Die Kleine Zeitzeugin

Rote Listen, Schwarzer Peter.

d'Lëtzebuerger Land vom 07.08.2020

Bei einem Metzger in unserm Nachbarland sind „Luxemburger nicht willkommen“, auf ein paar deutschen Parkplätzen machen die stabilen Menschen mit den dicken Autos und der fetten Kohle plötzlich eine seltsame Erfahrung: Sie sind Verfemte. Dabei hat der Außenminister doch nun wirklich klargestellt was Luxemburg alles nicht ist. Luxemburg sei kein Schlachthof, hat er gesagt. Er hat auch gesagt, dass Luxemburg keine Ballermann-AG sei. Das müsste doch Wirkung zeigen. Aber dann erklimmt er den Drahtesel und schon ist er über alle Berge, oder doch über ziemlich viele. Schon radelt er durch das freundliche Frankreich und lässt die Luxemburger_innen allein zuhause. Allein in der Vakanz Doheem. Aber er würde jeden Abend posten, verspricht er.

Es ist ein bisschen eng, murmeln die Insass_innen sich selber zu, überall stößt man an Grenzen, die es nicht mal gibt. Wie der Fisch auf dem Fahrrad im Wasserglas, murmeln sie sich zu, während sie ihre Kreise ziehen zwischen den Großen Oberflächen und den kleinen, aber charmanten Sehenswürdigkeiten.

Weil draußen wird es so langsam unübersichtlich. Kroatien lässt einfach alle rein, zumindest wenn sie aus den guten Ländern kommen, also EU-Ländern, und ist dennoch gespenstisch leer. Wahrscheinlich weil es plötzlich hieß, die Zahlen dort würden steigen, schnell stiegen alle wieder aus, der Balkon mit dem rauschenden Verkehr ist auch schön. In Amsterdam wiederum trampeln die Horden über die Abstandmarkierungen auf der Straße, ach, diese jungen Menschen, die wieder aufleben und in vollen Zügen das Leben genießen! Schon wird den Stadtmüttern und -vätern mulmig und sie zücken drohend die Maske. Statt dass die Brit_innen sich aufs Abnehmen konzentrieren, sperren sie Großherzogtümler_innen vorsorglich mal vierzehn Tage ein, andere Länder hingegen sperren sie aus. Es ist also alles sehr kompliziert, morgen schon kann alles anders sein, nämlich umgekehrt, und die Letzten werden die Ersten sein. In Tunesien, das vor kurzem etwa Österreich auf die „No Come“ Liste gesetzt hat, verzehnfachen sich gerade die Zahlen.

Einer setzt den anderen auf die rote Liste, was jeder ungerecht findet, weil alle sind die tollsten und haben das beste Gesundheitssystem auch wenn es ein paar Schwachstellen gibt, alle andern Länder beneiden das Land um dieses Gesundheitssystem. Wahrscheinlich ist die Berichtbestattung deshalb so verzerrt. Es ist sowieso schwer bzw. unmöglich zu vergleichen, die Viruslasterhaften mit den Kranken, und dann auch noch die Toten mit den Toten. Die Sowiesoquasitoten mit eben noch Quietschlebendigen. Bei der Wortwahl sollte man aber vorsichtig sein, von neoliberal bis nazi reicht das Angebot, der Ethikrat runzelt rügend die Stirn. Leichen kann man sowieso schwer verg-Leichen, finden die Expert_innen, Leichenvergleiche hinken immer. Und wir hinken die ganze Zeit dem Virus hinterher.

Einer setzt den anderen ätsch! auf die rote Liste und preist sich selber vor den Wähler_innen, wir haben das Virus gezähmt. Aber das Virus ist ein Guerillakrieger und legt Systemerhalter_innen und ganze Systeme lahm. Belgien ist wenigstens nett mit Luxemburg, ein netter Nachbar, der zu einem hält wenn alle andern auf Abstand gehen. Einer der im Song-Contest 12 Punkte vergibt, einer der unfair und parteiisch ist wie ein echter Freund. Nicht so ein Erbsenvirenzähler wie Deutschland mit seinen Nasenstocherstationen hinter der Grenze.

Alle Ergebnisse sind eben prekär, volatil wie der Virus, der durch die Luft schwebt und plötzlich an einem Schleimhäutchen klebt. Alle Ergebnisse können gleich über den Haufen geworfen werden, Musterknaben werden ausgemustert, nur Balkan ist immer verdächtig, sowieso, und Schweden muss wegen abweichenden Verhaltens gestraft werden. Der Escher Bürgermeister findet es unfair, die Stadt Esch zu stigmatisieren. Wenn es ja in Wirklichkeit der Kanton Esch ist, der rot glüht wie eine Schlackenhalde in unserm kollektiven Gedächtnis.

Jetzt müssen wir auch noch Kantone lernen, murmeln wir uns selber zu, unsere Welt wird wirklich immer zerkrümelter. Global war doch cooler als regional, während wir nach einem Beki oder einem Wolzi fischen um die Runkelrübe zu erstehen.

Michèle Thoma
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