Die kleine Zeitzeugin

Das Ende des Urvertrauens

d'Lëtzebuerger Land du 23.07.2021

Algen aus dem Haar schütteln, oder sonst was, langsam Kopf aus dem Giftschlamm, langsam aus dem Moder, dem Morast. Krabbeln, Krabbeln, Gänsefüßchen um Gänsefüßchen, Mutter, darf ich? Sind wir noch da? Ich noch da? Oder ist es das Drüben, der Anderort, der Zwischenort zwischen Braun und Grau, zwischen Grausen und Brausen. Zwischen Fisch und Fleisch. Gespenstisch, sagt Angelika Merkel, sonst poetisch zurückhaltend.

Ein völlig aufgelöster Mensch auf einer Scholle aus Beton. Sind wir noch alle da? Hat er sie noch alle? Die Autos schwimmen im Meer, überall ist Meer, nicht das, das er buchte. Am Anfang war das Wasser, alles fängt wieder an. Er ist wieder am Anfang. Er ist am Ende, in den Stiefeln quietscht das Wasser. Er trieft.

Auf Marktplätzen liegen Wracks, aus der Unterwasserwelt der U-Bahnschächte gurgelt es. Strandgut, eben war es noch immobiles Mobiliar, schießt vorbei, in Bäumen nisten Autos. Nichts passt zu nichts, irre Installationen globaler Kunstschaffender in einem endgültig abgesoffenen Venedig, letzte Spuren, arte absurdo.

Politiker*innen stiefeln betroffen zwischen den Betroffenen. Durch eine dann erstaunlich, wie im Wimmelbilderbuch, wiederbelebte Landschaft. Es werde Mensch! Es werde Strom! Das Handynetz schon wieder gespannt, die Lage entspannt sich. Heinzelfrauchen schieben und schleppen und es wird kräftig angepackt, dass die Rührung die packt die plötzlich in einem Aquarium wohnen.

Die Politiker*innen, die da jetzt durchmüssen, müssen richtig schauen. Sie kämpfen nicht gegen Elemente, sondern um Wähler*innen. Schon vom Schauen schauen sie abgekämpft aus. Xavier Bettel schaut gerade richtig, über seiner Piratenmaske, er wirkt sehr standfest. Zwar weint er nicht mehr so inbrünstig wie vor drei Jahren, aber er ist immer noch ein begnadeter Tröster der Betrübten. In Luxemburg ist es ja auch kein Menschenkörper vermisst, aber wie viele Menschenseelen verstört, zerstört? Die, die eine lebenslängliche Todesangst befallen hat, die, die ihr Heim verlassen, eine stinkende Fischsuppe hat Einzug gehalten.

In Deutschland lacht einer, was nicht in die Regie passt. Während Bundespräsident Frank Walter Steinmeier sich redlich bemüht, seine Betroffenheit aus sich zu pressen. Mitten im Satz schläft er zwar ein, wir auch. Angela Merkel steht im Wet Look, mit an den Kopf geklebten Haaren jenseits des Großen Teiches und sagt auch was, auch sie schläft dabei ein. Einer schüttet sich wiederum koboldig vor Lachen aus, während der grabsteinerne Bundespräsident sich abrackert. Das kommt nicht gut beim Wahlvolk an, schon kommt die Gegenoffensive mit einem Gegenlacher des Frank Walter Grabsteinmeier. Ein bisschen lachen wird Mann doch wohl noch dürfen. In so schweren Zeiten.

Weil es eben so schrecklich ist. In Deutschland. Ja, in Deutschland. Gibt es denn das? Wie ist es möglich, dass in Deutschland?! Die anderen Weltteile, ja, sowieso, da ist es eben so, war doch schon immer so, für Katastrophen und plötzliches Totsein sind die zuständig. Weil sie eben so katastrophal sind. So klimakatastrophal. Und dass es in Belgien zu Verheerendem kommt, nicht überraschend, nicht wirklich. Unsere sympathisch nicht optimierbaren Nachbar*innen. Aber Deutschland. Ausgerechnet Deutschland. Zuerst dieser gemütliche, gemütlichste Teil. Wo sie ein bisschen wie wir sind, behäbig. Nett. Da sterben Menschen, weil es regnet! Das ist doch nicht Bangladesch! Das ist doch keine Insel in der Karibik, die Bittbriefe an die Welt richtet und um Asyl ansuchen muss! Alles ist da klein und überschaubar, so geordnet, gutmütig. Malerisch. Da will man sich niederlassen, alt werden. Und dann das große Bundesland, mit den hässlichen drei Großbuchstaben. Industrieland war das mal. Großindustrie. Mächtig. Sie haben kein Handynetz mehr. Autos schwimmen vorbei wie Schlauchboote. Braune Brühe dümpelt auf Autobahnen. Irgendwo liegen Tote, in Wracks. Überkrustet vom Schlamm.

Wenn das möglich ist in Deutschland. Dass so etwas kommt. So über Nacht. Dass so etwas über die Deutschen kommt, im Schlaf. Wenn das den Deutschen passiert. Ja dann. Dann ist nichts mehr unmöglich. Dann ist alles möglich.

Michèle Thoma
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