Östliches Mittelmeer

Einflussnahme und Expansionismus

d'Lëtzebuerger Land vom 21.08.2020

Am 12. August begegneten sich türkische und griechische Kriegsschiffe unweit der griechischen Insel Kreta. Sie haben sich zwar nicht beschossen, wohl aber gegenseitig gerammt, was im militärischen Denken offensichtlich als eine Drohgebärde vor einem bevorstehenden Konflikt verstanden wird. So, wie zwei Halbstarke sich auf der Straße schubsen, kurz bevor sie ihre Fäuste sprechen lassen.

Wie dumm solche Aktionen auch aussehen mögen, die Risiken, die daraus resultieren, sind groß. Denn sie könnten zu einem Flächenbrand führen, als „nur“ einem griechisch-türkischen Krieg. Denn dahinter steckt wesentlich mehr, als es beim ersten Blick aussieht.

Beim ersten Blick sieht es nämlich so aus, als ob der unberechenbare türkische Autokrat, Recep Tayyip Erdogan, wieder einmal Unruhe stiftet. Ankara behauptet, Griechen, Israelis und Ägypter versuchten der Türkei den Zugang zum östlichen Mittelmeer zu versperren. Es geht um für den Weltmarkt völlig unwichtige Gasvorkommen, die aber eben Griechenland, Israel und Ägypten gemeinsam erbeuten wollen. Die Türken nannten das Abkommen ihrer Nachbarn eine Farce und schickten ihre eigenen Bohrschiffe in Begleitung von Kriegsschiffen in die Region. Daraufhin setzte Athen ihre Armee in Alarmbereitschaft und Frankreich schickte als Zeichen seiner Unterstützung für Athen zwei Kampfflugzeuge nach Zypern.

Es geht vordergründig um Gas, aber im Hintergrund um Einfluss in der Region. Ankara verfolgt eine offen expansionistische Politik. Die Türkei mischt sich nicht nur in Syrien mit ihren Truppen in den Bürgerkrieg ein, sondern führt gleichzeitig einen Stellvertreterkrieg auf libyschem Boden. Ankaras Diplomaten und Geheimdienstler mischen sich in Somalia, Palästina und Libanon ein. Zuletzt machten Erdogans Außenpolitiker klar, dass sie auch bereit sind Aserbaidschan gegen Armenien militärisch zu unterstützen. Erdogan drohte kürzlich Athen auch wegen des griechischen Westthraziens, wo eine türkische Minderheit lebt. Angeblich hätten griechische Soldaten während eines Manövers muslimische Friedhöfe beschossen.

Die aktuelle Krise ist aber nicht allein der Abenteuerlust des Erdogan-Regimes geschuldet. Denn einerseits tragen die manchmal dummen Aktionen der konservativ-nationalistischen griechischen Regierung zur Vertiefung des Konflikts bei. Andererseits ist der aktuelle griechisch-türkische Streit eine Verlängerung des Streits zwischen den beiden Ländern über Festlandsockel und Hoheitsgewässer. Diese seit den 1970-er Jahren anhaltende Auseinandersetzung brachte beide Länder mehrmals an den Rand von militärischen Konflikten. Trotzdem hat die internationale Gemeinschaft bisher lieber den Kopf in den Sand gesteckt, anstatt ernsthaft eine Lösung anzustreben.

Es kann auch nicht mit Widerstand in der Türkei gegen die Außenpolitik Erdogans gerechnet werden. Ein Großteil der Opposition betrachtet die außenpolitischen Abenteuer Erdogans lediglich als ein Versuch, die Aufmerksamkeit von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken. Diese Einschätzung ist nicht ganz falsch, lässt jedoch die ideologischen Exzessen Erdogans außer acht. Prinzipielle Kritik an seiner Außenpolitik wird im Land selten geäußert. Denn fast alle Oppositionsparteien sind grundsätzlich ähnlich nationalistisch, wie die regierende islamistisch-faschistische Koalition. Selbst die sich sozialdemokratisch nennende Republikanische Volkspartei (CHP) wirft der Regierung Passivität in der Außenpolitik und Unterwürfigkeit vor dem Westen vor.

Im Ausland ist das Erdogan-Regime politisch isoliert. Die Achse Griechenland–Israel–Ägypten hat die EU und die USA erfolgreich hinter sich gebracht. Den We, diese Isolation zu durchbrechen, sieht Ankara in immer gewagteren militärischen Schritten. Mittlerweile versucht der Westen nur noch einen endgültigen Bruch der Türkei abzuwenden. So telefonierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Erdogan und vermittelte zwischen Athen und Ankara, um einen offenen Konflikt zu verhindern.

Trotz dieser verzwickten Lage und gefährlichen Militäreinsätzen sehen viele Experten die Kriegsgefahr zwischen Griechenland und der Türkei minimal. Denn beide Länder sind Nato-Verbündete und seit Jahrzehnten zwingen die anderen Alliierten beide Kampfhähne in letzter Sekunde zur Zurückhaltung.

Sie könnten sich irren. Denn die eigentliche Gefahr ist ein erweiterter Militärkonflikt, an dem nicht nur Ankara und Athen beteiligt sind. Denn das Mittelmeer, der Nahe Osten und der Maghreb sind inzwischen eine wichtige Szene im Kampf globaler Mächte um Einflusssphären.

Auch die Europäische Union mischt hier mit. Obwohl die EU oft wegen ihrer Passivität kritisiert wird, sind einzelne EU-Staaten in der Region außerordentlich aktiv. Vor allem Frankreich, das sich unter Emmanuel Macrons Präsidentschaft eine souveränere und von den USA unabhängige Rolle für die EU wünscht, ist nicht nur diplomatisch, sondern auch militärisch an vielen Konflikten der Region beteiligt.

Berücksichtigt man zudem den US-Iran-Konflikt und den bitteren Wettbewerb zwischen Washington und Moskau, Einfluss in der Mittelmeerregion zu gewinnen sowie die Kontroverse zwischen Teheran und dem arabischen Block um Saudi-Arabien wird deutlicher, wie verworren die internationale Politik zur Zeit im östlichen Mittelmeer ist.

Der aktuelle Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei findet in einer Region statt, wo in Libyen die USA und Russland hinter verschlossenen Türen intrigieren, Israel mit einem Friedensvertrag mit den Vereinten Arabischen Emiraten das politische Gleichgewicht verändert und in Syrien der seit zehn Jahren andauernde Bürgerkrieg immer weiter internationalisiert wird. Es sind schließlich diese globalen und regionalen Rivalitäten, die dem türkischen Regime unter Erdogan wiederholt die Gelegenheit geben, seinen expansionistischen Appetit zu stillen.

Cem Sey
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