Die Krise erreicht die europäischen Banken

Sie können uns vertrauen. Wirklich

d'Lëtzebuerger Land vom 02.10.2008

Wie geht das? Die Banken sind gesund und dennoch muss der Staat einspringen. Noch am Freitagnachmittag mokierte sich Staatsminister Jean-Claude Juncker (CSV) über die USA, meinte, die Wall Street sei zum Roten Platz geworden, nicht einmal die Russen hätten in dem Maße nationalisiert. Dabei wusste er es längst besser. Fortis würde es, trotz aller Erklärungen aus dem Brüsseler Vorstand vom Freitagmorgen, die Bank sei solide, nicht mehr bis Montag schaffen. Nicht weil der Aktienkurs dermaßen abrutschte: das Fortis-Papier war in den vergangenen turbulenten Tagen mitunter deutlich weniger als fünf Euro wert. Darin äußerte sich auch nach dem verhängten Leerverkaufverbot der Vertrauensverlust der Anleger. Das eigentliche Problem aber war: Am Montag warteten Fälligkeiten auf die Bank. Der Wirtschaftszeitung L’Écho zufolge waren es zwischen 20 und 27 Milliarden Euro. Und niemand wollte Fortis mehr Geld leihen – das Vertrauen war weg. Auch nicht die Europäische Zentralbank (EZB), wie Budgetminister Luc Frie­den (CSV) am Dienstag nach der Rettung des Konkurrenten Dexia sagte. Auch ihr wollte die EZB kein Darlehen mehr geben, so der Minister, und auch auf sie warteten am Montag und Dienstag Fälligkeiten, wie Dexia-Chef Frank Wagener gegenüber dem Land bestätigte, ohne den Betrag zu nennen. Die 11,2 Milliarden Euro für Fortis und die 6,4 Milliarden für Dexia – vor allem eine Maßnahme zur Vertrauensbildung, damit andere Ban­ken, ob privat oder öffentlich den Kredithahn wieder aufdrehen.

Deshalb musste so schnell reagiert werden, deswegen sagte Jean-Claude Juncker am Montag: „Hätten wir dies nicht getan, würde es die Bank heute nicht mehr gegeben.“ Sie wäre zahlungsunfähig gewesen. Obwohl sie weiterhin – wie auch die Dexia Bil – Gewinne erwirtschaftet. Carlo Thill, CEO der Fortis Banque Luxem­bourg kann nur bestätigen: „Unsere Ana­lyse am
Freitagnachmittag lautete: Wenn übers Wochenende nichts passiert, haben wir am Montag den Ansturm auf die Schalter.“

Die Sache mit dem Vertrauen ist allerdings weiterhin schwierig. Denn angesichts der Schreckensnachrichten aus den USA, steht die Frage im Raum, ob die Banken falsch gehandelt und vorsätzlich Informationen über den Gesundheitszustand ihrer Häuser schöngeredet hätten. Und wieso sollten Anleger und Kunden glauben, das Problem sei nun behoben, wenn es vorher immer hieß, es gebe kein Problem. Denn es ist vor allem die Übernahme von ABN Amro für 24 Milliarden Euro, beschlossen vergangenen Herbst, die Fortis in Bedrängnis brachte. Vergangenen Herbst also, als man den heißen August schon hinter sich hatte, das Schlagwort credit crunch schon geprägt und das gegenseitige Vertrauen der Banken ohnehin lädiert war. Ex-Dexia-Chef Axel Miller beteuerte noch bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2007 im Februar, mit der Tochtergesellschaft FSA, dem amerikanischen Anleiheversicherer, sei alles in bester Ordnung. Zwar müsse man Wertberichtigungen vornehmen, aber das Geld sei nicht verloren, sondern werde wieder zurückfließen. „Aber es kam nicht“, sagt nun Dexia Bil-Chef Frank Wagener.

Und auch über dem Krisenmanagement der Dexia steht ein Fragezeichen. Wirtschaftsminister Jeannot Krecké (LSAP) machte bereits am Montag, also vor Beschluss der Dexia-Rettungsaktion, kein Geheimnis aus seiner Wut. Sein Zorn galt Axel Miller, der zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt am Sonntag beim Finanzministerium in Brüssel um Hilfe gebeten habe, sodass die Medien es mitbekommen hätten. Die Quittung kam prompt, der Dexia-Kurs brach am Montag nach Öffnung der Märkte ein. „Das war Spekulation, um dabei zu sein, wenn andere dabei sind,“ regte sich der Wirtschaftsminister vor laufender Kamera auf. Damit habe er die Situation der Bank selbst verschlimmert, wetterte Krecké über den Dexia-Chef, der am Dienstag zurücktrat.

„Die amerikanische Krise ist durch Lehman Brothers nach Europa geschwappt“, meint dagegen Frank Wagener. Davor hatte auch CSSF-Direktor Jean-Nicolas Schaus gewarnt. (d’Land, 19. September 2008) Europäische Institute, die der Investmentbank Kredite vergeben hatten und deren Rückzahlungen im Terminkalender eingeplant hatten, standen im Regen. Und hatten deswegen ihrerseits Schwierigkeiten, die von ihnen aufgenommenen Darlehen zum abgemachten Zeitpunkt zurückzuzahlen. Der abgemachte Zeitpunkt, eben das war für Fortis der Montag, für Dexia Montag und Dienstag. Die Verantwortlichen der früheren Ban­que Internationale à Luxembourg bangten nebenher noch um das Schicksal der Hypo Real Estate, alias Depfa, der die deutsche Regierung ebenfalls am Sonntag mit 35 Milliarden Euro unter die Arme griff. Mit der Depfa ist die Dexia besonders im public-finance-Segment eng verflochten. Dann, sagt Wagener, schlug es in der direkten Nachbarschaft ein, bei Fortis. Schlussfolgerung: Geschicktes oder ungeschicktes Vorgehen von Miller hin oder her, das Geld wurde gebraucht.

Nachdem sich bei der Fortis die Benelux-Staaten engagiert haben und bei der Dexia Frankreich, Belgien und Luxemburg, bleiben dennoch viele Fragen offen. Haben die Finanzgruppen in ihrer jetzigen Struktur Bestand, nachdem die Nationalstaaten eingegriffen haben? Denn die Regierungen haben ihrerseits sehr miteinander gerungen, um eine Einigung zu erzielen. Welche Rolle fällt dabei Frankreich zu? Dessen Großbank BNP Paribas hatte Interesse an­gemeldet, die Fortisgruppe zu übernehmen, bot allerdings nur 1,60 Euro pro Aktie, wie Insider wissen. Daraufhin wurde BNP von den belgischen und luxemburgischen Verhandlungsführern kurzerhand vor die Tür des Verhandlungsraumes gesetzt. Die Nie­derländer, eher bedacht auf die Heim­kehr von ABN Amro in die Arme der holländischen ING, hätten nur widerwillig mitgemacht, ließen die Un­terhändler der Luxemburger Regierung durchblicken. Bedingung für die Teilnahme der Luxemburger Re­gierung an der Rettung der Dexia Montagnacht war die Beteiligung der französischen Regierung, stellte Luc Frieden am Dienstag klar. Die aber habe die belgischen Unterhändler in der Sache Dexia durch Entscheidungsträgheit fast in die Verzweiflung getrieben, schreiben belgische Zeitungen. Da alle diese Streithähne nun gemeinsame Besitzer der Banken sind – wie sieht deren Zukunft aus?

„Die lokalen Banken werden wieder viel eigenständiger werden“, sagt Carlo Thill. In Sachen Unternehmungsführung werde der lokale Aspekt wieder wichtiger werden. Er werde sich dafür einsetzen, dass die Luxem­burger Regierung im Verwaltungsrat gegenüber den Vertretern aus Belgien nicht benachteiligt werde. „Unsere Aufgabe wird es sein, den nationalen Markt und regionalen Markt abzudecken.“ Das gelte sowohl für die Segmente retail und corporate und was das private banking betrifft, zählt er auch noch die Schweiz hinzu. Nicht zu vergessen das leasing, für das die Luxemburger Fortis innerhalb der Gruppe zuständig war und ist. 49 Prozent hiervon plus die Beteiligung der Fortis an Paul Wurth und der Luxemburger Börse, dafür kauft der Staat eine Wandelanleihe über 2,5 Milliarden Euro. „Diese Bank ist extrem viel wert“, unterstreicht Thill.

Ist die Dexia Bil also weniger wert, weil die Regierung für 22 Prozent plus 13 Prozent an der Luxair nur eine Wandelanleihe über 376 Millionen Euro zeichnet? Nein, ist Frank Wagener überzeugt. Die Luxair-Aktien werde man dem Staat zum Vorzugspreis von einem Euro das Stück überlassen, erklärt er. Was den Staat interessiere, sei das Kerngeschäft in Luxemburg, Retail, Corporate und KMU. Nicht in der Bewertung berücksichtigt seien deswegen die Beteiligungen wie am Dexia Asset Management oder der RBC Dexia. Obwohl die Dexia-Gruppe nach dem Rücktritt von Axel Miller von einem Interimschef geführt wird und es daher noch keine klare Richtungsansage gibt, glaubt Wagener ebenfalls an eine Besinnung auf Luxemburg und Großregion. Auch wenn die ausländischen Filialen des Private Banking an die Bil gebunden sind. „Viele werden sich nun auf den wirklichen Kunden zurückbesinnen,“ fügt er hinzu, „der Wettbewerb wird zunehmen.“

Was heißt das nun für die Luxemburger Wirtschaft und den Finanzplatz im Besonderen? Die direkte Lähmung der nationalen Wirtschaft hat die Regierung durch ihr Eingreifen verhindert. Wären Fortis und Dexia zahlungsunfähig geworden, hätten nicht nur die Einzelkunden um ihre Einlagen bangen müssen. Viele Unternehmen hätten keine Löhne mehr auszahlen können. Ihre Kreditlinien wären blockiert gewesen. Längerfristig betrachtet werden die von Juncker so bezeichneten „Schleifspuren“ bleiben. Wie tief diese sein werden, weiß niemand so genau. Seit der erneuten Zuspitzung der Krise haben sich weder Statec noch Zentralbank zum Wirtschaftswachstum geäußert.

Ob der Staat seine Obligationen tatsächlich in Beteiligungen umwandeln wird und diese dann nutzt, um die Luxemburger Bankenlandschaft neu zu ordnen? Eine Annäherung zwischen Banque Générale und der Spuerkees, war vor Jahren schon einmal Thema, ist aber auf Grund der jeweiligen Stärke der Partner unwahrscheinlich. Zusammen würden die beiden den nationalen Markt mit 70 Prozent dominieren, heißt es bei Experten. Das ist schon aus Sicht der Wettbewerbssituation kaum vorstellbar. Luc Frieden und Jean-Claude Juncker heben auch einhellig hervor, der Staat habe weder die Berufung, noch die Absicht bis in alle Ewigkeit de facto Mitinhaber der beiden Banken zu bleiben, wolle die Anteile wieder an private Investoren abgeben. Werden die Luxemburger Banken weiterhin so erfolgreich sein können, wie bisher? Luc Frieden bekräftigt, aus den Rettungsaktionen gehe der Finanzplatz gestärkt hervor. Ob das so ist, wird sich noch zeigen. Vor allem den Kunden im private-banking-Segment, gibt Carlo Thill zu bedenken, würde die Vertraulichkeit – aus welchen Gründen auch immer – wichtig bleiben. Das Hauptfundament der heimischen Finanzbranche, Krise hin oder her, bleibt demnach das Bankgeheimnis.

Michèle Sinner
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