Gäbe es einen Preis für besondere Leistungen: Geflüchtete haben neben Schule und Pandemie oft andere Sorgen

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d'Lëtzebuerger Land vom 02.04.2021

Die Fenster sind geöffnet, ein Handvoll Jugendliche schauen, in zwei Meter Abstand in den Bänken sitzend, auf den Bildschirm vor ihnen. Wir sind in Luxemburg-Kirchberg in der Annexe des Lycée technique du centre (LTC), einer Sekundarschule in der täglich mehr als 80 Nationalitäten zusammenkommen. In unscheinbaren Containern, versteckt hinter dem Gelände der Uni Luxemburg, sind die Accueil-Klassen des unteren Zyklus des hauptstädtischen Lyzeums untergebracht.

„Wir hatten Glück. Wir haben erst vor einer Woche die ersten zwei Klassen in Quarantäne schicken müssen. Ansonsten sind wir mit Einzelisolierungen durch die Krise gekommen“, sagt Max Fischbach, beigeordneter Direktor des LTC und Leiter der Kirchberger Annexe, sichtlich erleichtert. Die Schule so lange wie möglich geöffnet zu halten, war nicht nur den Direktionen und dem liberalen Bildungsminister ein Anliegen, sondern für die hier betreuten Schüler/innen besonders wichtig: Viele kommen aus Syrien, Afghanistan, Irak oder Iran. Es sind Jugendliche, die vor Krieg, Vertreibung und Hunger geflohen sind, manche ohne Eltern. Es sind Mädchen und Jungen, denen in jungen Jahren schon viel abverlangt wurde und die mit vielen Widrigkeiten gekämpft haben und weiter kämpfen.

Umso wichtiger sei es gewesen, gerade diesen Jugendlichen eine feste Struktur im Alltag und Halt zu geben, auch wenn wegen des Notstands die Schulen geschlossen blieben. „Als der Lockdown kam, hat es einige Wochen gedauert, um uns umzustellen“, erinnert sich Carine Costa Parada, Lehrerin einer Accueil-Klasse. „Wir haben erst noch gedacht, das ist nur für eine kurze Zeit.

Recht schnell war dann aber doch klar, dass der Lockdown andauern wird und wir Alternativen zum Präsenzunterricht brauchen.“

Für die LTC-Lehrer/innen bedeutete das, mehr noch als vielleicht an manch anderen Schulen, Extrawege zu gehen. Durchaus im wörtlichen Sinne. Denn nicht jede/der 450 Schüler/innen hat ein Tablet oder Laptop und daheim Zugang zu einem stabilen Internet. „Wir haben um die 150 Tablets direkt ausgehändigt, die normalerweise nur innerhalb des Unterrichts genutzt werden“, erzählt Max Fischbach. Wer kein Smartphone oder Tablet besaß, bekam in den ersten Tagen des Lockdowns die jeweiligen Aufgaben vorbeigebracht. Zupass kam der Schule, dass sie im Rahmen ihres Accueil-Programms bereits I-Pad-Klassen betreute und dafür eine eigene Intranetseite aufgebaut hat. „Diese haben wir genutzt, um dort täglich Aufgaben und Lerneinheiten einzustellen“, sagt Carine Parada.

Aber wie und was unterrichten, wenn viele Schüler/innen die Sprachen und Kulturen des Landes erst lernen und ihre persönliche Lebenssituation oft alles andere als stabil und von Sorgen geprägt ist? Laut Anweisung aus dem Bildungsministerium sollte der Akzent auf den Hauptfächern liegen, „aber gerade die anderen Aktivitäten sind wichtig für das Wohlbefinden unserer Jugendlichen“, betont Parada. Kollege Max Fischbach zeigt ein Video, in dem ein Lehrer eine Aufgabe erklärt: Die Schüler sollen ihren Alltag beschreiben und sich dabei selbst filmen. „So haben wir zum Teil erst richtig gesehen, wie unsere Schüler/innen leben“, sagt er. Eine Schülerin habe daheim keine ordentlich funktionierende Heizung gehabt und sich mit einer Decke vor ihr Tablet gesetzt.

Hausaufgaben konzentriert in einer ruhigen Ecke zu erledigen, ist oftmals eine echte Herausforderung und kann nicht einfach vorausgesetzt werden: Manche Schüler/innen wohnen in einer Sammelunterkunft oder einer engen Wohnung, nicht selten teilen sie sich ein Zimmer mit Geschwistern oder anderen Angehörigen. Die Übungen waren deshalb so gestaltet, dass die Jungen und Mädchen sie teilweise im Freien machen konnten: Turnübungen beispielsweise oder andere Online-Challenges. „Jeder hat jeden Tag etwas hineingestellt“, erklärt Max Fischbach und zeigt einige Fotos aus der Zeit: Man sieht Schüler Vokabeln lernen, andere backen ein Rezept nach, das ein Lehrer geteilt hat.

Die Umstellung fiel nicht jedem leicht: Sich die Zeit im Lockdown frei einzuteilen und trotzdem mit dem nötigen Ernst zu lernen, ist leichter gesagt als getan, wenn das eigene Leben von Behörden abhängt oder man damit beschäftigt ist, sich in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Ein Vertrauenslehrer (Tutor) stand bereit, um zu helfen.

Anpassungsschwierigkeiten hatten aber auch manche Lehrer: Manche wollten zunächst frei ohne feste Zeitvorgaben arbeiten. „Bald stellte sich heraus, dass es mit festen Stundenplänen besser funktionierte“, erinnert sich Fischbach. Eine gesunde Balance zu finden zwischen Einsatz im Unterricht und selbst kein Burnout zu riskieren, ist nicht leicht. Denn zum einen steht das Lehrpersonal unter dem Druck, die Schüler/innen sprachlich fit zu machen – gleichzeitig riskiert durch den Corona-bedingten Unterrichtsausfall einmal Gelerntes wieder verloren zu gehen. Viele Jugendliche haben daheim niemanden, der oder die ihnen beispielsweise mit den Französischaufgaben helfen kann.

„Professionell zu sein“ als Lehrer bedeute in erster Linie zu erkennen, „was ein Schüler benötigt und mit welcher Form der Unterstützung darauf zu reagieren ist“, so fasste Karolina Markiewicz, Lehrerin einer Accueil-Klasse, die Anforderungen einmal in einem Forum-Interview in Worte. „Die besten Lehrer, an die ich mich aus meiner Schulzeit erinnere, waren immer jene, denen wir als Menschen nicht egal waren.“ Das gilt grundsätzlich für alle Lehrer/innen – aber die besonderen Lebensumstände vieler Accueil-Schüler/innen verlangen auch den Lehrkräften Besonderes ab, zumal in einem Schulsystem, das sehr formalisiert ist und wenig Raum für Abweichungen lässt.

Auch sind immer wieder Reaktivität und Flexibilität gefragt: Wenn eine Schülerin plötzlich nicht auftaucht, weil sie in der lauten Unterkunft nicht zur Ruhe kommt und fortläuft, oder weil jemand traurige Nachrichten aus der ehemaligen Heimat bekommen hat. Während der Schulschließungen sei es nicht immer leicht gewesen, den Kontakt zu behalten: „Wir haben es über Teams, Whatsapp und Telefon versucht, aber wir haben auch den einen oder anderen nicht erreicht“, gibt Carine Parada offen zu. Im LTC arbeiten Lehrer/innen, Erzieher/innen und schulpsychologischer Dienst ganz eng zusammen, um am besten einzugreifen, bevor sich Situationen dramatisch zuspitzen. „Eines ist sicher: Hier haben beide Seiten, Lehrer und Schüler, während der Pandemie Außergewöhnliches geleistet“, sagt Max Fischbach.

Ines Kurschat
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