ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Le présent néocolonial du Luxembourg

d'Lëtzebuerger Land vom 29.04.2022

Das Nationale Geschichts- und Kunstmuseum am Fischmarkt widmet dem „passé colonial du Luxembourg“ eine Ausstellung. Sie zeigt, dass auch Personen und Firmen aus Luxemburg an der kolonialen Ausbeutung fremder Länder beteiligt waren. Dass heimische Kapitalbesitzer, Ingenieure, Beamte, Soldaten, Priester und Abenteurer Trittbrettfahrer bei der belgischen Unterdrückung des Kongo waren. Dass Regierungen von CSV, LSAP und DP Kolonialgeschäfte bezuschussten, dass die großherzogliche Familie kassierte. Dass das katholische Missionswesen landesweit die ideologische Rechtfertigung predigte.

Die Ausstellung ist das erste Eingeständnis des Staates, dass es eine Luxemburger Kolonialgeschichte gibt. Sie findet beim Publikum und bei der Presse rege Beachtung. Sie darf stattfinden, weil der zeitliche Abstand zur Kolonialzeit groß genug geworden ist, um nicht die Gefühle der Beteiligten und ihrer Angehörigen zu verletzen. Die Gefühle der Luxemburger Täter wohlverstanden, nicht der fernen Opfer.

Die Ausstellung beendet ihre Erzählung mit der Unabhängigkeit des Belgischen Kongo. Seither sind über 60 Jahre vergangen. Die ehemaligen Kolonien sind völkerrechtlich unabhängig. Doch sie behalten ihre untergeordnete Rolle in der internationalen Arbeitsteilung. Als Lieferanten von Rohstoffen und Agrarprodukten. Mit ökonomischer und notfalls militärischer Gewalt eignen sich die Investoren des Nordens das Mehrprodukt an. Gegen Entgelt helfen lokale Despoten. Das führt immer wieder zu Staatsstreichen, Bürgerkriegen und Fluchtbewegungen.

Hierzulande dient ein Teil der 50 000 Beteiligungsgesellschaften, 3 500 Investitionsfonds und 123 Banken der fortgesetzten Abschöpfung des Mehrprodukts ehemaliger Kolonien. Zur Erleichterung des Vorgangs hat Luxemburg Doppelbesteuerungsabkommen mit mehr als hundert Staaten ausgehandelt. Zwei Drittel sind keine Industriestaaten.

Der heimische Finanzsektor profitierte von der neoliberalen Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte. Sie führte in den Achtzigerjahren zur Schuldenkrise. Den ärmsten Ländern wurden Strukturanpassungsprogramme aufgezwungen. Sie zerstörten den Staat, das Bildungs- und das Gesundheitswesen. Im Internationalen Währungsfonds, in der Weltbank und in der Europäischen Union erkannten christlich-soziale Finanzminister ihre ökonomischen Interessen wieder.

Die restlose Abschöpfung des Mehrprodukts in den meisten Ländern verhindert die Kapitalakkumulation und den Anstieg der Masseneinkommen: Sie verhindert eine wirtschaftliche Entwicklung. Die liberalen Modernisierungsversprechen erweisen sich als Lügen. Unterentwicklung ist keine Rückständigkeit, sondern ein Geschäftsmodell. Sartre und Kwame Nkrumah sprachen von „Neokolonialismus“.

Aus der Distanz erscheint der Neokolonialismus abstrakter als der Kolonialismus. Ab und zu muss auch er militärisch gestützt werden. 1987 befürchtete die CSV/LSAP-Regierung, dass Abseitsstehen die Geschäftsinteressen schwächt. Sie kaufte sich an der Seite Iraks in den ersten Golfkrieg ein. Seither wird öfters eine Handvoll Luxemburger Soldaten symbolisch in Krisengebiete abkommandiert. Kolonialtruppen verteidigten angeblich Zivilisation und Christentum. Im Neokolonialismus sollen es Demokratie und Menschenrechte sein.

Luxemburg muss sein von Wilhelm II. versprochenes Plätzchen an der Sonne rechtfertigen. Dazu erhöht es seit den Achtzigerjahren auch die Entwicklungshilfe. Sie dient nicht der ökonomischen Entwicklung. Sie beschränkt sich auf Soziales. Im liberalen Geist der Zeit wurde sie privaten ONG überantwortet. Seit zwei Jahren untersteht sie ohne falsche Scham dem Wirtschaftsminister.

Auch der Neokolonialismus währt nicht ewig. Sechzig Jahre nach seinem Ende wird das Nationale Geschichts- und Kunstmuseum ihm eine kritische Ausstellung widmen.

Romain Hilgert
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