Öffentliche Bibliotheken

Bibliothekarische Frühlingslüfte

d'Lëtzebuerger Land vom 24.04.2003

75 Jahre lang herrschte Windstille, und plötzlich, im Frühjahr 2003, erhebt sich wieder Frühlingsluft in unserer Abgeordnetenkammer: der sozialistische Abgeordnete Marc Zanussi hat einen Gesetzesvorschlag zur Förderung öffentlicher Bibliotheken angekündigt. Jacques Thilmany, der es 1928 nicht geschafft hatte, würde wahrscheinlich vor Freude in die Luft springen, wäre er nicht tot (+15.2.1967). Es bleibt zu hoffen, daß diesmal keine kräftige Wirtschaftskrise einer solchen Initiative eine jahrzehntelange Flaute beschert. Falls doch, könnte unser Militär ja einige Millionen Euro ihrer phantastischen Rüstungsfonds (d'Land, 14.03.03, S. 2-3) über die Armeebibliothek zuschießen lassen, als "Unterstützung geistiger Waffen", eines neuen Bestandteils von Friedensmissionen. Garantiert weniger tödlich. Und es gab noch mehr Interessantes vom Krautmarkt: eine parlamentarische Anfrage des Düdelinger Bürgermeisters Mars di Bartolomeo vom 9. Dezember 2002 (N°1935) über die Förderung von öffentlichen Bibliotheken an das Kulturministerium beantwortete eine die Bibliothekare seit langem plagende Frage: das Kulturministerium erklärte sich irgendwie hierfür zuständig. Das ist neu. Ansonsten warf diese Antwort jedoch eher weitere Fragen auf: die Bibliothek des Priesterseminars (130 000 Bücher) wird als "Regionalbibliothek" genauso gefördert wie die Vereinsbibliothek von Ulflingen (7 200 Bücher)? Die freiwillige Beteiligung an einem normalen Verbundkatalog, an dem bisher nur zwei von acht öffentlichen Bibliotheken teilnehmen, wird propagandamäßig als staatliche Förderungswunderwaffe verkauft? Und das Kulturministerium soll auf einmal der große Kooperationsorganisator der öffentlichen Bibliotheken sein? Man kann nur staunen. Di Bartolomeo, der verdächtigt wird, ein eher egoistisches Ziel zu verfolgen, nämlich in irgendeiner Weise durch staatliche Gelder seine Stadtbibliothek zu unterstützen, da er in seiner Gemeinde doch lieber in die Kultur des Brots und der Spiele als in die des Geistes investieren will, stellte am 26. März 2001 noch eine andere parlamentarische Anfrage (N°1053) in Beziehung auf kommunale Bibliotheken: die Klärung des Urheberrechts. Wirtschaftsminister Grethen entlastete die Bibliotheken, indem er feststellte, dass hierzulande noch kein Hahn lautstark nach einer definitiven Regelung per großherzogliches Reglement gekräht hat, und somit alles beim alten bleibt. Welcher Autor oder Verleger würde sich hierzulande durch Bibliotheken denn auch in seiner Existenz bedroht fühlen? Angesichts der unterentwickelten Bibliothekstruktur wohl auch kaum verwunderlich.

Unterentwickelt

Unterdessen fragen sich die Bibliothekare Luxemburgs, das zwar vielleicht in der Region wirtschaftlich ein Riese, jedoch kulturell ein Zwerg ist, ob sie nicht Entwicklungshilfe in Botswana beantragen sollten, bereiten ihnen doch einige Vorgänge im Großherzogtum ernsthafte Sorgen: nachdem kürzlich die europäische Konferenz über öffentliche Bibliotheken in Oeiras (Portugal) stattfand, mussten sie feststellen, dass im hiesigen nationalen Pulman-Länderbericht die unbekannten Autoren nicht einmal den Unterschied zwischen einer Nationalbibliothek und einer Gemeindebibliothek (englisch: Public Library) kennen! Um so peinlicher, als die ganze Welt im Internet Zugriff auf den Bericht hat. Soviel fachliche Inkompetenz lässt außerdem befürchten, dass sämtliche offiziellen Statistiken, die auch im Ausland veröffentlicht wurden, seit Jahren verfälscht wurden. Irgendwie scheinen schwerwiegende Definitionsprobleme vorzuliegen. Luxemburg sollte sich vielleicht langsam nach fachlicher Hilfe umsehen. Realer Hilfe, nicht virtueller! Denn das Hilfsprogramm eCulture (Abschluss der ersten. Phase für Sommer 2003 geplant) war auf jeden Fall für die untere Bibliothekslandschaft ein Flop. Kommunikationsprobleme zwischen Organisatoren und potenziellen Mitarbeitern verursachten wohl das Missverständnis: wenn sowieso schon akuter Personalmangel in den luxemburgischen Bibliotheken besteht, wozu dann plötzlich ein Web-Projekt anbieten, bei dem zwar die Gelder bereit stehen, jedoch das Bibliothekspersonal, ganz auf sich allein gestellt, die ganze Vorarbeit leisten soll? Wie wird staatliche Hilfe benötigt - darüber scheiden sich die Geister. Mit gelegentlichen barmherzigen Einmalzahlungen, je nach Jahreszeit, wird jedenfalls nicht viel erreicht. Aber nicht verzagen: als Beratungsinstanz besitzt Luxemburg schließlich noch den nationalen Buchrat, einen Conseil national du Livre, der jedoch so heterogen zusammengesetzt ist, dass außer gar nicht lustigen Streitigkeiten dieses Organ nicht als besonders wirksam angesehen werden kann. Die parlamentarische Anfrage vom 5. Mai 2000 (N°525) von Mars di Bartolomeo über diesen Buchrat, brachte außer der Einrichtung von kleinen Nationalbibliotheken im Ausland und, dank effizienter Lobby-Arbeit des Lëtzebuerger Schrëftstellerverbandes (LSV), einer sehr bereichernden finanziellen Bezuschussung luxemburgischer Autoren, keine neuen zusätzlichen Elemente für dessen Existenzberechtigung. Ein Buchrat bleibt eben nur ein Rat - ist eine Auflösung wegen chaotischer Zustände vielleicht bereits programmiert? Kultur- und bildungspolitische Desaster scheinen hierzulande weiterhin eine Zukunft zu haben. Spätestens seit den Resultaten der internationalen Pisa-Studie - die jeder anscheinend schon immer kannte, aber keiner hören wollte - im Dezember 2001, die u.a. feststellten, dass die luxemburgischen Kinder kaum mehr lesen, wird versucht, die katastrophalen Ergebnisse dieser Studie von verschiedenen Seiten bereits zu relativieren. Diese von der OECD seriös durchgeführte Studie und festgestellte Apokalypse der Leseunfähigkeit, einmalig in der luxemburgischen Geschichte, werden bestimmt der augenblicklichen Regierung bis zu den nächsten Wahlen noch mehrmals leicht aufgewärmt serviert.

 

Pisa-Altlasten und Klassenbibliotheken

 

Um zur politischen Aufrüstung aller Parteiprogramme, die sich der Pisa-Resultate bedienen wollen, ein Scherflein beizusteuern: Es existieren seit den 1980-er Jahren (z.B. Renate Köcher: Familie und Lesen - Untersuchung von Mai-August 1988 in der BRD) Studien über den Einflussß des Elternhauses auf das Leseverhalten der Kinder. Kurz zusammengefasst: der Einfluss ist gewaltig! Jetzt stellt sich die Frage: Wenn Eltern die Kinder prägen, wo nehmen in Luxemburg bloß die Eltern ihre allgemeine Literatur her? In den acht öffentlichen Bibliotheken? Lachhaft, dennoch ein Fakt! Denn ein staatlicher Bücherbus, der im Durchschnitt nur drei Prozent der kommunalen Bevölkerung erreicht, während eine Standbibliothek mindestens 17 Prozent erzielt, hält heute keiner wissenschaftlichen Analyse mehr stand. Aber Luxemburg setzt weiterhin auf Fahrbibliotheken - es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass unser Land mit 20 Jahren Verspätung auf Entwicklungen in irgendeinem Bereich reagieren würde. Immerhin besitzt das Großherzogtum aber noch zwei Bibliotheksgesetze zur verpflichtenden Einrichtung von Bibliotheken: für Grundschulbibliotheken das Gesetz vom 10. August 1912 (Art.99: "Jede Gemeinde muss eine Schulbibliothek besitzen...") und für Strafgefangene (Großherzogliches Reglement vom 24. März 1989, Art. 277 [&] Art. 321-325). Eins ist sicher: es ist heutzutage vorteilhafter, Strafgefangener als Schüler in Luxemburg zu sein! Solche fortschrittlich konzipierten Gesetzesartikel zur Bildung von Gefangenen durch Bibliotheken sind europaweit selten. Was nun die Grundschulbibliotheken angeht, so sind diese z.B. im Arbeitspapier Avantprojet de loi concernant l'organisation de l'éducation préscolaire et de l'enseignement primaire vom 16. September 2002 mit keinem Wort mehr erwähnt. Dabei sollten diesen kleinen Klassenbibliotheken, u.a. mit Unterstützung des etwas verstaubten großherzoglichen Reglements vom 11. April 1918, doch eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der luxemburgischen Sprache zuteil werden (Vortragsreihe Quo vadis Lëtzebuergesch, Rambrouch, 8. März 2003). Dieser, vor dem Horizont der Pisa-Studie um so wichtigeren, sich im Projektstadium befindenden Bestimmung, könnte, nach Aussage der Redner, doch noch mehr bildungspolitische Bedeutung beigemessen werden. Wollen wir es hoffen! Berücksichtigt werden muss nur: Nicht die Volkserziehung, sondern die Volksbildung ist die oberste Aufgabe jeder Bibliothek. Dies gilt auch für Schulbibliotheken. Ein größerer Typ von Schulbibliothek wird aber demnächst das Schicksal der luxemburgischen Universität teilen: die Universitätsbibliothek(en).

 

Bibliothekslose Universität(en)?

 

In welcher Menge unser Land sie benötigen wird, weiß es anscheinend. Wieviele Universitätsbibliotheken es errichten will, weiß es dagegen noch nicht. Nur ist beides zeitgleich notwendig. Die jetzige Universitätsbibliothek im Centre universitaire ist ja bereits berüchtigt wegen ihrer geschlossenen Türen während der Prüfungszeiten. Wegen Personalmangels darf dort nämlich nicht mehr als eine Person krank werden, sonst droht die sofortige Schließung. Nach dem Ärger und Fernsehauftritten der Studenten dürfen diese jetzt selbst als Hilfskräfte einspringen. Allerdings wäre dann nur noch ein kleines Problem zu lösen: Bücher und Zeitschriften - ob real oder virtuell - verarbeiten sich nicht von selbst! Eine absolut neue, fortschrittliche Erkenntnis! In der Nationalbibliothek durfte dies sogar eine ausländische Firma herausfinden: die Aubry [&] Guiguet-Studie, errechnete, dass die Nationalbibliothek (Bnl spöttisch aufgelöst: "Bleift nëmme leien") mindestens dreimal soviel qualifiziertes Personal benötigt wie im jetzigen Zustand. Das Gleiche gilt auch für die zukünftige(n) Universitätsbibliothek(en). Die Personalmenge, die Räumlichkeiten, ... die Budgets überhaupt werden eine einzige Universitätsbibliotheksoption um ein Vielfaches übersteigen. Hat man etwa aus der Splittingdebatte der Nationalbibliothek überhaupt nichts hinzuzugelernt? Also, wenn das nicht traurig ist, dann weiß der Autor wirklich nicht, was traurig ist. Und wird/werden die Universitätsbibliothek(en) Luxemburgs vielleicht nur aus zwei Computern bestehen? Diese Anzahl entspricht nämlich den Studenten, die an einer Universität ohne Wissensgrundlagen überhaupt noch verweilen wollen. An eine jahrzehntelange Vorbereitungs- und Aufbauphase denkt keiner. Und die Universitätsbibliotheken in Trier und Metz, welche jetzt schon von frustrierten luxemburgischen Studenten massiv in Anspruch genommen werden, werden es sich gut überlegen, ob sie weiterhin als wissenschaftliche Ressourcenlager von einem Land missbraucht werden wollen, welches zwar wirtschaftlich reich, aber offensichtlich ganz gerne arm an Bibliotheken ist. Neben allen historisch veranlagten Fächern - und das sind viele -, wird wohl besonders das Hauptfach Geschichte nicht mehr auf den Lehrplänen auftauchen. Dazu benötigen Professoren und Studenten nämlich leider Quellen auf Papier und Pergament, eben Originale aus dem nicht-virtuellen Bereich. So ein Pech aber auch! Dabei könnten diese historischen Schätze aus Papier für kommende Kriegszeiten sehr wertvoll sein: Im Januar 1814 (Clasen, 1846, S. IX-X) zierten in der Vorgängerinstitution unserer heutigen Nationalbibliothek die prächtigen Folio-Bände in flach ausgelegter Weise die Speicherböden, um sich gegen die Geschosse Napoleon-feindlicher Truppen zu schützen. Wenn das die Iraker wüssten ... Die Bücher - diese Lagerung bekam ihnen gar nicht - waren leider abwechselnd vielen nassen und trockenen heißen Lüften ausgesetzt und wurden arg beschädigt, womit von einer Nachahmung nur abzuraten ist, auch wenn Platzmangel oft nicht viele andere Optionen übrig läßt. Bis zum Umzug der gegenwärtigen gesamten Nationalbibliothek auf Kirchberg werden aber noch mindestens sieben Jahre (!) vergehen. Bis dahin sorgt der Durchzug durch die undichten Fenster (siehe thermographische Greenpeaceanalyse vor drei Jahren) dafür, dass die Verwesungsgerüche unseres nationalen Kulturgutes die städtische Luft nicht zu sehr verunreinigen und sogar Frischluft den Staub etwas aufwirbelt. Würde aber jemand auf die Idee kommen, alle Fenster groß zu öffnen, so könnten die Frühlingswinde die nationale Literatur in ganz bequemer Art und Weise zu den Bürgern dieses stolzen kulturunbewußten Landes direkt nach Hause in die gute Stube bringen: nämlich als fliegende Papierfetzen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ehemalige Wahlprogramme inklusive.

 

 

 

Jean-Marie Reding
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