Fintechs geben den Kampf um Kunden der DACH-Region nicht auf. Von Corona profitieren vor allem Trading- und Payment-Dienste

Die App aller Apps

d'Lëtzebuerger Land vom 07.05.2021

Ist die Revolution schon wieder zu Ende ? Einigen Umstürzlern der deutschsprachigen Finanzwelt ging in letzter Zeit der Schnauf aus: Fidor, die hippe Münchner „Community Bank“, Heimat legendärer IT-Pannen, wurde erst von der französischen Großbank BPCE geschluckt, dann zerschlagen. Die Tochter Fidor Solutions geht zum Teil an Sparda-Banken. Smava, das älteste deutsche Fintech, macht kein Crowdlending mehr, sondern vermittelt nun biedere Bankkredite. Mit dem Establishment kollaboriert mittlerweile auch zum Beispiel Scalable Capital, als Robo-Adviser für ING. Das deutsch-luxemburgische Fintech Investify dient Sparda-Banken als Regulatorik-Plattform, recht weit weg von Endkunden. Am Untergang der Bremer Greensill-Bank sind Fintechs unschuldig. Mit Plattformen wie „Weltsparen“ oder „Zinspilot“ hatten aber Raisin und Deposit Solutions Anleger dorthin vermittelt. Die Milliardenpleite von Wirecard ist nicht nur ein Image-Desaster. Das einstige deutsche Vorzeige-Fintech, das 2018 im Börsen-Index Dax die Commerzbank ersetzt hatte, war auch Dienstleister für zahlreiche Startups: Die Kreditkarten von Curve in England und Payhawk in Bulgarien wurden plötzlich gesperrt, auch die finnische KMU-Bank Holvi und die amerikanische Zahlungsplattform Payoneer mussten neue Partner finden. Technik und Teile der Wirecard Bank werden jetzt samt 500 Mitarbeitern von Banco Santander übernommen. Rund 2 500 Kund/innen wechselten zu Unzer (ehemals Heidelpay), einem Zahlungsdienstleister mit Luxemburger Lizenz, der von der US-Beteiligungsgesellschaft KKR gekauft wurde.

Und dann kam Corona Trotz Digitalisierungsschub mussten mit dem Lockdown auch viele Fintechler in Kurzarbeit gehen. Monedo ging im September in Konkurs: Das einst größte deutsche Fintech, 2012 als Kreditech gegründet, hatte Mikrokredite vergeben, die vor allem in Polen und Spanien nicht zurückgezahlt wurden. Kurz darauf folgte die Pleite des Berliner Vergleichsportals Joonko: Da der Automarkt stark einbrach, stieg die Versicherung PingAn als Investor aus. Sorgen machten sich auch die über 2 000 Mitarbeiter/innen von Sumup, denn das Geschäft mit Kartenzahlungsterminals für Kleinbetriebe ging zunächst stark zurück. Dann bekam dieses deutsch-britische Fintech aber einen Rekordkredit von 750 Millionen Euro, unter anderem von GoldmanSachs, um von Banking bis Steuererklärung „zum Betriebssystem der Kunden zu werden“. Zu den Gewinnern der Krise zählt eine Zürcher Plattform für professionelle Investoren: Über Loanboox nahmen 600 Körperschaften und Firmen im Jahr 2020 Kredite in Höhe von 7,1 Milliarden Schweizer Franken auf, 50 Prozent mehr als 2019. Im Home-Office entdeckten besonders deutsche und österreichische Stadtverwaltungen die Vorteile der Online-Finanzierung. Für den Energiekonzern Axpo konnte auch erstmals eine rein digitale Unternehmensanleihe abgewickelt werden, das heißt ohne Banken: 133 Millio-
nen Franken für Wind- und Sonnenenergie zu 1,002 Prozent, Laufzeit sieben Jahre.

Horden von Anfängern Der in den USA von der „kostenlosen“ Plattform Robinhood ausgelöste Trading-Hype schwappte auch nach Europa. Als im Januar der Handel mit von Online-Gruppen gepushten Aktien der Firma GameStop zeitweise eingestellt wurde, war der darauf folgende Shitstorm die beste Werbung für Neobroker. Die Erkenntnis, dass ein Börsenauftrag heute nicht mehr über 40 Euro kosten muss, wie einst bei Filialbanken üblich, verleitete angeblich über zwölf Millionen Deutsche dazu, erstmals Aktien zu kaufen. Das Berliner Startup Trading Republic konnte im ersten Quartal 2021 seine Kundenzahl auf eine Million verdoppeln.

Vom Boom der Trading-Apps profitieren auch Abwickler im Hintergrund: BNP Paribas (für Smartbroker und Bitpanda), Sutor Bank (für Justtrade), Baader Bank (für Gratisbroker und Scalable Capital), aber auch das Berliner Fintech Solarisbank (für Trade Republic). Apps wie Bux aus Holland oder Freetrade aus England, die jetzt in Deutschland starten, bedrohen nun Online-Broker wie Comdirect oder FlatexDegiro, die einst selbst als Fintechs angefangen hatten. Die auf Privatanleger ausgerichteten Marktplätze Tradegate (Berliner Börse) und LS Exchange (Lang&Schwarz in Düsseldorf) explodieren geradezu, während die Plattform Xetra der Deutschen Börse stagniert.

In der Schweiz gab die Finma im April dem Genfer Fintech Taurus grünes Licht für die Kryptobörse TDX. Die etablierten Schweizer Banken wollen noch dieses Jahr mit SDX kontern, einem neuen Marktplatz für digitale Assets aller Art. Ein anderes Beispiel für die entstehende „Token-Ökonomie“ ist bereits im vergangenen November gestartet: Bei der Liechtensteiner Immobilien-Plattform Crowdlitown ist man ab 100 Schweizer Franken dabei. Offensive der Neobanken: Im Gefolge von Corona wird digitale Konto-Eröffnung zum Standard. Das nützt besonders jungen Smartphone-Banken. N26 vermeldete im Januar über sieben Millionen Kunden weltweit. Der deutsche Platzhirsch kommt allerdings unter Druck: Die Bafin stuft nun den gesamten Konzern mit über 1 500 Mitarbeiter/innen als „Finanzholding“ ein, nicht nur die N26 Bank mit ihren 100 Angestellten. Diese Beaufsichtigung hatte Wirecard jahrelang vermeiden können.

Um die sinkende Kaufkraft Mitteleuropas buhlen immer mehr Neobanken. Während sich N26 aus Großbritannien zurückzog, startet Revolut aus London einen neuen Angriff auf den DACH-Markt. Dort tummeln sich schon länger Wise aus England und Bunq aus Holland. Klarna aus Schweden bietet in Deutschland neuerdings Girokonten an. Mit dem „ersten CO2-neutralen Girokonto“ und Visa-Karten aus Holz will Tomorrow aus Hamburg punkten. Das Münchner Vergleichsportal Check24 hat im Oktober unter dem Namen C24 ein eigenes Bank-Angebot gestartet. Die Buchungen im Gratis-Girokonto sollen dort von Algos nach Einsparpotenzialen durchsucht werden. Immerhin müssen die Kund/innen erst zustimmen, ob sie zur „Vertragsoptimierung“ neue Versicherungen, Telefon-, Strom- oder Reiseanbieter bekommen wollen. Die meisten Neobanken verbrennen noch viel Geld. Der russischen TCS-Group, hervorgegangen aus dem Fintech Tinkoff, wird dagegen nachgesagt, bereits seit 2008 profitabel zu sein. Ihr ist es gelungen, ein eigenes „Ökosystem“ aufzubauen, von Banking über Aktienhandel und Versicherungen bis zu Diensten wie Ticketverkauf oder Restaurant-Reservierung. Im vergangenen Sommer hat TCS in Deutschland einen Ableger ohne eigene Banklizenz gegründet: Vivid soll von Berlin aus in Kooperation mit Solarisbank Westeuropa erobern. Bei Vivid Invest gibt es seit März Aktienbruchteile ab 0,01 Euro.

In der Schweiz kam im Juli 2020 zu den älteren Smartphone-Banken Zak (Bank Cler, ex Bank Coop) und Neon (Hypothekarbank Lenzburg) erstmals eine Neobank mit einer eigenen Fintech-Lizenz: Yapeal wird „zu 100% in der Cloud betrieben“. Im Herbst startete in Genf die Flow Bank, die zur „Plattform für alles“ werden will. Alte, neue oder gar keine Banken? – Die PSD2-Richtlinie der EU und „Open Finance“ sollten eigentlich mehr Vielfalt und Wettbewerb in die Finanzwelt bringen. Banken, Versicherungen, Startups und große Tech-Konzerne kämpfen erbittert um das Gegenteil: die Bündelung aller nur denkbaren Finanzdienste in einer einzigen App. Wer das Rennen um die „Kundenschnittstelle“ gewinnen, wer andererseits zum margenschwachen Zulieferer degradiert wird, ist offen. Nach Apple Pay, Google Pay und Garmin Pay (kontaktlos Bezahlen mit der Uhr) startete im Herbst auch die App Samsung Pay in Deutschland. Alte Hausbank-Konten mit Diensten innovativer Anbieter zu verknüpfen, ist das Ziel des neuen Wiener Fintechs NumberX. Die Banking-Plattform Google Plex gibt es vorerst nur in den USA. Noch ist das Publikum skeptisch. Nach einer Studie im Auftrag von Mambu halten 53 Prozent der Deutschen „Open Banking“ für eine „gefährliche Form der Datenweitergabe“. Dabei ist Geld den meisten gar nicht so wichtig: Laut dem „Atlas der digitalen Welt“ erledigten bereits vor Corona über 90 Prozent der Deutschen ihre Bankgeschäfte online, brauchten dafür aber im Schnitt bloß eine Stunde und 14 Minuten pro Monat. Auf Internetseiten von Banken entfiel nur 1,5 Prozent der gesamten „digitalen Aufmerksamkeit“, dagegen fast ein Drittel allein auf Youtube, Apple und Facebook. Da liegt es nahe, unattraktive Banker durch Roboter zu ersetzen.

Luxemburg im Mittelfeld

Für das aktuelle „FinTech Hub Ranking“ der Hochschule Luzern wurden 74 Indikatoren zur Attraktivität von weltweit 35 Standorten ausgewertet. Singapur punktet besonders mit Wagniskapital, die Schweiz mit Fachkräften und Regulierung. Luxemburg hat sich im Vergleich zu 2019 um einen Platz verbessert und Paris überholt:

1. Singapur

2. Zürich

3. Stockholm

4. Genf

5. Amsterdam

6. New York

7. London

:

11. Berlin

12. Frankfurt

:

17. Wien

18. Seoul

19. Luxemburg

20. Paris

:

34. Sao Paulo

35. Buenos Aires

IFZ FinTech Study 2021: blog.hslu.ch/retailbanking/fintech-study/

Unicorn oder doch nur Popcorn ?

Programmierer aus Osteuropa, Büros in Berlin und London, eine Banklizenz aus Litauen oder Irland, eine Holding in Luxemburg, der Wiener Chef irgendwo auf den Philippinen: Finanz-Startups lassen sich oft nur schwer einem Land zuordnen. In Deutschland hat jedenfalls der Autor Jerko Abramovic zuletzt 452 Fintechs gefunden. Die österreichische Szene wird auf 50 bis 200 Firmen geschätzt. Ordentlich und transparent ist die Schweiz: Die Hochschule Luzern zählt dort 405 Fintechs, 23 mehr als 2019. Sie haben 2020 rund 260 Millionen CHF neu aufgenommen.

Weltweit gibt es über 400 nicht-börsennotierte Tech-Startups, die von Investoren mit jeweils mehr als einer Milliarde USD bewertet werden. In den Kreis dieser „Unicorns“ haben es auch
96 Fintechs geschafft. Davon kommen sechs aus dem deutschsprachigen Raum: Die Berliner Neobank N26, die 2013 in Wien gegründet wurde, ist mit 3,5 Milliarden USD das wertvollste (zum Vergleich: die Commerzbank hat gerade einen Börsenwert von 6,8 Milliarden Euro). Dahinter folgen Mambu, ein Banksoftware-Anbieter aus Berlin, und Deposit Solutions, eine Hamburger Plattform für Bankeinlagen. Die Berliner Versicherungsplattform Wefox, 2014 in Zürich als Financefox gegründet, ist eher als Insurtech einzustufen. Die Finanz-App Numbrs aus Zürich ist seit 2019 das erste Finanz-Einhorn der Schweiz. Als erstes österreichisches Fintech knackte die Kryptobörse Bitpanda dieses Frühjahr die Milliardenmarke.

Laut der Wagniskapital-Firma BlackfinTech gehörten Bitpanda mit 152 Millionen Euro und Mambu mit 110 Millionen auch zu Europas „15 Top Deals“ im ersten Quartal 2021, hinter dem schwedischen Zahlungsdienstleister Klarna, der 892 Millionen einwarb. Insgesamt haben europäische Fintechs zu Beginn dieses Jahres 4,4 Milliarden Euro eingesammelt, doppelt so viel wie 2020. Im gesamten Vorjahr waren es 6,5 Milliarden Euro gewesen.

Martin Ebner
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