Zukunft des Merscher Agrocenters

Silicon Cepal

d'Lëtzebuerger Land du 11.12.2003

Zwei Tage vor Heiligabend werden sie publik, die Namen der 121 zu entlassenden Cepal-Mitarbeiter, für die OGB-L und LCGB bis dahin noch den Sozialplan verhandeln. Die Stimmung in den im Merscher Agrozenter angesiedelten Betrieben der Bauernzentralen-Holding Cepal sei "ganz schlecht", sagt die LCGB-Sekretärin Tania Picco. "Aber mit der jetzt angestrebten Restrukturierung und wenn die Regierung mithilft", werde es eine Zukunft geben. Picco ist auch überzeugt davon, dass es für die verbleibenden rund 400 Beschäftigten genügend bezahlbare Arbeit geben wird. "Wenn die Silocentrale mit dem Verband fusioniert und Herdbook mit dem SEG, dann ist alles besser strukturiert." Mag auch der Chamber-Abgeordnete Robert Mehlen am Montag für seine Partei ADR erklärt haben, solche Fusionen führten gesunde und kranke Betriebe zusammen: "Mehlen ist ein Schwarzseher. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut."

Doch von Fusionen dieser Art war schon vor einem Jahr die Rede. Die Ironie der Geschichte will es, dass kurz vor Heiligabend 2002 die gute Nachricht aus der Landwirtschaft gelautet hatte, die Cepal s.a. mit ihren Betrieben zum einen und vier Genossenschaften zum anderen wollten im Rahmen eines "SynAgro" getauften Projekts die Zusammenlegung ihrer Aktivitäten, aber auch ihrer Vermögen und Ausrüstungen bis hin zu Fusionen in die Wege leiten. Mit dabei auch die Cepal-Tochter Silocentrale s.à.r.l. mit ihren Siloanlagen gleich hinter dem Merscher Bahnhof und seit 1994 Konkurrentin von "de Verband" (der Fédération agricole soc. coop.) in Aufnahme, Lagerung und Weiterverarbeitung von Getreide und Raps. Und der zur Cepal gehörende Service élevage et génétique (SEG) vom Kuelbécherhaff, der seit 1978 wie der genossenschaftliche Herdbook-Verband aus Ettelbrück die Milchkontrolle für relativ wenige Luxemburger Milchkühe vornimmt; beide betreiben darüber hinaus separate Tierzuchtprogramme.

SynAgro aber war vergangenen Sommer an der Uneinigkeit des Cepal-Vorstands, für Transparenz der Finanzen zu sorgen, gescheitert. Seit 2001 wurde keine konsolidierte Bilanz der Gruppe mehr veröffentlicht. Die letzte hatte einen Verlust von 3,3 Millionen Euro ausgewiesen, ein über die Jahre kumuliertes Minus von 18,8 Millionen bei Reserven von 13,8 Millionen, einem Eigenkapital von 13 Millionen und einer Gesamtschuld von 43,6 Millionen Euro. Die offenbar auch 2002 schlechte Geschäftslage führte am 3. Juli zur Entlassung von Jos. und Guy Ewert als leitende Cepal-Manager. Zwei Wochen später erteilte der Verwaltungsrat dem Franzosen Christian Durand das Mandat des Generaldirektors. Der vor einer Woche aufgestellte Sozialplan ist der erste Schritt zur Redynamisierung, den der frühere Alcatel-Manager vornimmt. Bilateral führt er nun Gespräche über Kooperationen mit den einstigen SynAgro-Partnern weiter. Doch Fédération agricole, Saatbaugenossenschaft, Maschinenring und Herdbook verpassen in einem "Kommentar des Monats" auf ihrer gemeinsamen Internet-Homepage agrarportal.lu allzu großen Erwartungen einen Dämpfer. Es werde offenbar versucht, "alle jetzigen Cepal-Aktivitäten wie Getreide-trocknungsanlage, Getreidemühle und -lagerung, Futtermittelfabrik, Saatgut-, Dünger- und Spritzmittelhandel, Schlachtung und Fleischverarbeitung, Eisherstellung, Brot- und Zuckerbäckerei, Zucht, Besamung und Beratung sowie Vermarktung, zu erhalten, koste es, was es wolle."

So sei es nicht, sagt Christian Durand. Doch das über 30 Hektar große Agrozenter zu einem "Pol" der agro-alimentären Industrie für das ganze Land auszubauen, schwebt ihm vor: "eine Art Silicon Valley." Das öffentlich vorgetragene Misstrauen der potenziellen Partner sei "keine positive unternehmerische Haltung. Der Standort liegt günstig, die Infrastruktur ist vorhanden, die verschiedenen Produktionsstätten auch. Lasst sie uns doch gemeinsam nutzen!" Zu oft noch werde in Luxemburg in die Vergangenheit geblickt, meint er. "Da sind Emotionen im Spiel."

Seine Ansprechpartner aber argumentieren eher ökonomisch. Schon die Kündigung der Luxlait an den Vertrieb der Cepal-Tochter Centralmarketing ließ sich nur so verstehen. Luxlait-Verwaltungsratspräsident John Rennel etwa ist immerhin Mitglied der Bauernzentrale und wurde bei den Sozialwahlen vor einem Monat als effektives Mitglied in die Landwirtschaftskammer gewählt. Grund für die Trennung von Centralmarketing seien einzig und allein deren Zahlungsrückstände gewesen, erklärte er am Dienstag dem Tageblatt.

Die Fédération agricole ist die wichtigste Adressatin für die Partnersuche des Cepal-Chefs.  "Sie will eine neue Futtermittelfabrik bauen", sagt Christian Durand, "wir haben eine, die nur zu 40 Prozent ausgelastet ist." Auch einen Einstieg bei der Silocentrale bietet er an. Vielleicht sogar zu einem symbolischen Preis. "Für uns sind Neustrukturierungen schon von Interesse", sagt Jos. Jungen, Direktor der Fédération agricole. Doch dann kommt das Aber: "Wir ha-ben zuletzt 66 Millionen Euro Umsatz gemacht und dabei einen Gewinn erzielt. Die gesamte Cepal hatte einen konsolidierten Umsatz von nur 60 Millionen und schreibt seit zehn Jahren rote Zahlen." Ehe man sich beteilige, müsse erst einmal ein Businessplan für die Anlagen im Agrozenter vorliegen.

Doch den hat die neue Cepal-Direktion noch nicht. Kernelement ihrer Strategieänderung ist die Auslagerung des Vertriebs der Produkte. Centralmarketing, die 2001 mit minus 4,6 Millionen Euro den größten Verlust innerhalb der Gruppe verbuchen musste, soll demnächst gründlich umstrukturiert werden. Mit einem Partner von außerhalb will Christian Durand die Produktpalette der Cepal der Konkurrenz von Erzeugnissen aussetzen, die der Partner schon im Angebot hat. Ein Vertrag könnte noch vor Weihnachten unterzeichnet werden. Besseres Eingehen auf Kundenwünsche verspricht er sich davon, und damit bessere Auslastung der Produktionskapazitäten im Agrozenter.

Doch mit dem Auslastungsgrad der Cepal-Anlagen, welche die Bauernzentrale und ihr früherer Generalsekretär Mathias Berns einst der gesamten Landwirtschaft anempfohlen hatten, verknüpft sich auch die Frage nach nötigen Investitionen und den liquiden Mitteln der Cepal. Mit einer besseren Ratio von Umsatz pro Beschäftigten erneut kreditwürdig gegenüber den Banken zu werden, ist schließlich wesentliches Ziel des Sozialplans. Die 2002 eingefahrenen Verluste seien "beachtlich" gewesen, sagt der Cepal-Chef; ohne Zahlen zu nennen, weil die Bilanz noch nicht öffentlich ist.

Die Frage der Betriebskosten aber dürfte sich vor allem beim Merscher Schlachthaus stellen, das "theoretisch den Schlachtbedarf noch bis Straßburg decken könnte". Sogar die Regierung sehe den Schlachthof als erhaltenswerten Teil des Agrozenters. Die drei anderen Häuser in Ettelbrück, Esch und Wecker könnten allesamt nach Mersch umziehen, meint Christian Durand.

Doch Louis Koener, Präsident der Fédération des abattoirs, argumentiert ähnlich wie der Direktor der Fédération agricole: "Die drei anderen Schlachthöfe sind zu 80 Prozent ausgelastet und machen Gewinne. Der Schlachthof Esch zum Beispiel schlachtet 300 bis 350 Tiere pro Woche, Mersch nur 50 bis 60." Eine Modernisierung der Merscher Anlage der mangelnden Hygiene wegen verlangt die Veterinärverwaltung. Kosten dürfte sie rund  drei Millionen Euro. Daneben jedoch will die Cepal-Direktion die gesamte Produktionskette bis zur Verarbeitung renovieren lassen -  und dafür sucht Landwirtschaftsminister Fernand Boden Partner für sie. Im Gespräch seien 200 bis 300 Millionen alte Franken Investitionsaufwand, sagt Louis Koener. "Ich denke, man braucht wenigstens eine Milliarde. 30 Jahre lang wurde kein Centime in die Werterhaltung der Anlage gesteckt." Und an allererster Stelle müsse man in Mersch den Vertrieb verbessern: "Mit einer modernen Anlage verkauft man noch nicht automatisch mehr." Der Landwirtschaftsminister habe zuletzt mehrfach für eine Konzentration aller Schlachtaktivitäten in Mersch plädiert. "Aber da sagen wir", meint Koener, "kategorisch Nein. Da sind wir ganz stur." Und ein für allemal will er von Fernand Boden klargestellt haben, dass nicht etwa den anderen Schlachthöfen Investitionsbeihilfen verweigert werden, falls sie nicht nach Mersch umziehen.

Der Landwirtschaftsminister hatte schon Mitte Oktober im Parlament erklärt, "et muss ee konstruktiv dru goe fir matzehëllefen, dass den Agrozenter ka weiderbestoen". An anderer Stelle aber hatte er immer wieder gesagt, nicht der Staat müsse für Synergien sorgen, Impulse müssten "aus dem Beruf" kommen (d'Land vom 29. August 2003). Bliebe er diesem Credo treu, müsste er auf klare Unternehmenspläne und Kostentransparenz bei der Cepal Wert legen, ehe er auf Mithilfe drängt.

Aber vielleicht ist sein Vorgehen wie das des Premiers, der eine Krisenzelle ins Leben rief und meinte, Cepal sei "ein anderes Dossier als Villeroy [&] Boch", wahltaktisch begründet: Würden CSV-Minister gar nichts zur Rettung der Cepal unternehmen, kämen ihr womöglich Wählerstimmen aus der Bauernschaft abhanden. Würden andererseits tatsächlich Betriebe genötigt, nach Mersch zu gehen, schlüge die große Stunde des ADR. Es ist nicht auszuschließen, dass die Rettungsaktion am Ende so ernst nicht gemeint ist. Allerdings ist sie es, die für Emotionen sorgt. Für die Cepal hieße das, aus eigener Kraft profitabel zu werden. Ihr Direktor ist immerhin überzeugt, dass dies zu schaffen sei, und zwar auch mit der nach dem Sozialplan verbleibenden Belegschaft.

Peter Feist
© 2020 d’Lëtzebuerger Land