Wir nennen es Frühling, zum Beispiel

Die anderen

d'Lëtzebuerger Land vom 09.05.2014

Es fängt immer so schön an.

Es fängt mit solchen wie uns an. Sie sind plötzlich auf Plätzen, sie sind viele, sie ähneln uns. Oder unseren Kindern, unsern Freundinnen. Ein bisschen jedenfalls. Sie tragen die Haare, wie wir sie tragen, sie haben vielleicht Bärte, nette, friedliche Bärte, meistens keine viereckigen. Sie lächeln, sie können eine Sprache, mindestens, und sich in der auch ausdrücken, so dass sie zum Beispiel ein Journalist versteht. Sie twittern und instagrammen und facebooken und sind unterwegs in den sozialen Medien, aber auch sonst, sie wissen, dass es eine Welt gibt.

Sie sind für die Lesben und die Schwulen und die Transgender und die Intersex, oder zumindest nicht gegen sie. Sie kennen sich beim Wein aus und wählen zwischen Brotsorten, auch wenn sie wenig Geld haben, und für das wenige Geld kaufen sie sich vielleicht ein Buch oder buchen schnell mal einen Flug, einen günstigen, sie wissen, wie das geht. Sie wissen, wie vieles geht. Auch wenn sie arbeitslos sind oder es werden. Sie haben einen Traum, von einem Leben.

Plötzlich sind sie überall, in der ganzen Welt tauchen sie auf Plätzen und Straßen und auf Bildschirmen auf. Sie stehen am Tahrir und im Ghezi und auf dem Maidan; wir lernen die Plätze und Parks der Welt kennen und nennen und begegnen ihnen auf diesen Plätzen und in diesen Parks. Wir winken ihnen zu und rufen: Super! Weiter so! Sie campen und lächeln in die Kamera und schwenken fröhliche Fahnen. Sie glauben daran. Wir auch, dann wieder. Das ist das Schöne. Wir liken und teilen sie millionenfach, die Kopftuchfrauen und die Frauen ohne Kopftuch, die Philosophiestudentinnen, die arbeitslosen Zahnärzte, die Theaterwissenschaftlerin und den Bildhauer. Sie stehen am Morgen, im Sonnenaufgang, auf einem Platz, von dem wir bisher noch nie gehört haben und auf dem wir uns jetzt Tage und Nächte lang herum treiben werden.

Wir nennen es Frühling, zum Beispiel, und können uns nicht bremsen vor lauter Begeisterung über die Begeisterten. Alles ist richtig, alles wird gut. Die Geschichte hat einen Sinn, doch, doch. Es gibt eine Weiterentwicklung, und sie entwickeln sich weiter, sie entwickeln uns weiter, es gibt mehr als eine mit Zitaten vollgestopfte Postmoderne. Es ist der Beginn. Von etwas. Etwas Großem. Zweifellos. Einer neuen Zeit, mindestens. Einem neuen Menschen. Noch nie da gewesen. Jedenfalls nicht da, dort. Etwas rührt sich in unseren verkrusteten, verfetteten Herzen, etwas rührt uns. Sie sagen „Demokratie“, „Westen“, „Werte“. Ausgelutschte Wörter, die so selbstverständlich waren und so oft missbraucht wurden, dass wir sie meist nur noch ironisch verwendeten. Plötzlich sind sie wieder bedeutsam, sie schmecken neu.

Sie küssen sich auf den Plätzen und tanzen und kämpfen und sterben. Aber sie sind jung und sie werden siegen. Der Feind ist ein böser, alter Tyrann. Der Feind ist ein alter Drachen, der Feind liegt im Drachenblut, bald.

Und plötzlich sind da die anderen. Plötzlich, es war gerade so schön. Wer sind die, und von wo, und warum? Sie sind auch jung. Sie sind auch zahlreich. Sie haben andere Bärte und andere Blicke, sie haben Fäuste. Sie haben Knüppel und Helme und Macheten und die Journalisten stellen ihnen keine Fragen. Sie haben keine Sprache, die sie mit den Journalisten sprechen könnten. Sie haben eine Körpersprache. Sie tanzen aber nicht. Sie haben Hunger. Nicht nur nach Kultur und Reisen und Demokratie und Werten, für die man sich nichts kaufen kann. Sie wollen Brot – es muss nicht Bio sein – und einen starken Mann und einen Gott.

Sie gefallen uns viel weniger. Wo kommen die her, warum vermasseln die immer alles? Wer hat sie geladen, aufs Volksfest? Sie haben Stoppeln und Glatzen und eckige Bärte, sie fuchteln in die Kamera, sie können sich nicht benehmen. Wir könnten uns mit ihnen nicht unterhalten, in welcher Sprache auch, worüber. Über eine winzige Rente, über leere Kühlschränke, eine Welt, zu der sie keinen Zutritt haben. Unsere Lieblingsthemen, die wir gern bei einem edlen Tropfen erörtern, da kämen die nicht mit. Die Pressefreiheit, die Kunstikonen, Pussy Riot.

Die Riot-Babuschkas schwenken Ikonen vor Panzern, das ist keine Performance.

Michèle Thoma
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