Die Post geht in die Online-Offensive und setzt auf die Logistik

Wenn der Postbote nicht mehr klingelt

Ein Postmitarbeiter zieht einen Wagen mit Bestellungen europäischer Verbraucher aus Asien, die in Findel ins Postverteilungssyst
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 17.08.2018

Natürlich war es für Wirtschaftsminister Etienne Schneider ein Wahlkampftermin, als er Ende Juli das neue Zentrum der Post in Findel besuchte. Er begutachtete vor den Kameras Schokopudding, Kinderspielzeug und Damenschuhe, Größe 38, versandfertig verpackt und aus China kommend. Für die Post war es ebenfalls eine Gelegenheit, einmal positive Schlagzeilen zu machen, nachdem das Unternehmen in den vergangenen Jahren wegen Streits mit den Briefträgern, der Schließung von Postämtern oder wegen der Postchèques-Gebühren in der Kritik stand. Denn im neuen Post-Logistikzentrum in Findel, in den alten Hallen von Kuehne + Nagel, in denen es Swissport nicht geschafft hatte, sich als Frachtabwickler in Luxemburg zu etablieren, soll der Post der Einstieg in den Internethandel und die Diversifizierung zum Logistikunternehmen gelingen.

Die Post ist mit dem tatsächlichen Postversand, der Telekommunikationssparte und der Finanzdivision Postchèques zwar ein diversifiziertes Unternehmen, stand aber in den vergangenen Jahren in allen Bereichen vor Herausforderungen: Die Abschaffung des Roaming belastete den Mobilfunkanbieter, die niedrigen Zinsen die Finanzdivision. Dass immer weniger Briefsendungen verschickt werden, setzt die eigentliche Post-Sparte unter Druck, die in Luxemburg den Universaldienst gewährleistet. Vergangenes Jahr sank die Zahl der Briefpostsendungen um 4,2 Prozent. Finanziell hat das bedeutende Folgen, weil es um 4,2 Prozent von rund 134 Millionen Einzelsendungen geht, mit einem Porto von je 70 Cent das Stück – bei diesen Mengen fehlen schnell ein paar Millionen Euro Umsatz. Deshalb entschied die Post bereits 2013, im Rahmen ihrer Neuausrichtung als neues Geschäftsfeld die Logistik zu erschließen, weil sie sozusagen die entfernte Verwandte der Postaktivität ist und eine der Branchen, die auf ausdrücklichen Wunsch sukzessiver Regierungen ausgebaut werden sollen.

Ein Umstellung in diese Richtung bietet sich an, da auch die Einwohner Luxemburgs vermehrt im Internet einkaufen und sich ihre Einkäufe schicken lassen. Vier Millionen Pakete wird die Post ihnen dieses Jahr zustellen, in ihrer Strategie rechnet sie bis 2022 mit neun Millionen Paketlieferungen jährlich. Diese Schätzung könnte allerdings zu konservativ sein, denn allein Amazon, der Hauptkunde der Post in diesem Segment, rechne für 2020 mit neun Millionen Paketzustellungen jährlich, sagt Hjoerdis Stahl, Direktorin der Postsparte bei Post Group.

Amazon liefert seine Pakete für Luxemburg mit dem LKW im Bettemburger Centre de tri an, um sich die Portogebühren der meist in deutschen Lagerhallen zusammengestellten Sendungen bis dahin zu sparen. Erst dort werden sie ins Verteilungsnetz der Post aufgenommen. Die Organisation ist komplex. Was durch den Schlitz im Briefkasten passt, nehmen die Briefträger auf ihren täglichen Touren während der Wochentage mit. Dadurch versucht das Unternehmen, seine Briefträgerrouten besser auszulasten, die es aufgrund des Universaldienstes durchführen muss, ob viel oder wenige Briefe auszutragen sind. Alles was nicht durch den Briefkastenschlitz passt, liefert die Post-Filiale Michel Greco aus. Weil deren Fahrer nur dahin fahren, wo etwas ausgeliefert werden muss, werden die Routen dafür jede Nacht vom Computer berechnet. Michel Greco liefert auch samstags (und vor Weihnachten sogar an zwei Sonntagen) und nimmt dann die kleinen Pakete mit, die wochentags von den Briefträgern abgegeben werden.

Zunehmend ist das Endziel dabei nicht der Briefkasten oder die Haustür, sondern eine Pack-Up-Station, an der die Kunden, die tagsüber nicht zuhause sind, um ihre Zusendung anzunehmen, mit aufs Handy geschickten Zugangsdaten ihre Waren nach Feierabend abholen können. Vor zwei Jahren wurden 16 Prozent aller Pakete an Pack-Up-Stationen geliefert. Vergangenes und dieses Jahr sind es bereits rund ein Viertel aller Zustellungen. Derzeit gibt es 86 solcher Pack-Stationen im Land, bis 2022 sollen es 162 werden. Daneben geben auch die Cactus-Shoppi-Punkten an den Tankstellen Pakete aus, die längere Öffnungszeiten anbieten als die Postbüros, wie Stahl hervorhebt. Dort wo es (mangels Tankstellen) keine Cactus-Shoppi-Punkte gibt, geht die Post – wie die Konkurrenz anderer Lieferdienste, die in Luxemburg tätig sind– mittlerweile auch Vereinbarungen mit Geschäftsleuten ein, die Pakete übergeben. Und sie will in Zukunft den Kunden die Möglichkeit geben, Instruktionen für die Lieferboten zu hinterlassen, beispielsweise bei welchem Nachbar sie ein Paket abgeben könne, oder in welchem Gartenhäuschen es hinterlegtt werden kann. Dann muss der Postmann nicht mehr klingeln und Kunden, die nicht zuhause sind, sparen sich den Weg zum Abholpunkt.

Längst nicht alles, was Luxemburger Verbraucher im Internet bestellen, wird von der Post geliefert und für die Kunden ist längst nicht immer ersichtlich, ob ihr Einkauf mit UPS, DHL, TNT, GLS oder sonst einem Dienst transportiert wird. Denn die Auswahl treffen nicht sie, sondern die Händler. Zwar hat die Post mit DHL einen Vertrag über die sogenannte Parcel Union abgeschlossen, was so viel heißt, dass die Post in Luxemburg die Pakete zustellt, die mit DHL verschickt werden, anstatt dass DHL dies, wie in anderen Ländern, selbst übernimmt. Damit die Kunden ab den Poststellen auch Pakete mit DHL verschicken können, hat die Post ihre Beteiligung an und die exklusive Zusammenarbeit mit TNT für Express-Zustellungen vergangenes Jahr aufgegeben. Seither können die Kunden in den Postbüros vergleichen, welcher der beiden Anbieter den günstigeren Tarif bietet; Express-Dienste bietet die Post selbst keine an.

Die Zustellung an und Annahme von Paketen von Luxemburger Adressaten fällt in den Bereich der klassischen Postzustellung und weil die hieseigen Verbraucher immer mehr im Internet bestellen, wird das Verteilungszentrum in Bettemburg demnächst an die Grenzen seiner Kapazität stoßen. Deshalb plant die Post, wie Hjoerdis Stahl erklärt, den Bau eines neuen, eigenen Logistikzentrums, das besser auf die neuen Bedürfnisse angepasst ist. Schon 2021 soll es in Betrieb genommen werden, obwohl noch nicht klar ist, wo es gebaut wird. Dort sollen auch Teile der neuen Logistikaktivität untergebracht werden, denn die hohen Zuwachsraten bei der Paketzustellung reichen nicht aus, um den Rückgang bei der Briefzustellung finanziell wett zu machen.

Deshalb mischt die Luxemburger Post mittlerweile auch bei der Zustellung der Einkäufe von Verbrauchern anderer EU-Länder mit, die im Internet Waren aus Asien bestellen. Dass die Luxemburger Post in Asien mit der Post von Singapur zusammenarbeitet, ist dem Umstand geschuldet, dass deren COO aus Trier stammt, wie Stahl erzählt, und er bei einem Heimaturlaub die Kollegen in Luxemburg besuchte, die vor Jahren die Post Singapur bei der Aufstellung ihrer Briefträgerrouten beriet. Das Geschäft funk­tioniert wie folgt: Wenn bei den meist chinesischen Händlern eine Bestellung europäischer Endverbraucher eingeht, beispielsweise Damenschuhe der Größe 38, müssen sie entscheiden, wie sie die Schuhe zur Kundin bringen. Express-Kurierdienste oder die Luftpost, die auf Passagiermaschinen geladen wird, ist im Vergleich zum Versand als Luftfracht teurer, weshalb die Händler ihre Waren als einfache Luftfracht verschicken. In Findel kommen die Päckchen in versiegelten grünen Säcken an, wo Mitarbeiter der Post sie einscannen und für den Weiterversand zu den Kunden in Europa sortieren. Erst in diesem Moment werden sie vom Frachtgut zur Postsendung.

„Am ersten Tag hatten wir drei Pakete“, erzählt Hjoerdis Stahl, die von ihren engen Mitarbeitern entgegengenommen und sortiert wurden. Vergangenen Monat machte die Post mit den Paketen aus Asien eine Million Umsatz, bis 2020 soll das Geschäft 20 bis 25 Millionen Euro Umsatz jährlich generieren. Der Zoll hat ein eigenes Büro im Post-Logistikzentrum in Findel und kontrolliert, aufgrund vollständiger Zustellungslisten, zwischen fünf und zehn Prozent der Pakete. Sind die Waren nicht richtig verzollt oder die Mehrwertsteuer nicht entrichtet, hält die Post sie zurück, bis die Rechnung bezahlt ist.

Noch werden die Säcke mit den Paketen, die mit Frachtmaschinen in Luxemburg ankommen, durchs Luxair-Cargo-Center aus dem Flughafenbereich heraustransportiert und dann über die öffentliche Straße ins Post-Logistikzentrum angeliefert. Doch ab dem Herbst, wenn eine neue Schleuse zwischen dem Flughafensicherheitsbereich und dem Logistikzentrum eingerichtet ist, können die Säcke direkt innerhalb des Flughafenbereichs, auf der Seite der Start- und Landebahn angeliefert werden. „Dadurch werden wir einen Tag einsparen“, sagt Stahl. Dieser Zeitgewinn dürfte die Route über Luxemburg für die Händler in Asien wesentlich interessanter machen. Stahl mahnt dennoch zu Vorsicht und Bescheidenheit, was die Entwicklung dieser neuen Aktivität betrifft; aus mehreren Gründen. Erstens; weil die Luxemburger Post im Vergleich zu anderen europäischen Postunternehmen mit reichlich Verspätung in dieses Geschäft einsteige. Zweitens, weil ihr Marktanteil im Vergleich zu den Abermillionen an Paketen, die jährlich aus Asien nach Europa verschickt werden, äußerst klein bleibe, selbst wenn es ihr gelingen sollte ,für Luxemburger Verhältnisse ein großes Geschäft aufzubauen. Drittens, weil Post langsam wachsen wolle, um sicherzustellen, dass immer klappt – ansonsten wechselten die Händler schnell den Anbieter, und sie als Kunden zurückzugewinnen sei danach umso schwieriger. Viertens, weil die Margen in der Logistikbranche mit zwei bis drei Prozent vom Umsatz auch nicht gerade berauschend sind und der Gewinn über die Menge erzielt werden müsse.

Bei der Post glaubt man aber offensichtlich auch, dass es noch Potenzial für den Online-Handel aus Luxemburg heraus gibt. In Findel hat sie neben der Sortierungslinie für Pakete aus Asien auch ein Lager für Produkte von Luxemburger Geschäften und Geschäftsleuten eingerichtet. Zu den ersten Kunden gehören Abitare Kids und ein Händler für Nahrungsergänzungsprodukte, der den Schokopudding vertreibt, den Etienne Schneider vor zwei Wochen begutachtete. Für diese Kunden übernimmt die Post nicht nur die Lagerung ihrer Waren. Sie stellt auch die Bestellungen zusammen, wenn die Kunden auf den Webseiten einen Einkauf tätigen, macht sie versandfertig und verschickt sie. Ein halbes Dutzend Kunden hat die Post bisher für diese „Pick-and-Pack“-Aktivität gewinnen können.

Noch werden die Bestellungen von Hand sortiert, aber in Zukunft, kann sich Stahl vorstellen, könnte man ein automatisiertes Lager betreiben. Weil sich die Luxemburger Einzelhändler bisher eher im Online-Handel zurückhalten, will die Post über ihre Filiale Editus ein Rundum-Paket anbieten. Die Geschäftsleute, erklärt Stahl, würden zwar noch ihre eigenen Waren bestellen. Aber die Webseite mit dem Shop, die Lagerung, das System zur Verwaltung des Lagerbestands, die Zusammenstellung der Bestellungen und deren Versand – all das könne die Post aus einer Hand anbieten. Wieso der Einzelhandel dieses Angebot annehmen sollte, wenn das Wirtschaftsministerium mit Letzshop ihm eine gemeinsame Handelsplattform finanziert hat, die im September starten soll und bei der obendrein die Post die Lieferung übernimmt, bleibt abzuwarten. Stahl glaubt, dass es Spielraum gibt.

Michèle Sinner
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