ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Nassau in China

d'Lëtzebuerger Land du 11.02.2022

Vergangene Woche wurden die Olympischen Winterspiele in Beijing eröffnet. An der Feier nahmen nur zwei Staatsoberhäupter aus der Europäischen Union teil: Großherzog Henri und der polnische Präsident Andrzej Duda. Tags darauf empfing Präsident Xi Jinping seinen Luxemburger Amtskollegen zu einem Einzelgespräch.

Die Regierung der USA hatte zum diplomatischen Boykott der Spiele aufgerufen. Kaum ein verbündetes Staatsoberhaupt oder Regierungsmitglied traute sich nach China. Die Tausende im Mittelmeer ertrinken lassen, sorgten sich um die Menschenrechte in Xinjiang. Die wenigsten sprachen von Boykott. Die meisten entdeckten Covid als diplomatische Krankheit.

Die DP/LSAP/Grüne-Koalition wollte es China und den USA recht machen. Das ist das Luxemburger Modell. Sie ließ das Staatsoberhaupt nach China reisen und den Sportminister zu Hause bleiben. Sie beschwichtigte, dass der Großherzog als Mitglied des Olympischen Komitees in China war. CSV samt Taiwan-Lobby und ADR blieben diskret. Sie wollten Majestät und den Finanzplatz nicht „pänéieren“.

Das hiesige Bürgertum macht lieber Geschäfte als Krieg. An Letzterem verdient es weniger. Ein Drittel von Cargolux gehört der Henan Civil Aviation Development and Investment Company. Die BIL gehört zu neun Zehnteln der Legend Holdings Beijing. Die Europazentralen von sieben chinesischen Banken befinden sich in Luxemburg.

Die USA haben zum Kalten Krieg 2.0 aufgerufen. Im nächsten Jahrzehnt sollte das chinesische Bruttosozialprodukt dasjenige der USA übertreffen. China will nicht länger den Rikscha-Kuli der Weltwirtschaft spielen. Dann kam die Covid-Rezession. Nun könnte die Volksrepublik schon Ende dieses Jahrzehnts zur größten Volkswirtschaft werden. Die USA wollen das mit allen Mitteln verhindern.

Russische Truppen stehen an der ukrainischen Grenze. Sie sollen Druck ausüben. Um den Nato-Beitritt der Ukraine und Georgiens, einen Regimewechsel in Belarus zu verhindern. Sonst stünden Nato-Raketen von Estland im Norden bis zur Türkei im Süden an der russischen Grenze. Bisher fünf Osterweiterungen der Nato widersprechen den Michail Gorbatschow gemachten Zusagen von 1990. Sie sind Teil des neuen Kalten Kriegs gegen Russland.

Das hiesige Bürgertum macht lieber Geschäfte als Krieg. Mit Alfa, East-West United, Gazprom, Rosneft, Russian Commercial, Rusnano, Sistema, Sodrugestvo, Volga und anderen russischen Firmen. Arcelor wollte sich lieber in die Arme Alexei Mordaschows als Lakshmi Mittals werfen.

Außenminister Jean Asselborn riet vor 14 Tagen im Deutschlandfunk allen Beteiligten, zur „Toolbox der Diplomatie“ zu greifen. Einer sechsten Osterweiterung der Nato ist er nicht abgeneigt. Friedensengel wollen sich nicht die Flügel verbrennen.

Die Armee hatte schon 2017 ihre Leitlinien auf den Kalten Krieg 2.0 abgestimmt. Die Parteien, Ministerien und Redaktionsstuben sind noch nicht gerüstet. Dort sitzt eine neue Generation. Ihr fehlt der Fanatismus der Kalten Krieger von früher. Sie will sich das Geschäft der Globalisierung nicht entgehen lassen. Sie hält sich für ökologischer, feministischer, antirassistischer als der Rest der Welt. Sie hasst den Ennemi im Osten nur halbherzig. Sie liebt die Führungsmacht im Westen nur halbherzig.

Für Boeing und General Electric ist Krieg ein Geschäft. Mit einem Kalten Krieg 2.0 wollen die USA ihre Hegemonie nicht nur gegen China und Russland verteidigen. Er gilt auch ihren Verbündeten. Wirtschaftssanktionen gegen Russland oder China schwächen die europäischen Staaten. Sie sollen deren Abhängigkeit von den USA vergrößern: Flüssiggas statt Erdgas, Iphone statt Huawei. Jede Querele mit Russland festigt die militärische Kontrolle der USA über Westeuropa.

Aus der Oper Nixon in China könnte Großherzog Henri in China singen: „We live in an unsettled time. / Who are our enemies? Who are / Our friends?“

Romain Hilgert
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