Ausbruch in fremde Welten: Ausstellungen von Outsider Art und urzeitlicher Kunst

Fantastische Kopfreisen

d'Lëtzebuerger Land du 11.06.2021

Nichts wie weg! Nach dem Ersten Weltkrieg wollte die Avantgarde von akademischen Konventionen nichts mehr wissen. Paul Klee, Pablo Picasso, Max Ernst und andere Künstler suchten neue, „unverdorbene“ Inspirationsquellen: Kinderzeichnungen, Schnitzereien indigener Völker, prähistorische Felsbilder, Werke von psychisch Kranken. Besonders zwei reich illustrierte Studien erregten vor 100 Jahren Aufsehen: Adolf Wölfli. Ein Geisteskranker als Künstler, 1921 von dem Berner Psychiater Walter Morgenthaler veröffentlicht, und kurz darauf Bildnerei der Geisteskranken von dem Heidelberger Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn.

Seither erlebt Außenseiter-Kunst immer wieder Wellen der Aufmerksamkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der französische Künstler Jean Dubuffet eine Collection de l’Art Brut zusammen, die er dann der Stadt Lausanne vermachte. Um 1970 wurde vielerorts die Psychiatrie reformiert und der englische Kunsthistoriker Roger Cardinal prägte den Begriff Outsider Art. Der jüngste Boom geht auf das Jahr 2013 zurück: Schwerpunkte bei der Biennale in Venedig und der Carnegie International in Pittsburgh. In diesem Sommer sind nun in der Schweiz und in Deutschland verschiedene Ausstellungen dazu zu sehen.

Dass die Unangepassten vor allem in Umbruchszeiten beliebt sind, kommt vielleicht daher, dass diese Künstler oft in beengter Armut oder geschlossenen Anstalten gefangen waren - und sich daher in fantastische Traumwelten flüchteten. Adolf Wölfli etwa kam wegen Kindesmissbrauch ins Gefängnis, lebte dann 35 Jahre lang in einer Zelle der Nervenheilanstalt Waldau. Dort erschuf er ein eigenes Universum: imaginäre Weltreisen auf über 25 000 Seiten voller Bilder und Muster, Gedichte und Musiknoten. Das Zentrum Paul Klee in Bern zeigt jetzt erstmals alle 45 großen Hefte, zu denen Wölfli sein Werk gebündelt hatte.

Ein anderer Außenseiter-Klassiker ist Gustav Mesmer: Anno 1929 stürmte der Schreiner im frommen Oberschwaben einen Gottesdienst und erklärte, hier werde „nicht das Blut Christi“ ausgeteilt, es sei „alles Schwindel“. Darauf wurde er mit der Diagnose „Schizophrenie“ für den Rest seines Lebens in der Irrenanstalt Schussenried und anderen Heimen weggesperrt. Heute ist Mesmer vor allem als Erbauer von Flug-Fahrrädern bekannt. Die detaillierten Entwürfe des Ikarus vom Lautertal nehmen einen prominenten Platz ein in der Kunstsammlung des Nervenarztes Hartmut Kraft, die unlängst dem Museum Prinzhorn in Heidelberg geschenkt wurde.

Im Kunstmuseum des Kantons Thurgau sind Mesmers verschrobene Flugapparate derzeit mehrfach zu bestaunen: in einer Ausstellung zum Thema Fliegen und in einem Überblick zur Außenseiter-Kunst. Der Sammler Rolf Röthlisberger, ehemaliger Direktor des Schweizerischen Psychiatrie-Museums in Bern, hat der Kartause Ittingen über 1 200 Bilder und Objekte geschenkt, die nun zum Teil vorgestellt werden. Schwerpunkte sind dabei neben Schweizer Künstlern auch Werke aus einer früheren Nervenklinik bei Wien (heute Art/Brut Center Gugging) und aus dem Mal- und Keramik-Atelier La Tinaia des psychiatrischen Krankenhauses in Florenz.

Mit imaginären Ansichten von aufregenden Großstädten und Reisebildern wollte der schizophrene und autistische Künstler Willem van Genk aus seinem Alltag ausbrechen, der sich jahrzehntelang auf eine Wohnung in Den Haag beschränkte. Er nannte sich „König der Bahnhöfe“ und widmete sich bevorzugt Zügen, U-Bahnen und Bussen. Die Collection de l‘Art Brut in Lausanne zeigt noch bis Ende Juni Zeichnungen und Gemälde van Genks, vor allem aber Bus-Modelle aus Karton, Cola-Dosen und anderen Abfällen.

Eine Anregung für Avantgardisten waren auch die Expeditionen von Leo Frobenius: Der Ethnologe unternahm von 1913 bis 1939 zusammen mit Malerinnen und Malern 16 Forschungsreisen rund um die Welt, um prähistorische Felsbilder zu dokumentieren. Die 40 000 Jahre alte „Negerkunst“, die ab 1930 in Paris, Zürich und weiteren Metropolen gezeigt wurde, machte auf Joan Miró, Alberto Giacometti und andere moderne Künstler großen Eindruck. Frobenius war zwar erzkonservativ und mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. befreundet, wollte aber von Rassismus nichts wissen. In New York stellte das Museum of Modern Art seine Kopien steinzeitlicher Wandzeichnungen zusammen mit neuen abstrakten Werken aus - für die Nazis ein Anlass, gegen „entartete Kunst“ zu hetzen. Später wurde eine Sahara-Expedition von Frobenius und dem ungarischen Grafen László Almásy zur Vorlage für den Roman Der englische Patient.

Derzeit präsentiert das Museum Rietberg in Zürich rund 120 monumentale, zum Teil meterhohe Abzeichnungen von Fels- und Höhlenbildern, die sich im Frobenius-Institut in Frankfurt am Main erhalten haben. Behandelt wird dabei auch ihre Ausstellungs- und Wirkungsgeschichte, etwa in Werken von Paul Klee. „Es gibt auch noch Uranfänge von Kunst, wie man sie eher im ethnografischen Museum findet oder daheim in der Kinderstube“, hatte der Berner Künstler in einer Rezension zur Gruppe Blauer Reiter notiert: „Parallele Erscheinungen sind die Zeichnungen Geisteskranker, und es ist also auch Verrücktheit kein treffendes Schimpfwort. Alles das ist in Wahrheit viel ernster zu nehmen als sämtliche Kunstmuseen, wenn es gilt, die heutige Kunst zu reformieren.“

Anerkannte Außenseiter

Art brut, Naive Kunst, Contemporary Folk oder Marginal Art: die Kunstwelt kann sich bislang nicht auf eine Bezeichnung für das Phänomen einigen. Vielleicht „ Autodidakten ohne akademische Ausbildung, oft arm oder geisteskrank, zu Lebzeiten gern ignoriert“? Von Marginalisierung kann aber zumindest auf dem Kunstmarkt keine Rede mehr sein: Die Werke der bekanntesten Außenseiter-Künstler sind heute für staatliche Museen kaum noch erschwinglich. Trotz Corona-Krise brachte im Januar die Christie‘s-Auktion „Outsider and Vernacular Art“ 2,1 Millionen US-Dollar ein; vor zwei Jahren hatte diese Veranstaltung sogar 4,2 Millionen erzielt.

Das Gemälde „Ewigkeitendegott, sein Engel“ von August Walla wurde von dem Musiker David Bowie bei einem Besuch in der ehemaligen niederösterreichischen „Landesirrenanstalt Gugging“ erworben – und 2016 von Christie‘s für über 97.000 US-Dollar versteigert. Noch mehr verdiente dieses Auktionshaus in den letzten Jahren mit toten Amerikanern: 507.000 Dollar für die Zeichnung „Man on White, Woman on Red“ von Bill Traylor (Sklaven-Kind in Alabama, Landarbeiter, im Alter obdachlos). 745.000 Dollar für ein Aquarell von Henry Darger (Heim für geistesschwache Kinder, Dienstbote in einem Krankenhaus in Chicago). 785.000 Dollar für die Kalkstein-Skulptur „Boxer“ von William Edmondson (Kind von Ex-Sklaven in Tennessee, Hausmeister in einer Klinik).

Den Verkaufsrekord hält bisher der Schweizer Adolf Wölfli, mit dem einst das Interesse für Außenseiter-Kunst begonnen hatte. Seine Buntstift- und Kreide-Zeichnung „Der San Salvathor“, 1926 in der „Bernischen Kantonalen Irrenanstalt Waldau“ geschaffen, wurde 2018 von Sotheby‘s für 795.000 US-Dollar plus Gebühren versteigert.

Auf „untrained, unschooled and unknown geniuses“ hat sich die englische Kunstzeitschrift „Raw Vision“ (rawvision.com) spezialisiert, dito die Magazine „Osservatorio Outsider Art“ (outsiderartsicilia.it) in Italien und „FROM“ (outsiderartmagazine.blog) aus den USA.

Riesen=Schöpfung. Die Welt von Adolf Wölfli bis 15. August und Paul Klee. Ich will nichts wissen bis 29. August im Zentrum Paul Klee in Bern (zpk.org)

Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. Werke der Sammlung Kraft bis 11. Juli in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg (prinzhorn.ukl-hd.de)

Über den Wolken. Anleitungen zum Abheben bis
19. September und Jenseits aller Regeln. Das Phänomen Aussenseiterkunst bis 19. Dezember in der Kartause Ittingen bei Frauenfeld (kunstmuseum.tg.ch)

Willem van Genk - Megalopolis bis 27. Juni in der Collection de l’Art Brut in Lausanne (artbrut.ch)

Kunst der Vorzeit. Felsbilder der Frobenius-Expeditionen bis 11. Juli im Museum Rietberg in Zürich (rietberg.ch)

Martin Ebner
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