Die Lehrkraft macht den Unterschied. Das sagt nicht nur Bildungsforscher John Hattie. Das erleben Schüler tagtäglich

Ungewöhnliches Team

d'Lëtzebuerger Land du 13.03.2020

Als sich Mich Hoffmann und Marc Teusch das erste Mal näher kennenlernten, hatte der damalige Schüler des Lycée Classique in Diekrich gerade was ausgefressen: Eigentlich sollte er anderen Schülern am Lycée Ettelbrück bei den Computer-Days einige Tricks und Kniffe am PC beibringen. Doch der junge Computerfan hatte sich privat in Hacking versucht, oder besser gesagt in Cracking – und war deshalb nicht mehr als erwünscht. „Ich habe mir Zugang verschafft zu Daten, wie es eigentlich nicht okay war“, gesteht er heute lachend. Marc Teusch, Lehrer und Initiator der LTEtt-Computer-Days, setzte sich für den Schüler ein, dessen Comptertalent er erkannt hatte – und konnte erreichen, dass Mich den Kurs trotzdem hielt.

Es begann eine Zusammenarbeit zwischen den beiden, die über das Schulische hinausgehen sollte. Heute sind die Männer, trotz fast 25 Jahre Altersunterschied, so etwas wie Freunde. Neben den C-Days, eine Initiative des Ettelbrücker Lycée, der Jungen und Mädchen, die nicht mehr so neuen Technologien nahebringen sollten, unterstützte sich das Duo bei weiteren Projektideen. Das erste Hackerspace in Strassen und die ersten Gehversuche des Graffitti Research Lab gehen auf eine Initiative des heute 27-Jährigen zurück, mit Teuschs Unterstützung. „Ich habe mich von den Jungen inspirieren lassen und das mit in die Schule genommen,“ gibt Teusch, Begründer von Bee Creative, eine Digital Literacy-Initiative, zu. Was die Männer eint: Lust am Ausprobieren und Entdecken.

Auch Teusch saß als Jugendlicher im Keller, „um am PC herumzubasteln“, erzählt der gerlernte Ingenieur. Seine Neugierde und sein Wunsch, Schule und die virtuelle Welt näher zusammenzubringen, ließen ihn Projekte wie die C-Days oder die ersten Makerspaces ins Leben rufen. „Die herkömmliche Schule tendiert dazu, sich selbst zu ersticken und braucht Impulse von außen“, sagt der Lehrer. Das Konzept der Makerspaces, inzwischen an rund 30 Lyzeen im Land präsent, stammt ursprünglich aus den USA und bedeutet nichts anderes, als kreative Räume in Schulen, Universitäten und Nachbarschaften aufzubauen, in denen junge Menschen zusammenkommen und gemeinsam etwas ausprobieren können. Wer will, kann mit Unterstützung eines Tutors oder mit Kollegen, ein eigenes Projekt aufziehen, das können Roboter sein, Licht betriebene Fahrzeuge oder Produkte aus 3D-Druck.

Inzwischen führt an dem 50-Jährigen kein Weg mehr vorbei, geht es um technologische Innovation in der Schule: Der Lehrer war einer der ersten, der beim Ted-Talk Luxemburg sprach und ist ein Maker. Im Interview wirkt er ruhig, aber beim Reden über die Projekte blüht er auf. Man merkt ihm an, wie sehr ihn Themen wie IT, Robotik und AI umtreiben.

Mit dem Ex-Schüler Mich Hoffmann hält er auch nach der Schulzeit Kontakt. „Wenn ich Unterstützung brauche bei einer Idee, dann rufe ich ihn an und umgekehrt“, beschreibt Mich Hoffmann die Verbindung. „Wir hören einander zu, respektieren uns.“ Gäbe es so etwas wie Mentoring an der Schule, wäre das vielleicht eine treffende Beschreibung: „Mich hatte Talent. Aber wie andere Jugendliche in seinem Alter wusste er manchmal nicht, wohin mit der Energie und wie sie kanalisieren und in sinnvolle Ideen umsetzen“, beschreibt Marc Teusch die Begegnungen während der Schulzeit.

Der Austausch und das gewachsene Vertrauen waren es, das die beiden zusammengeschweißt hat und aus dem heute so etwas wie eine Freundchaft entstanden ist. Mich Hoffmann sagt rückblickend: „Ich habe verschiedene Grundtechniken in der Schule gelernt, etwa Zinsen ausrechnen oder Anfragen in verschiedenen Fragen stellen. Aber die Begegnung mit Marc hat mich darüber hinaus geprägt.“

Hoffmann sieht die herkömliche Schule kritisch. „Die Kreativität kommt einfach zu kurz. Wenn ich heute nochmal dort wäre, würde ich mir vielleicht eine andere Form des Stage wünschen, damit Jugendliche erleben können, wie die Unternehmenswelt tickt.“ Damals gab es weniger Räume, wo sich Jungen und Mädchen ohne Leistungsdruck und Lernziel ausprobieren können. Außer den Jonk Entrepreneuren gab es kaum Initiativen in der Schule, die unternehmerische Ideen von Jugendlichen förderten und auszeichneten.

Dabei wäre das eine feine Sache gewesen, sagt Hoffmann im Rückblick. Heute leitet der 27-Jährige bereits seine zweite Firma. Die erste, individuum.com, eine Online-Plattform, die IT-Talente aus aller Welt nach Luxemburg bringen sollte, hatten er und sein damaliger Geschäftspartner mit Erfolg verkauft. Das neue Start-up in der Rue Glesener in der Hauptstadt ist ebenfalls eine Projektidee, die dem Tüftler einfiel, als er neun Monate in Berlin weilte, auf der Suche nach neuen Impulsen und Inspiration. Was es genau ist, will er noch nicht verraten, nur so viel: „Es wird eine App sein, die zeigen wird, dass die Menschen im Kern gut sind“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Mich Hoffmann ist keiner dieser IT-ler, die mit Anglizismen um sich werfen, in Cafés sitzen und auf dem Laptop eintippen, sondern ein nachdenklicher junger Mann. Gesellschaftliche Themen, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, interessieren ihn, und als Schüler war er bei den Protesten gegen die Lyzeumsreform vom Mady Delvaux vorn mit dabei. Damals vor allem weil er fürchtete, mit der Reform könnten die Abschlussdiplome an Wert verlieren.

Heute sieht er seine Positionen von damals kritischer. Marc Teusch sagt über die starke Konkurrenz im Luxemburger Bildungssystem skeptisch: „Das größte Problem ist die starke Rivalität, die durch den Prüfungstress und die Noten geschürt wird“. Das behindere Teamarbeit, die nötig sei, um gemeinsam Projekte umzusetzen.

„Lehrer brauchen Freiraum, um mit Schülern etwas entwickeln zu können“, ist der Computerfan überzeugt. Große Ideen entstünden meistens nicht allein, sondern im Team, sagt er – und er und Mich sind das beste Beispiel dafür.

Entsprechend stolz Teusch er über eine Weiterentwicklung der Makerspaces: Das Konzept soll in den Lehrplänen verankert werden. Bisher nutzen Schüler die kreativen meist für Projetarbeiten oder neben dekr Unterrichtszeit. „Aber oft dauern die nur ein paar Tage oder eine Woche. Das reicht nicht, wenn man etwas entwickeln und umsetzen will“, weiß Mich Hoffmann aus Erfahrung. Bislang besuchten rund 3 000 Schüler die Makerspaces, es sollen noch mehr werden. „Das könnte dem Schulsystem die Dynamik bringen, die ihm fehlt“, hofft Marc Teusch, der sich zugleich keine Illusionen macht. „Wir können ein starres System nicht von heute auf morgen durch ein offenes ersetzen.“ Was es vielmehr brauche, sei eine Schule, die sich in Frage stellt, die offen sei für Veränderungen und die dynamisch bleibe.

Lernen ohne Anleitung und Wissensvermittlung funktioniere nicht: „Um ein Haus zu bauen, braucht es ein Fundament. Ist es wackelig, besteht die Gefahr, dass das Haus irgendwann einstürzt“, ist Teusch überzeugt. „Schule kann keine Antworten auf alle Fragen geben. Aber sie kann einem Schüler, einer Schülerin dabei helfen, die Kompetenzen und die Interessen zu entwickeln, die er oder sie für seinen weiteren Lebensweg benötigt.“

Ines Kurschat
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