Die kleine Zeitzeugin

Die Besten im Testen

d'Lëtzebuerger Land du 17.07.2020

Der luxemburgische Pass ist ein Zauberpass, die Welt sagt: Hallo! und winkt einen durch, weiter, und schon steht man am Strand, in dem Land, in das man hinein wollte. So einfach geht das. Es ist kein verfluchter Pass, mit dem man ein Flüchtling ist, eine Luxemburgerin ist eine Weltreisende, die Welt steht ihr offen und natürlich zu.

Und jetzt? Plötzlich Paria. Plötzlich No-Go. So was wie Libyen. Klar, berüchtigt als Bankenparadiesit/innen sind Luxemburger/innen immer noch, aber das schadet ja nicht, Cash wird nicht gebasht. Und jetzt plötzlich Parias. So wie die Schwed/innen, aber die sind wenigstens selber schuld.

Die Schwed/innen gingen einen Sonderweg, direkt zum Friedhof. Schleckten Eis in der Sonne, während wir hinter schwedischen Gardinen schmorten. Sie prosteten uns ungeniert zu, lachten. Mit anderen. Lachten. Uns aus. Eiskalt den Alten gegenüber. Wir nicht. Wir sperrten Alt und Jung solidarisch ein, sperrten die Kinder ein, die Spielplätze ab, desinfizierten Desinfektionsmittel, bügelten Zeitungen und sprachen nur noch mit der Pissblumm am Wegesrand. So lebten wir, einen verwunschenen Lenz lang. Und jetzt dies, das ist fies.

Das ist unfair. Eben erst hielten unser Außenminister und der deutsche Außenminister einander auf einer Brücke zwar nicht an den Händen, aber an der Maske, das war sehr schön und so humorvoll. Erleichtert lachten die Menschen auf, die Autos würden wieder rollen wie in den Bilderbüchern, über frisch lackierte Autobahnen, hin und her, die Euros auch. Es ist so schön im Schengen- Raum, er ist ein Weltraum! Und jetzt? Die Deutschen wollen uns zwei Wochen einsperren, nur weil wir auf Besuch kommen.

Manchmal kippt die Stimme des Premiers ins leicht Hysterische. Die Gesundheitsministerin schaut ein bisschen müde und auf eine schön melancholische Art besorgt aus. So als lägen wir ihr am Herzen, so als könne sie nicht schlafen, weil sie sich so um uns sorgt. So stellt man sich eine Großherzogin der Herzen vor. Sie ist überzeugt von ihrem Weg, den aber immer mehr für plemplem halten. Plemplem hat sie auch einmal gesagt, sie drückt sich ebenfalls verständlich aus. Die meisten Luxemburer Politiker/innen tun das, sie reden nicht lang um die Brach herum, wenn sie sich nicht gerade in französischem Floskelfirlefanz verheddern. Die Gesundheitsministerin, die über unsere Gesundheit wacht, so sehr, dass sie vermutlich nicht schlafen kann, bemüht sich, uns den steinigen und unattraktiven Weg schmackhaft zu machen. Er sei der beste, der allerbeste. Die Regierung will nur das Beste für die Menschen im Land. Die im Dunkeln sieht man nicht, das ist die Aussage, die Dunkelziffern im Ausland sehen wir eben nicht und das Ausland sieht seine Dunkelziffer auch nicht. Nur bei uns kommt alles ans Licht, unser Röntgenblick outet alles.

All das tröstet zwar die nicht, die gerade mit gepackten Koffern vor ihrer rollenden Festung stehen, man wollte sowieso schon nur nach nebenan. Mit Meer eben. Oder doch mal flugs in ein fliegendes Zeug. Obschon es zuhause schön ist, aber man war eben schon in Bourscheid und in Remich. Und im Müllerthal, wo es ebenfalls sehr schön ist.

Das Tageblatt berichtet von der im Kanton Esch am heftigsten grassierenden Seuche. Das Robert-Koch-Institut findet uns riskant. Das Ausland sieht rot. Höllisch rot, wie Balkan, wie Krieg. Belgien, noch nett, zwar nur orange.

Es ist wegen der Partys. Es ist wegen der Schulen. Es ist wegen den Jungen. Weil die Jungen so jung sind. Und jetzt haben es die Jungen. Was gut ist. Weil die Jungen so jung sind. Die Alten ducken sich vor der Welle. Die Jungen stürzen sich hinein. Sie glauben, sie können surfen. Die Armen haben es, weil sie arm sind. Die Grenzgangster/innen haben es auch, aber nicht so. Wer hat es am meisten? Wer hat es warum am meisten? Und warum wir?

Weil wir testen, sagt die Regierung. Dann hört auf zu testen, sagt das gescheite Volk. Es ist nicht nur wegen dem Testen, sagt die Regierung. Warum denn dann?, fragt das Volk. In Trier haben sie auch Party gemacht.

Die originelle Opposition verkündet, sie habe genug.

Michèle Thoma
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