Die nun aber die Perspektiven anderer einbauen und sich im Zuge dessen selbst betrachten müsse. Andererseits gehe es aber auch um die Auseinandersetzung mit der Frage, „ob man damals das Richtige getan hat, als man den Weg der Kunst einschlug“. Also im Grunde doch um beides gleichzeitig, so dass man immer von dem einen zum anderen wechseln kann. „Es geht um mich und auch nicht. Und das ist ein interessanter Ort, um eine Geschichte zu erzählen“, so Van Maele weiter.
Im Grunde sei man doch oft nur aus „Trotz“ hiergeblieben. Die Allerwenigsten jedenfalls, weil sie wirklich gern in Luxemburg bleiben würden – und wenn doch, dann häufig, weil sie keine andere Option haben, oder weil es ihnen schmackhaft gemacht wird, so der Autodidakt. Gleichzeitig höre er von Kolleginnen und Kollegen im Ausland inzwischen oft: Ich muss nach Luxemburg kommen, dort gibt es zumindest noch Geld in der Kultur. Luxemburg zieht wieder Leute an. „Das ist natürlich auch eine Chance für das Land – allerdings muss man darauf achten, diese Grassroots-Energie nicht zu verlieren“, so Van Maele, der für seinen Film noch etwa zwanzig Drehtage vorsieht. In die Kinosäle kommt er voraussichtlich nächstes Jahr.