Luxemburg gilt als internationales Risikogebiet. Vielen Einwohnern bleibt nur der Urlaub im eigenen Land. Eine Reportage

Heibleifskärchen

Der Schéissendëmpel im Müllerthal
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 24.07.2020

Failed State „Das sind ganz sicher 300 Meter“, sagt eine Frau und spielt eine Karte aus. „Ach Quatsch, das ist nie im Leben länger als zwei Fußballfelder“, so ein Mann mit muskulösem Oberkörper. Eine Baseballkappe verdeckt sein spärliches Haar, sein Blick weicht nicht von seinen beiden Karten. „Ich schwimme gleich hin und wieder zurück – und zwar im Kraulen.“ Er legt eine Karte mit seiner linken Hand auf den Stapel und blickt in die Runde: „Uno!“

Es ist der erste Sonntag nach Beginn der großen Ferien. Der Himmel ist leicht bewölkt, aber das Thermometer zeigt über 25 Grad Celsius. Vor wenigen Tagen hat das deutsche Robert-Koch-Institut Luxemburg als „Risikogebiet“ eingestuft wegen der hohen Anzahl an positiven Corona-Tests. Auch Belgien hat das Großherzogtum zu einer „Zone orange“ erklärt.

Für die Einwohner des Großherzogtums bedeutet das, dass sie sich wohl in ihrem nur 2 586 Quadratmeter großen Ländchen einrichten müssen. Für die Bevölkerung eines Landes im Singular, in dem es nur einen Flughafen, eine Philharmonie, ein Stadion, eine Rockkonzerthalle, einen Stausee, eine Universität und eine Stadt gibt, ist das eine Herausforderung, um nicht den Luxemburg-Koller zu bekommen. Um nicht an der Kleinheit zu frustrieren. Auslandsreisen sind zwar noch möglich, werden aber komplizierter. Wer einen roten Löwen im Pass hat, gerät in manchen Ländern Europas unter Verdacht, eine Biowaffe in sich zu tragen. Und auch vor Reisen nach Luxemburg wird gewarnt. Das deutsche Auswärtige Amt rät vor Reisen ins Großherzogtum ebenso ab wie nach Somalia, einem Failed state auf dem afrikanischen Kontinent.

Also sind an diesem Sonntag Tausende Menschen an den Stausee gereist. Bereits bei der Anreise zu den Stränden in Lultzhausen, Insenborn oder Burfelt wird klar, dass niemand alleine am Ufer des Sees liegen wird. Autos mit deutschen, französischen, belgischen, niederländischen und luxemburgischen Kennzeichen parken kilometerlang entlang der Felder und Straßen wie bei einem großen Rockfestival. Das ist nicht ungewöhnlich, war in den vergangenen Jahren an sonnigen Wochenenden am Stausee eher die Regel als die Ausnahme. Gestört hat es niemanden.

Aber in Zeiten von Corona werden die Lokalpolitiker nervös. Wer will schon später verantwortlich gemacht werden für Infektionsherde? Also schlagen sie über RTL und das Luxemburger Wort Alarm, sprechen von einer „desaströsen Parkingsituation“ und zeigen mit dem Finger auf die Regierung. Es ist eine Sprache, die in Luxemburg verstanden wird. Eine Woche später ist es vorbei mit dem freien Bad für freie Bürger: Wer an den Stau will, benötigt eine Online-Reservierung.

Idylle Der Strand am Burfelt galt lange als Geheimtipp. Ein 1,5 Kilometer langer Waldweg über einen steilen Ardennenhang schreckte ab, viele kannten den Ort noch nicht einmal. Nur Hippies, Alt-68er und Libertäre zog es für Jahre dorthin, sie erklärten den Burfelt zu einem FKK-Strand.

Mittlerweile ist der Weg ausgebaut, es gibt Sanitäranlagen, Mülltonnen, eine stets gemähte Liegewiese und eine Anlegestelle für das Solarboot. Burfelt ist längst kein Geheimtipp mehr – Familien und Kleingruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden sich ein, schleppen Wegwerfgrills, Sonnenschirme, Musikanlagen, Schlauchboote, Kühlboxen und Bierkä§sten mit zum Strand. Sogar die Post hat nachgerüstet und versorgt das einstige Funkloch mittlerweile mit einem stabilen 4G-Netz. Ein freier Platz lässt sich am Burfelt jedoch noch immer finden. Die Abstandsregeln sind ohne Probleme einzuhalten.

Seit wenigen Jahren befindet sich auf halber Strecke zwischen Parkplatz und Strand zudem eine neue Attraktion: Burfelt Belvédère. Eine Panorama-Plattform mit Blick über das Stauseeareal. „Boah, ist das hoch“, sagt eine deutsche Besucherin, geschätzt Anfang 30. „Ach, hab dich nicht so“, sagt ihr Freund und nickt ihr zu. Doch die Frau bleibt in sicherer Distanz zum Abgrund stehen. Der Mann dreht sich um und lehnt sich an das Geländer, der Blick geht aufrecht in die Ferne über die Stauschleife und das Gebirge. Er erinnert fast an das romantische Gemälde Der Wanderer über dem Nebelmeer von Casper David Friedrich: eine Rückenfigur inmitten einer unbefleckten Landschaft.

Der Stau gilt tatsächlich als Inbegriff des Natürlichen. Das Naturreservat ist ein Refugium für Ursprünglichkeit, für Entschleunigung fernab der Zivilisation. Hier ist man der Schöpfung ganz nahe. Das ist natürlich vollkommen verlogen. Diese Landschaft ist nicht auf natürlichem Weg durch Millionen Jahre Erosion entstanden oder sonstige geologische Prozesse, sondern von Menschenhand. Durch eine 4,5 Meter dicke Betonwand. Sie wurde Ende der 1950er-Jahre 45 Meter hoch gegossen. Hunderttausende Würmer, Käfer, Fliegen, Mäuse und Vögel fielen dieser artifiziellen Konstruktion zum Opfer. Es ist quasi das Disneyland unter den Naturreservaten. Kaum vorstellbar, dass ein solches Dammprojekt in Luxemburg noch 2020 realisierbar wäre.

Morricone im Müllerthal „U bent van harte welkom om nederlands te spreken“, sagt ein kräftiger Mann mit Ohrring ins Telefon. Auf seinem T-Shirt steht „Willkommen in meiner Welt“, darüber befindet sich das Zeichen des Superhelden aus den Batman-Comics. Der Mann heißt Stefan Spaus, er ist Betreiber des Camping Cascade in Müllerthal in vierter Generation. „Wir lernen alle Niederländisch“, sagt Spaus. „Mein zehn-jähriger Sohn spricht es auch schon.“ Seit jeher machen Niederländer den größten Teil der Camping-Kunden aus. Und sie sind treu, kommen jedes Jahr ins Müllerthal. Sogar im Coronajahr.

Spaus spricht von einer ungewöhnlichen Zeit, von einigen Absagen, aber seine Campingstellplätze seien dennoch besetzt. 17 Euro kostet ein Zeltplatz, zwei Euro extra für Strom. Ein Swimmingpool, ein Restaurant, Animation oder sonstigen Luxus sucht man im Cascade vergebens. In der kleinen Holzhütte gibt es lediglich Kaltgetränke und ein paar Snacks: „Wir sind ein Camping und kein Hotel.“

Spaus betreibt das Camping mit seiner Frau nebenberuflich und fährt ansonsten den Schulbus der Gemeinde Waldbillig. Er macht sich dabei weniger Sorgen um Corona als vielmehr über das Hochwasser. 2018 hat es das Müllerthal dramatisch getroffen, als die Schwarze Ernz innerhalb von Minuten über das Ufer trat und zum reißenden Fluss wurde. Und im Februar passierte es schon wieder.

Zu seinen Gästen zählen in diesem Jahr zum ersten Mal seit langem wieder mehr Luxemburger: „Ich habe aktuell zehn Reservierungen von Luxemburgern, ich denke das ist Rekord“, so Spaus. Er glaubt, die Gutscheinaktion von Tourismusminister Lex Delles (DP) habe den Anreiz geschaffen, aber natürlich auch die generelle Unsicherheit gegenüber Reisen ins Ausland. Aber Kunden aus Luxemburg machen dennoch nur einen Bruchteil seines Geschäfts aus. „Luxemburger sind keine Camper.“ Die Mundharmonika-Melodie von Ennio Morricones C’era una volta il West erklingt, Spaus zeigt auf sein Handy und dreht sich um: „Oui, nous sommes ouverts.“

Kleine Luxemburger Schweiz Das Tourismusbüro in Müllerthal erinnert ein wenig an eine Hütte in den Alpen: massives Holz, Bergsteigerausrüstung, Wanderschuhe, Funktionskleidung und Rucksäcke, Liköre und Honig im Angebot, geräucherte Salami hängt an der Wand. Die Hüterin dieser Hütte ist Joyce Petri. Sie steht mit Mundschutz hinter einer Plexiglaswand. Petri zeigt auf eine ausgebreitete Karte, wie man sie in Zeiten von Googlemaps auf dem Smartphone nur noch selten sieht: „Wenn Sie nur kurz Zeit haben, empfehle ich den W6 zum Schéissendëmpel.“ Es sei der Weg, den sie den meisten Touristen empfehlt. Und neuerdings vor allem auch Wanderern aus dem Großherzogtum. „Es ist wirklich auffallend, wie viele Luxemburger in diesem Jahr ins Müllerthal kommen.“

Einer von ihnen ist Michel Rasqué. Er ist mit seiner Frau und seiner Enkeltochter unterwegs zum Schéissendëmpel – dem Wahrzeichen des Müllerthals, das schon Wanderer im 19. Jahrhundert in diese Gegend zog. Anders als der Stausee ist die kleine Luxemburger Schweiz, wie Niederländer das Müllerthal einst tauften, durch Millionen Jahre Erosion entstanden. Bäche wie die Schwarze Ernz oder die Bëllegerbaach schnitten sich tief in das Gestein und formten eine Landschaft mit spektakulären Felsformationen, die bereits oft als Filmkulisse diente, etwa für die Verfilmung des Martin Suter Bestsellers Die dunkle Seite des Mondes oder zuletzt für die beliebte Luxemburger
Krimiserie Capitani.

„Wir wollten unserer Enkeltochter zeigen, dass es auch in Luxemburg interessante Orte gibt“ so Rasqué. Rosa Short, Bermuda-Shirt, Nike-Turnschuhe und breites, weißes Lachen – Rasqué ist ein sogenannter Best Ager, der die gesamte Welt bereist und gut in Form ist. Er redet von den Bermudas, Martinique und einem Marathon auf Madagaskar. Aber das Müllerthal erinnere ihn manchmal auch an die Tropen oder an Korsika, so Rasqué. „Manchmal vergessen wir Luxemburger ja, wie schön das Land ist.“

Am Schéissendëmpel spreizt sich die Schwarze Ernz in drei Wasserfälle. Das Wasser schlägt mit Wucht auf die Gumpe. Es ist laut und feucht. Kinder verfolgen das Szenario und stehen am Rande des Bachs. Niemand wagt sich so recht in das kühle Nass. Ein Junge gibt sich einen Ruck und stampft wie ein Welpe in Richtung der Wasserfälle. Doch durch seinen Übermut hat er die Strömung ignoriert, verliert die Balance und fällt seitwärts ins Wasser. Gelächter, Gekreische. Aber nun folgen ihm auch die anderen.

„Man braucht eigentlich nur Wasser“, sagt ein älterer Mann zu seiner Frau. „Und Zeit“, fügt die Frau hinzu.

Pol Schock
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