Reaktion auf den Artikel "Der natürliche Tod" von Dr. Bernard Thill

Dreiste Behauptung

d'Lëtzebuerger Land du 12.03.2021

Lieber Ben,

Sollten wir die Diskussion über Euthanasie und ärztlich assistierten Suizid nicht doch wieder ins rechte Licht rücken?

Es handelt sich dabei ja nicht um eine Diskussion über natürlichen oder nicht natürlichen Tod, über legale oder illegale Tötung, sondern doch um das Erlösen einer Person von einem Lebenszustand, der von ihr als unerträglich empfunden wird und ohne Perspektive ist, so wie das auch bei manchem Suizid der Fall ist. Ich zitiere aus dem Roman L’Anomalie von Hervé Le Tellier (Prix Goncourt 2020): „Personne ne se donne la mort, on ne vous a pas appris ça? Il n’y a que des suppliciés qui s’échappent en tuant leur bourreau.“ Eine sehr harte Beurteilung dessen, was das Weiterleben für jemanden bedeuten könnte.

Du schreibst, dass Forschung und Wissen immer versucht haben, Probleme der Menschheit zu lösen, und dass dadurch auch in der Medizin neue Fachdiziplinen entstanden sind, wie etwa die Palliativmedizin. Und in der Tat hat die Palliativmedizin es fertiggebracht, das für viele Personen zunächst unerträgliche Leid in ein erträgliches zu verwandeln, und somit zum Weiterleben in Würde zu motivieren. Dort, wo dies nicht gelingt, bietet die Palliativmedizin die terminale Sedierung an, die darauf abzielt, der Person das Bewusstsein ihres unerträglichen Leidens zu nehmen („künstliches Koma“). Wohlwissend, dass dadurch der Sterbensprozess beschleunigt wird. Krass ausgedrückt, für jene, die sich so gerne mit dem Begriff Tötung auseinandersetzen, sozusagen eine Tötung auf Raten. Paradoxerweise hat hier wohl niemand ein Problem damit, ob es sich dabei um einen natürlichen oder nicht natürlichen Tod, eine legale oder illegale Tötung handelt!

Und da von Forschung und Wissen die Rede ist: Neuere Forschungsergebnisse an Komapatienten haben ergeben, dass es wohl zwei verschiedene Arten von Bewusstsein gibt, und zwar das „äußere“ (Wahrnehmung von Sinnesreizen) und das „innere“ (Denken). Was ist, wenn tief sedierte Personen zwar keine äußere Wahrnehmung mehr besitzen, aber noch ein inneres Bewusstsein haben und ihre Agonie tagelang innerlich noch „erleben“, bis zu dem durch die starke Sedierung herbeigeführten Tod? Ist das ethisch vertretbar?

Unsere säkularisierte Gesellschaft hat als einen der höchsten Werte die Freiheit des Menschen in den Vordergrund gestellt. Auch die Medizinethik hat als oberstes Prinzip den Respekt der Autonomie, der Selbstbestimmung des Menschen und somit seiner Würde.

Ich bin der Meinung, dass unsere seit 2009 bestehende und vor kurzem modifizierte Gesetzgebung über Euthanasie und ärztlich assistierten Suizid voll und ganz in dieser Optik gegeben ist, und jeder Willkür, ob natürlichem oder herbeigeführtem Tod Einhalt gebietet.

Dass Euthanasie oder assistierter Suizid eine Banalisierung eines tragischen Ereignisses ist, indem man einen natürlichen Tod bescheinigt und dann zur Tagesordnung übergeht, ist eine dreiste Behauptung und ein Schlag ins Gesicht der verantwortungsvollen, engagiert betreuenden Kolleginnen und Kollegen, die dann auch noch der Lüge bezichtigt werden, wenn sie einen Totenschein gesetzeskonform ausstellen!

Was das Vertrauen in die Ärzteschaft anbelangt, bin ich der Meinung, dass es eher wächst, wenn der leidende Patient, der von seinem Arzt schon länger betreut wird, im Voraus weiß, dass dieser ihm auch in seinen letzten Stunden beistehen wird seinem letzten Willen auf einen würdevollen, „natürlichen“ Tod Respekt erweist.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen,

Dr. Pit Buchler

Buchler Pit
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