Schouldoheem.lu bildet das Rückgrat für eine Schule während der Pandemie. Akteure der ersten Stunde erzählen

„Alles gegeben ... und mehr“

d'Lëtzebuerger Land du 02.04.2021

„Für mich begann der Krisenmodus mit einem Telefonanruf“, erinnert sich Luc Belling. „Mein Chef war dran und rief mich zu einer Sondersitzung.“ Eigentlich wollte der Leiter der koordinierenden Division der Innovationen des Service de Coordination de la Recherche et de l’Innovation pédagogiques et technologiques (Script) am nächsten Tag wegen seiner schwangeren Frau freinehmen. Aber daraus wurde nichts. „Quasi über Nacht mussten wir die Internetseite schouldoheem.lu so aufbauen, dass sie für Homeschooling und als zentraler Informationspunkt genutzt werden konnte.“ Angerufen hatte ihn Script-Direktor Luc Weis. „Ich hatte kurz zuvor einen Anruf vom Ersten Regierungsberater erhalten, der mich informierte, dass morgen die Schulen schließen.“ Mit dem Auto eilten er und sein beigeordneter Direktor zur Krisensitzung zum Sitz des Ministeriums an der Place Aldringen. „Die Straßen waren wie leergefegt. Ich erinnere mich noch so genau, weil an dem Tag ein Juwelierladen überfallen wurde und die Hubschrauber über der Hauptstadt kreisten. Das war wie im Film.“

Eine Million Klicks Filmreif waren auch die Herausforderungen, die die Teams um Luc Weis in den nächsten Wochen meistern sollten: Neben einem Online-Auftritt, der allein zwischen Mitte März bis Mitte Mai 2020 mehr als eine Million besucht werden sollte, galt es, eine Helpline für Eltern, Lehrer/innen und Schüler/innen ins Leben zu rufen. Am Donnerstagmittag stand die Telefonleitung. „Auf der Pressekonferenz hatte der Minister soeben die letzte Ziffer verlesen, da klingelte es auch schon“, erzählt Luc Belling. Und das non-stop. Die Fragen, die auf das eilig zusammengestellte Team einprasselten, drehten alle um den plötzlichen Lockdown; darunter kniffelige Detailfragen, zum Beispiel, ob Lehrlinge im dualen System, von denen einige vor der Prüfung standen, trotzdem in die Schule kommen sollten. Oder von Eltern, die nicht wussten, wie sie die Betreuung der Kinder zuhause und die Arbeit vereinbaren sollten. „Dazu erhielten wir viele Anrufe. Das wurde besser, als die Regierung den Sonderurlaub für Eltern bewilligte.“

Allmählich entwickelte sich aus dem Ansturm ein System, Fragen wurden thematisch gruppiert und an Fachleute weitergereicht: Je nachdem, ob sie beispielsweise die Primärschule, die Berufsschule oder den schulpsychologischen Dienst (Cepas) betrafen, mit dem das Script eng zusammenarbeitete. „Die Professionalität wuchs quasi mit“, so Belling. Die Anrufe lieferten Input über Tutorials, Lern- und Instruktionsvideos, die gedreht wurden. „Viele Eltern wussten nicht mehr, wie sie die IAM-Adresse ihres Kindes aktivieren sollten“, beschreibt Belling eine typische Anfrage der ersten Tage. Per Video wurde erklärt, wie das Einloggen in die Microsoft-Anwendung für Schulen 365 Education geht – eine Kommunikationsplattform, die den Distanzunterricht und die Schulorganisation in den kommenden Wochen wie nichts anderes prägen sollte.

Während Kolleg/innen an der Helpline saßen, arbeiteten andere im Hintergrund an der Plattform weiter: „Ich setzte mich mit Informatikern zusammen und in den folgenden Tagen berieten wir über eine schlüssige Architektur.“ Das Gute: Pläne, die Plattform im Rahmen der Digitalisierung auszubauen, bestanden schon früher. „Wir haben geschaut, welche Materialen wir von wo nehmen konnten, um den Site zu bestücken, und haben diese zentral gesammelt und fürs Internet aufbereitet“, so Belling. Mitarbeiter/innen begannen, die Lizenzen für die verschiedenen Lern-Apps zu klären. Apps, die vor wenigen Tagen vielleicht von einigen hundert Schüler/innen genutzt wurden, erhielten plötzlich das Zehn- bis Hundertfache an Besuch. „Viele Verlage, mit denen wir zusammenarbeiten, waren sehr kulant und stellten uns kurzfristig ein Vielfaches mehr an Lizenzen zur Verfügung“, sagt Caroline Lentz.

Solidarität überall Lentz war im April 2020 Leiterin der Abteilung Didaktik für den Sekundarunterricht (heute ist sie die Personalchefin des Script). Bevor jedoch die Aufgaben verteilt werden konnten, mussten kleine handlungsfähige Teams zusammengesetzt werden. „Wir mussten klären, wen wir überhaupt abziehen konnten, denn es gab andere Projekte, die liefen bereits und mussten trotz Pandemie fertig werden“, erklärt Lentz. Die Überarbeitung des Französischbuchs etwa; das musste zur Schul-Rentrée 20/21 fertig sein. Ein Teil der Angestellten arbeitete zuhause im Homeoffice und musste daneben die eigenen Kinder betreuen. Eine der Schlüsselentscheidungen der ersten Tage war es, die herkömmliche Hierarchie kurzfristig anzupassen. Über Mail kam die Anweisung vom Chef, dass nicht alles von der Direktion abgesegnet werden musste. „So bekamen wir die nötige Flexibilität, um schnell handeln zu können“, sagte Luc Belling.

Die Atmosphäre damals sei angespannt gewesen. „Aber nicht im negativen Sinn“, betonen Belling und Lentz. Freiwillige meldeten sich, nicht nur vom Script, sondern auch aus den Schulen und anderen Diensten, wie den schulpsychologischen Diensten oder den Regionaldirektionen. Etwa für die Übersetzungen der Informationen auf schouldoheem.lu in fünf Sprachen: „Normalerweise geben wir Übersetzungsarbeiten an Profis ab. In der Krise sind Sprachlehrer/innen eingesprungen“, erzählt Caroline Lentz. Auch die Kolleg/innen im Homeoffice waren rund um die Uhr verfügbar. „Es herrschte eine enorme Hilfsbereitschaft“, erinnert sich Lentz. „Jeder hat alles gegeben...und mehr.“ Die Kehrseite: 16- bis 18-Stunden-Tage waren keine Seltenheit und das Multitasking im Dauer-Krisenmodus zerrte an den Kräften.

Die gemeinsamen Kraftanstrengungen trugen bald Früchte: Quasi im Wochentakt konnte man zuschauen, wie das Angebot unter schouldoheem.lu reichhaltiger – und sukzessive dann auch besser strukturiert wurde. Hilfreich war die Zusammenarbeit mit Radio 100,7, das verschiedene Angebote wie die Online-Challenges ab Mitte März über sein Kinder- und Jugendprogramm ausstrahlte. Insgesamt veranstaltete das Script 32 Challenges, an denen über 3 000 Schüler/innen teilnahmen. Mit den Monaten im Krisenszenario, die ins Land zogen, wurde ein weiteres Thema immer wichtiger: das Wohlbefinden von Schüler/innen und Lehrkräften. Auch dazu wurde unterstützendes Material gesammelt und auf die Seite gestellt, wie Entspannungsübungen oder wichtige Kontaktadressen. Ein Leitfaden wurde entwickelt, um Kinder in Not frühzeitig zu erkennen (Seite 28).

Learning on the job Über den Sommer wurden Rubriken reorganisiert. Wer heute nach einem Thema stöbert, kann mit wenigen Mausklicks Tutorials konsultieren oder sich in die jeweiligen Schulungen beim Weiterbildungsinstitut Ifen einschreiben. Zudem wurde die Summerschool als Online-Version ins Leben gerufen: Sie bietet Schüler/innen, die ein Nachexamen hatten oder Unterrichtsstoff wiederholen wollten, 47 Unterrichtseinheiten. Diese wurden 80 000 Mal heruntergeladen. Sport- und Kunstlehrer/innen schickten täglich lustige Challenges zur Motivation; ab Herbst kamen selbst produzierte Lernvideos und ab Januar die Rubrik Schouldoheem/on-air hinzu. Deren Produktion ist zwar verbesserungsfähig, vieles wirkt sehr frontal, aber für einen Anfang sind die Videos hilfreich und eine Abwechslung zum normalen Unterricht allemal. „Das ist sicher eine Baustelle, an der wir weiter arbeiten werden“, sagt Luc Belling. Die Teacher’s corner, ein Forum für Lehrkräfte, wurde genutzt, um sich über pädagogische Best practices auszutauschen. Die Webcasts erfreuten sich mit über 2 250 Zugriffen besonderer Beliebtheit: In den Livestreams konnten Interessierte Tipps von Experten zu allen möglichen Themen bekommen, von Class-Notebook bis zur Französisch-Lern-App Le projet Voltaire. Heute steht das alles zusammengefasst und übersichtlich aufbereitet unter www.roadmap.lu.

Hinter alledem steht eine Zusammenarbeit und Vernetzung über Fachdisziplinen hinweg, die ihresgleichen sucht: Die Informatiker/innen am Schul-Computerzentrum CGIE arbeiteten rund um die Uhr, ebenso beispielsweise eine Juristin, die Fragen zu den Autorenrechten klären musste, oder jene 20 Script-Angestellte, die kurzfristig das Tracing-Team in den Schulen verstärkten. „Was wir aus der Krisenzeit mitnehmen, ist, was wir alles stemmen können, wenn wir Kräfte bündeln. Es war enorm viel Kreativität und Hilfsbereitschaft vorhanden“, fasst Luc Belling das Gefühl in den Teams zusammen. Viel Knowhow habe man sich unterwegs selbst angeeignet oder gegenseitig beigebracht. „Das wird bleiben, das geht nicht mehr fort“, sagt Caroline Lentz.

Ines Kurschat
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