Anne Simon inszeniert Pinters Hothouse mit einem herausragenden Ensemble, darunter einer kernigen Marie Jung. Star des Abends ist die Kulisse von Anouk Schiltz

Störfall Mensch

d'Lëtzebuerger Land du 02.04.2021

Im völlig umgestalteten Studio im Grand Théâtre dreht sich ein Dutzend Zuschauer auf Bürostühlen um die eigene Achse. Eine Bibliothek. Ein Kurraum mit Heilbädern. Ein Direktionsbüro. Ein Schlafzimmer. Ein Arztpraxis. Ein Weihnachtsbaum. Die Räumlichkeiten des „Resthouse“ in Anne Simons Inszenierung von Harold Pinters Hothouse sind von der Bühnenbildnerin im Detail liebevoll, in ihrer metaphorischen Qualität durchdacht und in ihrer Anordnung so geplant, dass der Zuschauer im Parterre sich als Teil des Geschehens spürt. Mittendrin statt nur dabei. Anouk Schiltz hat in dieser Produktion der Théâtres de la Ville de Luxembourg ganze Arbeit geleistet.

Zwischen den beiden Stücken The Birthday Party und The Caretaker schrieb Pinter 1958 an der Tragikomödie Hothouse. Darin wird der ehemalige Militär-Colonel Roote Direktor eines nicht näher definierten Sanatoriums, in dem – pechschwarz überzogen – Hierarchie, soziale Kontrolle und technokratische Arbeitsvorgänge jeden humanistischen Genesungsanspruch untergraben. Aus jahrelang gewachsener Überzeugung lehnt die Leitung des Sanatoriums persönlichen Kontakt zu den Patient/innen ab: „I’ve given up visiting the patient. It is of no use.“ Die Patient/innen werden nicht mit Namen, sondern mit Zahlen genannt. Plötzlich wird dem geistig zunehmend umnachteten und mit utopischen Weltanschauungen um sich sabbernden Sir die Nachricht zugestellt, ein Patient sei verstorben, eine Patientin schwanger.

Der Mensch und das Menschliche werden hier zum Störfall. Das Aufbegehren des sauber kategorisierten „Staff“ und „Understaff“ gegen den machtlosen Leiter führt zu überwachungsstaatlichen Abhöraktionen, zu einem wildem Schlagabtausch zwischen den Mitarbeiter/innen und einem Institut, das schließlich zum Schauplatz eines Gemetzels wird.

Anne Simons Inszenierung umfasst ganze zwei Stunden und der Theaterabend kommt nicht ohne einige wenige Längen aus. Die Greifbarkeit des Orts und die wohldosierte tontechnische Drohkulisse sind aber bereits gute Gründe dafür, warum sich der Besuch lohnt. Hinzu kommen die feinen Leistungen der Darsteller/innen, allen voran Marie Jung als Lush und Dennis Kozeluh als Roote. Die textlastige Performance ist selten träge, sorgt für verbale Spannungssteigerung dessen, was der berechnende Assistent Gibbs mit den Worten „something is going to happen“ in Worte fasst. Es gärt im Treibhaus.

Anne Simon nutzt Bühne und Darsteller zudem, um diese willkürlich von der Außenwelt abgeschnittene Enklave vermeintlich psychiatrischer Heilkunst auf eine symbolische Ebene zu heben. So schleicht sich Tänzer Georges Maikel über weite Strecken von Hothouse in schwarzem, körperengem Outfit über die vereinzelten Elemente der Bühne – meist im Rücken des Publikums, vom aktuellen Bühnengeschehen entfernt. Seine Bewegungen lassen Empfindungen seelischer Gefangenschaft und sozialer Verwahrlosung vermuten. Folgen einer Klinikarbeit, die eher an Gefangenenwachdienst als an Heilkunst erinnert.

Dazu fügt sich ein weiterer Raum: Ein metallisches Gerüst ragt drei Mann hoch aus der Kulisse, aus den Wänden wachsen Rohre, werden wie Nervenstränge zu einem Dschungel verwoben. Darin verliert, verheddert, vernetzt sich zuerst der verlorene Patient, am Ende der geschasste Roote.

Technokratie, Nervensystem, die Fliege im Netz? Dieses eine Bühnenelement und das darin stattfindende Acting bieten Spielraum für mehrere Lesarten, die aber alle in eine Richtung zeigen: Die Akteure des Schauplatzes verlieren den Überblick und die Kontrolle wie die Fliege im Spinnennetz.

Plötzlich scheint ein Lichtkegel auf. Die Szene wird ausgeleuchtet. Irgendwer scheint alles zu beobachten. Weiter oben – da ist immer noch einer mehr. Und schaut zu.

The Hothouse von Harold Pinter. Eine Produktion der Théâtres de la Ville de Luxembourg. Regie von Anne Simon; Bühne von Anouk Schiltz; Kostüme von Virginia Ferreira; Musik von Pol Belardi; Licht von Marc Thein; Make-up von Joël Seiler; Regieassistenz von Sally Merres. Mit Danny Boland, Céline Camara, Catherine Janke, Marie Jung, Dennis Kozeluh, Georges Maikel, Daron Yates und Pol Belardi. Weitere Vorstellungen am 2., 6., 7., 9., 10. und 11. April, darunter auch Nachmittagsvorstellungen

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Claude Reiles
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