film made in luxembourg

Neuland

d'Lëtzebuerger Land vom 09.04.2021

„Let’s shoot before the sea goes back“, ruft Laura Schroeder ihrem Filmteam zu. Umgeben von Dünen und Meer bildet das Filmset eine kleine Welt für sich. Rund zwanzig Personen bereiten hier an der Nordostküste von Lanzarote eine Szene vor. Mit der ganzen Ausrüstung, den Mikrofonen, Kameras und den die Szenerie umrahmenden Monitoren wirkt die Filmcrew mit ihren Schutzmasken im Gesicht fast wie ein Expeditionsteam. Dabei stellt das Phänomen der Ebbe für eine luxemburgische Filmproduktion nun wirklich eine Besonderheit dar. Die luxemburgische Filmemacherin Laura Schroeder, die bereits D’Schatzritter – D’Geheimnis vum Melusina (2012) und Barrages (2017) realisiert hat, bereitet mit Maret ihren nächsten Spielfilm vor. In mancherlei Hinsicht birgt das Projekt wahrhaftig Expeditionscharakter, denn es fällt unter die aktualisierten Regelungen des Filmfund und kann demgemäß auch von einer stärkeren nationalen Förderung im Ausland profitieren, genauer gesagt: von der dedizierten Zusage von Drehorten im Ausland, ohne dass dabei die Auflagen einer mindestens 50-prozentigen Ortsansässigkeit in Luxemburg zwangsläufig respektiert werden müssen. Dafür soll aber beispielsweise die Postproduktion mehrheitlich in Luxemburg stattfinden.

Maret erzählt die Geschichte einer Frau mittleren Alters, die seit einer Bewusstseinseinengung keine Erinnerungen an ihr früheres Ich mehr besitzt. Sie wird auf eine renommierte Hirnchirurgin, Dr. Moore, aufmerksam, die sich in Lanzarote niedergelassen hat und ihr einen gewagten Eingriff anbietet, der ihre Gedächtnisstörung beheben könnte. Die Kurzskizze der Handlung dürfte deutlich machen, dass die Produktion tatsächlich von Anfang an so konzipiert wurde, um die vom Filmfund angekündigten Veränderungen in Bezug auf die Drehorte in die Praxis umzusetzen und zu erproben. Damit könnte sich in mehrfacher Hinsicht ein Paradigmenwechsel für die Filmproduktion andeuten. Es ist in erster Linie eine Öffnung für einen kooperativeren Zusammenschluss der europäischen Filmproduktion und das merkt man diesen Filmsets auf Lanzarote deutlich an: Gesprochen wird Luxemburgisch, Spanisch, Englisch, Deutsch. Zusammengekommen ist ein Team, bestehend aus vierzig bis fünfzig Leuten: darunter Tontechniker, Maskenbildner und Schauspieler aus Luxemburg, Deutschland und Spanien. Die spanische Gesellschaft Cobalt Films (unter der Aufsicht von Adrià Monés) leitet die ausführende Produktion auf Lanzarote. „Es ist bereichernd, ein Team um sich zu wissen, das die Gegend auch kennt“, meint Harald Rude, Second Assistant Director. Dabei zeigt sich der südländische Einfluss auf die Produktion vor allem im entspannten Umgang miteinander, die Stimmung vor Ort lässt einen fast die Corona-Situation vergessen. Zwischen den Takes wird viel gelacht, sogar auf die Musik eines Candomblé-Rituals getanzt. Sobald die Kameras laufen, ist es aber ganz still, im Hintergrund ist nur das ständige Rauschen des Meeres zu vernehmen. Immer wieder sucht Laura Schroeder den Austausch mit ihren Schauspielern. Sie ist konzentriert und engagiert, spricht leise, aber eindringlich. „Laura ist ruhig, aber fokussiert“, sagt mir ihr Darsteller Alvaró Cervantes. Für ihn fühlt sich die europäische Ausrichtung der Filmproduktion ganz natürlich an, überhaupt scheint die Atmosphäre der Insel für ihn prägend für diesen Film: „Die Menschen hier sind entspannt, abgekoppelt vom ‚echten Leben‘, eine andere Art zu leben, ein Ort, an dem man ein neues Leben mit einer neuen Identität beginnen kann.“

Ruhig und fokussiert: Es wirkt beinahe so als übertrage sich Laura Schroeders Arbeitsweise auf die gesamte Crew. Hinter ihr steht ein eingespieltes Team, alles läuft wie ein Uhrwerk und greift ineinander: Kameraposition, Lichtsetzung, Soundcheck. Man spürt, dass hier etwas im Begriff ist zu entstehen, in diesen Landschaften, die das Großherzogtum als Filmschauplatz so nicht bieten kann. Aber der Strand von Famara ist nicht die einzige Location, die die Filmcrew während ihrer achtzehntägigen Drehzeit auf der Insel besucht. Gedreht wird außerdem am Flughafen, im Nationalpark von Timanfaya, in den Bungalows rund um Famara. Dabei wirkt die Villa in Las Breñas, südwestlich gelegen, mit den Palmen, aber auch Kakteen, ihren kalten, weißen Mauerflächen und Glaswänden wie ein Fremdkörper in der von dunkler Lava geprägten Landschaft. Das schafft spannungsreiche Gegensätze, die klarerweise narrativ motiviert sind, mehrere Darstellungsmöglichkeiten bieten und so einen künstlerischen Freiraum ausbilden.

Maret ist eine luxemburgisch-deutsche Koproduktion unter der Leitung von Jeanne Geiben und Vincent Quénault (Red Lion) und Dorothe Beinemeier (Red Balloon Film GmbH). Nach dem Durchlaufen des Co-Production Market auf der Berlinale 2020 wurde das Projekt vom Filmfund Luxemburg und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unterstützt. Für den Produzenten Vincent Quénault sind die Neuerungen in Bezug auf die Filmförderung deshalb auch insbesondere im Hinblick auf die internationale Konkurrenzfähigkeit und die Attraktivität der Filmbranche zu begrüßen: „Wir haben unsere Nachbarländer, die aufgrund ihrer lokalen Möglichkeiten anziehender sind für ausländische Produzenten, als Luxemburg. Oft musste man den Partnern mitteilen, dass in Luxemburg gedreht werden muss, was oftmals als schwerwiegende Auflage wahrgenommen wurde. Mit der Regeländerung, d.h. der Vereinfachung, im Ausland zu drehen, kannst du interessantere Projekte anziehen.“ Man dürfe die internationale Konkurrenz, die Konkurrenz von außen, nicht vergessen, betont auch Jeanne Geiben: „Wenn Luxemburg international Fuß fassen will, dann bist du dazu angehalten, die Landesgrenzen zu überschreiten. Es bereichert das luxemburgische Kino enorm.“ Mit Maret begibt sich die Produktionsgesellschaft mithin auf ein neues, mitunter auch experimentelles Terrain. Die Vorbereitungsphase für die Dreharbeiten, die im Februar und März stattfanden, erwiesen sich besonders aufgrund der strengen Einhaltung der Covid-19-Schutzmaßnahmen als ungewohnte Herausforderung, denn neben den 18 Drehtagen auf Lanzarote sind weitere sieben in Hamburg und nochmals sieben in Luxemburg anberaumt – das unter ständig wechselnden Sicherheitsvorkehrungen und -anweisungen. Den zentralen Schauplatz des Films wird demnach die nordöstlichste der kanarischen Inseln bilden, denn vor allem die Küste von Famara mit ihren kargen Felslandschaften und massiven Gebirgsketten war ein maßgeblicher Einflussfaktor für die Filmemacherin. Tatsächlich war ihr der Schauplatz bereits beim Schreiben des Drehbuchs vor Augen, und das im Wortsinne: Der Großteil des Drehbuchs, das Schroeder in Zusammenarbeit mit Judith Angerbauer verfasste, ist vor Ort entstanden: „Ich habe etwas gesucht, wo die Figur die Ratio, alles das, was im Kopf ist, alles für einen Moment auf der Seite lassen kann.” Soviel vorweg: Der Film ist, wie auch schon Barrages, voll und ganz um die weibliche Hauptfigur herum konzipiert, die bis an die Grenzen einer Extremsituation geführt wird. „Die Idee ist im Grunde eine Figur zu benutzen, um eine Frage über uns als Menschen zu stellen. Wie ist man glücklich? Welches Leben wählen?“ Laura Schroeder hat den Film über mehrere Jahre hinweg vorbereitet, sie besuchte die Nordküste von Famara mehrfach. Nun endlich die Kamera laufen zu lassen, empfindet sie gerade im Kontext der globalen Pandemie als einen Moment der Bereicherung: „Ich fühle mich wirklich frei, es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl habe, meiner Intuition in dieser Form nachgehen zu können. Das ist möglich, weil ich super Schauspieler habe, weil ich ein Team habe, das mir den Raum gibt und mit meinen Ideen mitgeht. Es ist eine unglaubliche Chance, um vor allem in diesen Zeiten einen Film in drei Ländern drehen zu können. Für mich ist es eine große Erfüllung.“

Marc Trappendreher
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