Die kleine Zeitzeugin

Der Mann will seine Ruhe

d'Lëtzebuerger Land du 18.06.2021

Da ist er wieder, dieser Blick, dieser Männeraugenblick, ich dachte, er sei überlebt, aus einer längst verschollenen Zeit. Als es noch verdammte Paare gab, dazu verdonnert auf immer und ewig Paar zu bleiben. Auf immer und ewig Einfleisch. Immer und ewig dieser Einfleischtopf. Als es noch eherne Ehen gab, die ausnahmslos in den Sarg führten. Keine Beziehungskisten, aus denen man dann mal ausstieg, wenn es klaustrophob wurde. Kein kompromisslerisches Gepaxe.

Dieser Märtyrerblick aus Männeraugen. Nein, eher ein toter Blick, der tote Blick eines scheinlebendigen Mannes, am Arm einer quietschlebendigen Frau durch die belebte Fußgängerzone eines Ferienreservats gezerrt. Hinter einem Eisbecher mit seiner besseren Hälfte, er mehr als halbtot. Vor den zu absolvierenden Kulturheiligtümern, vor den Hochglanzattrappen der Tourismusindustrie und den Schaufenstern, von denen er nicht weiß, warum er in sie hineinschauen soll, es kann ihn nur kosten. Zeit, Geld, Nerven. Komplimente, die immer die falschen sind. Und die, die in all dem Zeug dann stecken würde und die er ja dann bestenfalls wieder raus schälen müsste, wäre ja eh die gleiche. Warum dann das Tamtam? In dem Sinn ist er überhaupt nicht oberflächlich, es geht ihm ja wirklich um das Echte und Eine, um ihren tiefsten, innersten Wert. Vielleicht sollte er ihr das mal irgendwie vermitteln. Statt nur stur verstockt weggetreten abwesend abgemeldet vor sich hin zu starren.

Den Blick gibt es noch immer. Sogar nach der Corona-Haft, man denkt wir – zumindest kurzfristig – Entronnenen, vielleicht sind wir ja nur auf Hafturlaub, was alles noch prickelnder, intensiver macht, müssten allesamt Glückssterne in den Augen haben. Wer aber dort sitzt, wo das Leben wieder losballert, auf einer Terrasse in einer großen Stadt, kann den toten Blick immer noch sehen. Er ist immer noch nicht ausgestorben. Von einem, der sich tot oder lebendig stellt, schwer zu sagen. Ein Mitgenommener. Ein Mitgeschleppter. Ein Verschleppter. Der Stadtpläne und Taschen und Wasserflaschen schleppt, das was man so braucht. Ein ganz Brauchbarer, immerhin.

Dead man walking. Neben dem Familientrüppchen oder an der Seite der Angetrauten, die ja meist gar keine mehr ist. Nicht zu verwechseln mit dem inmitten seiner Kopftuchfrauen und der Kinderschar mit dem erhobenen Haupt des Besitzerstolzen schreitenden Pascha. Hilfe! schreit es aus manchen Augen noch, aber das Entführungsopfer kriegt höchstens eine Rechnung zugeschoben.
„Der Rhythmus, wo ich immer mit muss“, beklagt Stefan Remmler 1986 im Song Keine Sterne in Athen das Schicksal der verschleppten Männer.

Nicht mehr mitmachen, zumindest ein Anflug dieser Sehnsucht streift während der Pandemie einen Teil der Männerwelt. Ein Drittel der Männer kann sich ein Corona-Maßnahmen-Leben auf Dauer vorstellen, lese ich in der Hochphase der dritten Welle. Nicht raus ins feindliche Leben. Cocooning. Hygge. Dieses sich nicht dauernd bewähren Müssen. Nicht immer auf Draht sein, auf Zack. Im Vorstand seinen Mann stehen, auf Baugerüsten über dem Abgrund sein Leben riskieren. Dann doch lieber im Jogging-Anzug zum Mäcki pilgern, Videokonferenzen abhalten, während die Haare sprießen, wo sie wollen. Zwischendurch ein Bier kippen, das Klo auch gleich da. Alles so natürlich. So unkompliziert. Warum ist es nicht immer so? Warum ist alles so künstlich künstlich, so stressig?

Es sind natürlich nicht die einsamen Wölfe vor den Bildschirmen, die die dritte Welle mit dem dritten Weltkrieg verwechseln. Nicht die Incels, die ihre unfreiwillige Einsamkeit der Regenbogenweltverschwörung in die Schuhe schieben. Es ist der Mann, der schon ein Weib in seiner Höhle hat, nicht unbedingt am Herd, das wäre ein bisschen viel des Guten, aber doch nah und da. Wenn Not am Manne. Nicht all zuviel Gekind, FB-Freund_innen, die Anzustupsende sind und eine Noternstfallklingel für den Pizza-Service. Und bestimmt mit Klopapier, Tiefkühlpizza und Bier ad libidum, ganz wie wir es aus dem den so genannten Männern zugeschriebenen Klischeekatalog kennen. Der Atomkrieg kann kommen, alle Kriege, der Krieger ist gewappnet. Er ist nicht da. Er ist zuhause.

Michèle Thoma
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