Kino

Körperkultur

d'Lëtzebuerger Land vom 26.06.2020

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín legt mit Ema seinen neuen Film vor: Die titelgebende Ema (Mariana Di Girolamo) lebt zusammen mit ihrem Freund Gastón (Gael García Bernal). Beide leiten eine Tanzschule, die sich auf expressive Körperkultur konzentriert. Es läuft gut, aber beide sind an einem Nullpunkt angelangt, sie sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Nachdem sie einen Jungen erst adoptiert und dann wieder freigegeben haben, sehen sie sich mit einer Leere konfrontiert, die sie nicht mehr zu füllen wissen...

Regisseur Pablo Larraín kann man – mit Blick auf sein 2015 inszeniertes Biopic um Jackie Kennedy mit Natalie Portman in der Hauptrolle – als einen Filmemacher beschreiben, der gerne die weibliche Perspektive einnimmt. Für 2021 wurde sein nächstes Projekt Spencer angekündigt, ein weiteres Biopic um die Prinzessin Diana mit Kristen Stewart in der Rolle der Lady Di. Der Filmtitel zementiert auch bei Ema, dass Larraín aus der Sicht der Frau erzählt, der männliche Part, seine Gefühlswelt, seine Bedürfnisse hingegen bleiben nicht weiter definiert. Die Freigabe zur Adoption, das Weggeben eines Kindes, überlagert diese Beziehung, hat tiefe Risse hinterlassen, und Mann und Frau in einen Zustand der Entfremdung geführt, aus dem sie sich nicht mehr lösen können. Pablo Larraín trifft für diesen Verlust eine klare Bildsprache: Das Kinderbett, das Kinderkarussell sind nur mehr leere Erinnerungsorte an einen Kinderwunsch, der der jungen Frau ihren Lebenssinn gibt. Die Situation der Heldin dieses Films ist die einer Bürgerin mit dem aufgestauten Wunsch nach Eintritt ins Normalleben. Weder Sexualität, noch Arbeit, noch Freunde geben aber irgendwie Geborgenheit. Der Wunsch nach einem Kind wird so auch zur Sorge um die eigene Stabilität und Identität. Darstellerin Mariana Di Girolamo spielt das so, dass von ihr ein trauernder Schmerz, aber auch ein gewisses Gefühl des Aufbegehrens ausgeht. Nichts kann in diesem Gefühlschaos ganz zu sich finden, das zwischen Begierde und Verachtung hin und her oszilliert. Leitmotivisch wird das Feuer zitiert, ein Sinnbild für die Leidenschaft, aber auch für die Verwüstung. Es zerstört, spendet jedoch auch Wärme in dieser Welt, in der alle zwischenmenschlichen Beziehungen aufgehoben zu sein scheinen.

Allein die Anfangsszene will keinen Zweifel daran lassen: Hier haben wir es mit dem Werk eines großen Stilisten zu tun. Dieses Stilbewusstsein, das eines gewissen prätentiösen Moments nicht entbehrt, erinnert in etwa an die Filme von Nicolas Winding Refn oder noch Yorgos Lanthimos, der mit Filmen wie The killing of a sacred deer oder Lobster international auf sich aufmerksam machte. Pablo Larraín arbeitet in weiten Einstellungen und mit langsamen Kamerafahrten. In den meisten Szenen dominiert künstliches Licht, das besonders durch die Neonscheinwerfer gestiftet wird. Das wirkt äußerst artifiziell und kalt, transportiert aber präzise den desolaten Gefühlszustand seiner Figuren. Seine Musik verleiht den Bildern Rhythmus – und Rhythmus braucht dieser Film, wenn man sich nicht ganz in den sorgsam geplanten Einstellungen verlieren möchte. Gewiss, es sind relativ frei losgelöste Momente, die Larraín da stehen lässt und die für den Fortschritt der Handlung schlichtweg keinen erzählerischen Eigenwert haben. In den 80er-Jahren hätte man angesichts eines solchen Films vermutlich noch von Stilüberschuss gesprochen, von Form ohne Inhalt. Diese Momente narrativen Stillstandes haben dennoch dahingehend konzeptuellen Charakter, da sie Leerstellen markieren, die den inneren Erfahrungsraum des Verlustes, der Abwesenheit eines wichtigen Menschen visuell transportieren. Aber in diesen Bildern kommt auch ferner zum Ausdruck, wie man sich mittels exaltierten Ausdrucksbewegungen des Tanzes von dieser Verlusterfahrung zu lösen versucht. Das schafft ganz poetisch eindringliche Szenen, die über einer vermeintlich dünnen Geschichte liegen, aber auf dieser Oberfläche liegt für Larraín die Tiefe – die Bilder sind die Geschichte.

Marc Trappendreher
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