Die kleine Zeitzeugin

Die ukrainische Tasse

d'Lëtzebuerger Land vom 25.03.2022

Verborgen in der Wiener Altstadt gibt es ein Kirchlein, ganz in Altrosa, Himmelblau und Gold, vor Jahren entdeckte ich es, immer wieder zog es mich hin. Es hat etwas Kuscheliges, Heimeliges, wie bei Mutter Mieze und ihre Kinder, meinem ersten Pixie-Buch. In den Bann gezogen von der Inbrunst der Gebete, der meditativen Monotonie der Gesänge, der Zelebrationen nach orthodoxem Ritus, nahm ich an endlosen, nein, eher zeitlosen Gottesdiensten teil. Die griechisch-katholischen Priester, die auch heiraten dürfen, hatten Männerstimmen wie die russischen Popen, wirkten aber weniger gravitätisch als diese mit ihren patriarchalen Bärten. Einer schaute mit seiner coolen Frisur immer aus als käme er gerade aus der Disco. Nach dem Gottesdienst verschwanden die jungen Frauen eine nach der andern hinter den bunten Bilderbuchkulissen des Allerheiligsten. Am Ostermorgen stand ein Trüppchen in den highesten Heels und dem ministen Mini Schlange, um Opfergaben, Brot und Backwerk zu überbringen. Die meisten Kirchenbesucher*innen wirkten aber abgerackert, die Frauen hatten ganz im Gegensatz zu den Durchschnittswiener*innen noch ordentliche Frisuren. Alle küssten die Ikonen, die größten Fan*innen rutschten auf den Knien über die Fliesen. Das nahm im Lauf der Jahre ab, die Ukrainer*innen hatten auch immer weniger Frisuren und unterschieden sich immer weniger von den Durchschnittswiener*innen. Während der Maidan-Massaker platzte die Kirche aus allen Nähten, draußen wurden Heldenfotos aufgestellt. Dies ist auch jetzt wieder der Fall, in der ersten Woche starteten hier die Hilfstransporte. In der Kirche war ich in der letzten Zeit nicht, es erscheint mir obszön mich unter wirklich Betroffene zu mischen.

Einmal stand ich an der slowakisch-ukrainischen Grenze, ich stellte mir vor weiter mit dem Zug zu fahren, in die weiten Ebenen unter einem weiten Himmel, an endlosen Plattenbausiedlungen vorbei in eine rostige Industrielandschaft. Bis in die legendäre Krim, wo die reichen Russ*innen urlaubten, es war noch vor dem Überfall. Das Meer wäre schwarz. Ich stellte mir vor, die Städte von Rose Ausländer und dem geliebten Joseph Roth zu besuchen. Ich fuhr nicht weiter.

Vor ein paar Jahren lud mich A. ein, sie, ihre Mutter und ihre Tochter im Osten bei Dnepropetrowsk zu besuchen. A. lebte seit Jahren zur Untermiete bei meiner Freundin, als Wirtschaftswissenschaftlerin versuchte sie in Wien eine adäquate Arbeitsstelle zu finden. Aber sie bekam nur kurzfristige Visa, landete dauernd in dubiosen Ausbeutungsjobs bei russischen Geschäftsleuten. Ihre Tochter, die ihre Mutter in der Ukraine großzog, sah sie ein Mal im Jahr. Sie schwärmte von dem alten Haus auf dem Land, dem großen Garten mit den Obstbäumen und von gewaltigen Honigtöpfen wie in Bärenbilderbüchern. Sie zeigte mir Fotos von der Großmutter mit Kopftuch vor einem selbstgebackenen Kuchen, auch diese Großmutter und ihr Kuchen schauten aus wie aus einem alten Bilderbuch, es hätte ein russisches sein können. Zuhause sprach A. wie die meisten im Osten russisch, sie hatte große Sympathien für Russland, betonte aber Ukrainerin zu sein und nicht die geringste Lust auf Putins Reich zu haben. Nur leben wollte sie in der immer aussichtsloseren Armut nicht mehr. Sie versuchte Jobs in London oder Brüssel zu finden, erwog Luxemburg. Vor fünf Jahren ging sie nach Griechenland, wir hatten nur noch wenig Kontakt. Die Reise in die Ukraine hatte es nur im Kopf gegeben.

Vor kurzem antwortete sie mir auf Facebook, sie wäre bei der Familie in der Ukraine, es würde geschossen, nachts wären sie im Keller. Dann, dass sie zum Bruder in die Stadt geflüchtet wären und am nächsten Morgen zur Grenze aufbrechen würden. Gerade erfahre ich, dass sie in Polen sind. Meine Freundin wartet auf sie, sie kann ihr kleines Zimmer wieder beziehen, diesmal zu dritt, mit Mutter und Tochter.

Ich trinke Kaffee aus meiner ukrainischen Tasse. Leider kaufte ich sie nicht in der Ukraine, sondern auf einem Wiener Ostermarkt. Sie ist blau und bauchig, in allen möglichen Himmelfahrtsfarben, mit Häusern, bunt und lebendig wie bei Chagall. Ich entdecke einen großen Sprung, der quer durch sie geht.

Michèle Thoma
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