Waldgärten sind ein neuer Trend. Sie haben nicht nur mit Landbau zu tun. Sie sind auch ein soziales Experiment

Wurzeln schlagen

d'Lëtzebuerger Land du 06.01.2023

Drei durch Fäulnis geschwärzte Äpfel liegen im gelblichen Gras. Sie sind von einem fünfjährigen Hochstammbaum runtergefallen. Ein paar Schritte entfernt von ihm wurden Anfang Dezember weitere Obstbäume gepflanzt: Zwetschgen und Mirabellen sollen in den kommenden Sommern an ihnen sprießen. „In ihrem Schatten können zudem Brombeer- und Johannisbeer-Sträucher ungestört gedeihen“, erläutert Nadira Anahata, eine gebürtige Pakistanerin, die seit über zehn Jahren in der Umweltbewegung aktiv ist. Am Boden sollen Minze und essbare Wildpflanzen wachsen. „Bäume, Sträucher und Kräuter sollen sich durch ihre verschiedenen Wuchshöhen unterstützen und gute Wasserspeicher sowie Lichtbedingungen schaffen“, erklärt Aline Ouvrard, Koordinatorin des Projekts. Solche mehrstöckigen Landbau-Anlagen werden gemeinhin als Waldgärten bezeichnet. Die Parzelle in Mersch ist die erste ihrer Art und befindet sich in Nähe des Feuerwehrzentrums. „Auf die Pionierleistung sind wir stolz“, meint Nadira Anahata.

Der Waldgarten ist Teil eines Gemeinschaftsgarten, der 2017 durch Spatenstiche aus der Erde geholt wurde. Er geht auf die Mühen von Gaart an Heem und dem Centre for Ecological Learning (Cell) zurück, die gemeinsam mit Bürgermeister Michel Malherbe (DP) sondierten, welche Flächen hierfür zur Verfügung gestellt werden könnten. Die Kommune wies den beiden gemeinnützigen Organisationen schließlich 1 300 Quadratmeter zu und unterstützt die Initiative finanziell. 14 Personen kümmern sich nun um unterschiedliche Parzellen. „Die jüngste ist neun Monate alt, die ältesten sind im Pensionsalter“, sagt Nadira Anahata. Die Stimmung sei gut; vor allem bei Bepflanzungsworkshops könne jeder von jedem lernen, erläutert Aline Ouvrard, studierte Urbanistin. Sie hat den Waldgarten ab Juli 2022 modelliert. Unterstützt wird sie von Fernand Sauer, Präsident der Lokalsektion von Gaart an Heem. Er koordiniert die Mitgliederversammlungen und „ech kucken dat kee sech beim Opdeelen vun der Recolte sech par Rapport zu sengem Asaatz benodeelegt fillt“. Auch er schwärmt von dem Lernprozess, in dem sie sich in Mersch gemeinsam befinden. „An heiansdo ginn déi al Huesen dertëscht, wann se eppes aus Erfarung wëssen“, erläutert er. So wollten die experimentierfreudigen Millennials beispielsweise einen Essigbaum anschaffen, aber die Rentner-Generation wusste, dass dieser Baum mit seinen flachwachsenden Wurzeln sich wie die Pest ausbreitet.

Auf dem Campus Kirchberg hat Ariane König, Professorin für Transformationsprozesse in sozial-ökologischen Systemen, ein 10 Quadratmeter kleines Büro mit dunklem Teppichbodenbelag. Er kontrastiert mit einem Bild an der Wand, auf dem sich bunt beschriftete Grußbotschaften befinden. Sie und Andrew Ferrone, beide Mitglied des Observatoriums für Klimapolitik, sitzen hier und denken darüber nach, wie zukunftsweisend Agroforst und Waldgärten sind. Für Ariane König halten diese Landbauformen viele Lösungen bereit: „Das Pflanzen von Hecken und Bäumen auf landwirtschaftlichen Flächen schafft Resilienz gegenüber Klimaschwankungen. Das Vieh hat schattige Plätze, die Bäume binden CO2 und wirken gegen Bodenerosion“, erläutert sie. Sie stelle sich eine Landwirtschaft für die Zukunft vor, in der es vermehrt zu Synergien zwischen Pflanzen und Tieren kommt. „Am Lauf der Alzette haben wir einen ganz dicht besiedelten Korridor, da könnte man einen grünen Gürtel drum herum anlegen, in dem Bürger Parzellen bewirtschaften, in denen Gemüse und Obst angepflanzt wird sowie Eschen und Birken, deren kräftige Wurzeln Regenwasser abfangen und einen Schutzschirm gegen Dürren bilden. Drumherum könnten kleine Rinder-, Schafe- und Ziegenherden trotten, die den Boden mit fruchtbarem Dung beleben“ veranschaulicht König.

Als Insipirationsquelle könne dabei die regenerative Landwirtschaft dienen, in dessen Zentrum die Stoffwechselaktivität der Pflanzen steht, sowie die Wiederherstellung des lebend gebundenen Kohlenstoffs – so wird unter anderem der Humusaufbau gefördert. „Aber diese neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und experimentellen Ansätzen, schaffen es oft nicht in die Büros der Politiker oder den Klassenraum der Berufsschulen“, moniert die Professorin. Die Naturwissenschaften müssten sich verstärkt einem Denken in Interdependenzen öffnen. Zu häufig ginge es in experimentellen Studien darum, bestimmte Aspekte isoliert zu untersuchen. König erläutert: „Was wir wie wissen, hängt derzeit stark mit Spezialisierung zusammen, das bringt eine zu fragmentierte Sichtweise mit sich, die den Blick für das Wohlbefinden von Tier, Boden und Mensch aus dem Auge verliert. Wir brauchen mehr Interdisziplinarität, partizipative Evaluierungen und Citizen Science“.

Als Citizen Science, auch noch Bürgerforschung genannt, werden Forschungsvorhaben bezeichnet, die interessierte Laien einbinden. Solche Projekte wurden in den vergangenen Jahren in mehreren Gemeinschaftsgärten von Cell unter Aufsicht der promovierten Biologin Tania Walisch vom Naturkundemuseum durchgeführt. Eine Forschungsfrage untersuchte beispielsweise, welche Wachstumsunterschiede zwischen einer Kultur bei zwei unterschiedlichen Anbaudichten auszumachen sind. So wurde in einer Reihe in einem Abstand von 5 cm Mangold angepflanzt und in einer Vergleichsreihe alle 10 cm. Um den Einfluss von unterschiedlichen Variablen möglichst gering zu halten, mussten die bepflanzten Parzellen unter anderem eine ähnliche Nord-Süd-Ausrichtung beachten sowie ein bestimmter Bewässerungsplan eingehalten werden. Dieses Vorhaben illustriert zugleich, dass es in der Grundlagenforschung zunächst notwendig ist, bestimmte Aspekte wie Wachstumsdichte bei einer Kulturpflanze isoliert zu betrachten, um verlässliche Daten zu generieren, die in einen größeren Zusammenhang gestellt werden können. Einige Cell-Mitglieder orientieren sich zudem an der Permakultur-Bewegung. Diese will ein Denken in ökologischen Zusammenhängen fördern. Dabei will sie sich nicht auf Landnutzungsfragen beschränken, sondern allgemein eine Kultur der nachhaltigen Lebensweise voranbringen. Als vorbildlich werden Kreisläufe der Natur gedeutet und das Augenmerk soll auf Beziehungen unterschiedlicher Lebewesen untereinander und zu ihrer Umwelt gelegt werden.

Andrew Ferrone, Präsident des Observatoriums für Klimapolitik, befürwortet den Anbau von Hecken und Bäumen auf landwirtschaftlichen Flächen vor allem für seine Kohlenstoffbindung. „Zugleich unterstützt die Agroforstwirtschaft die Anpassung des Landbaus an die Herausforderungen des Klimawandels und wirkt dem Verlust der biologischen Vielfalt entgegen“, erläutert der promovierte Klimatologe. Er hat Ende letzten Jahres bei der COP27 für Luxemburg und die Europäische Union verhandelt. „Seit der vorindustriellen Zeit haben sich die Temperaturen in Luxemburg im Mittel um 1,5 Grad erhöht und damit gingen vermehrt Hitzewellen, Dürreperioden und Starkniederschläge einher“, führt er aus. Der Anfang Januar erschienene Wetterbericht der ASTA hält darüber hinaus fest, dass 2022 mit einer Durchschnittstemperatur von elf Grad Celsius das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen 1838 war. Ob es im Jahr 2050 noch Laubwälder und das hiesige Dauergrünland geben wird, wird von politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Entwicklungen abhängen, also davon, ob wir die globale Klimaneutraliät bis 2050 erreichen, so der Klimaexperte. „Die Flächenversiegelung darf zudem nicht wie in der letzten Dekade fortschreiten. Statec-Daten zeigen, dass die landwirtschaftlich genutzte und bewaldete Fläche in Luxemburg von 91,8 Prozent im Jahr 1990 auf 84,6 Prozent im Jahr 2021 zurückging. Etwa 0,5 Hektar pro Tag wurden versiegelt“, so Ferrone.

Im Frühling soll der Waldgarten in Mersch für die breitere Gesellschaft geöffnet werden. Ateliers zur Saatgutreproduktion stehen an sowie die Aussaat von niedrigwüchsigen Pflanzen unter den Bäumen. Aline Ouvrard kam erstmals 2018 für ein mehrmonatiges Praktikum bei Cell aus der Normandie nach Luxemburg. Als sie Anfang letztes Jahr hörte, dass in Luxemburg ein Gärtner-Posten ausgeschrieben sei, kam sie zurück: „Hier gibt es viele interessante Initiativen“. Mittlerweile finden in anderen Gemeinden ähnliche Überlegungen statt. In Differdingen wird unter der Bürgermeisterin Christiane Rassel-Brausch (déi gréng) in den kommenden Jahren ein grenzüberschreitender Waldgarten geplant. Ende letzten Jahres wurde in Differdingen überdies ein Miniwald auf 350 Quadratmetermit 25 Arten von Bäumen und Sträuchern gepflanzt, um ein abkühlendes Mikroklima für die Sommermonate nah an der besiedelten Ortschaft zu schaffen.

Stéphanie Majerus
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