Die kleine Zeitzeugin

Sonne, Mond und Gendersternchen

d'Lëtzebuerger Land vom 30.07.2021

Die Lufthansa schafft die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ ab, um eventuelle Nicht-Damen und Nicht-Herren nicht zu diskriminieren. Schade, bin ich doch so gern so eine Dame. Oder wäre zumindest gern eine.

Jetzt wird es weniger exklusiv, dafür inklusiver, in der Luft und auch auf Erden. Ein guter Abend oder ein guter Tag, so einen will wohl jedes, niemand wird sich daran stören, niemand wird verstört sein. Liebe Gäste ist auch allgemein kompatibel. Von Lieben Gästinnen ist nicht die Rede, riecht wohl zu sehr nach altbackenem Feminismus, nach damals, als wir die Mondin anheulten.

Es wird jetzt herausfordernd. Vor uns hin brabbeln mit der herkömmlichen Sprachausrüstung, je nach Lust und Laune gewürzt mit großen Is, Schräg- oder Unterstrichen ist ungenügend. Die Sprachrüstung wird perfektioniert, allerhand Neues wird montiert, anderes zum alten Eisen geworfen. Dahin wo schon der Alte Graubeige Mann aussortiert wurde. Der gerade aber wieder entrüstet aufrüstet.

Aber auch ich Alte Graubeige Frau komme zunehmend an meine Sprachgrenze. Bin oft gar verwirrt, muss ich in Gender-Seminaren nachsitzen, wie war das jetzt bitte? Ist Bio-Weib gleichzusetzen mit Cis-Weib? Cis sicher besser, Bio beim Menschen schließlich out. Niemand spricht mehr poetisch von einer reifen Dame, leider, jetzt ist sie gar doppelt out, oder einer welken Haut, leider, das heißt jetzt profan anspruchsvoll. Würde ich einen blühenden Jüngling besingen, wäre ich eine alte Sexistin, die auch vor Biologischem nicht zurückschreckt.

Welches Strichlein jetzt wo? Sternlein oder Doppelpunkt? Selbst Alphabetinnen stehen vor dem Gender- Alphabet wie die Kuh vor dem Berg, so viele neue Buchstaben! Statt LGBT LGBTQI, jetzt aktuell LGBTQIA+, die Aromantischen sind jetzt auch dabei, von denen gibt es wahrlich genug. All diese neuen Wortschöpfungen, neugeborene Schöpfungen gar. Die Non-Binären, die Genderfluiden, die FLINTS und TERFS, für Fortgeschrittene auch schon SWERFS. Und mittendrin eine junge Feministin, vermutlich eine Cis-Frau, eine Ärztin, die sich Arzt nennt. Das in-Anhängsel empfindet sie als unfeministisch.

Wie viele Geschlechter gerade im Angebot? Aber keine Panik, mindestens zwei trägt jedes von uns sowieso in sich, männliche und weibliche Anteile hieß das früher. Und wahrscheinlich werden Frauen nicht primär als menstruierende Personen bezeichnet werden, wäre doch etwas umständlich. Und wie hieße dann Altweib? Bzw. alternativ als Personen mit Gebärmüttern. Aber solche gibt es ja auch unter den Transmännern. Gebärväter. Wobei Vater wiederum so archaisch klingt.

Das N-Wort ist schon lange aus eindeutigen Gründen zu Recht NoGo. Dass sie es aussprach, um es zu brandmarken, reicht um Annalena Bär_in*ziege zu brandmarken. Der Hinweis auf Rassismus als Rassismus interpretiert. So wird Sprache, ein weites Feld, zum Minenfeld. In dem sich leicht jemand verstolpert, schon geht sie hoch, die und die reiben sich die Hände. Schwarzer Mensch wird lieber als POC bezeichnet, wie lang wird es dauern, bis einem Kind auf Schulhöfen POC nachgeschrien wird? Der Begriff Schwarzfahren wird zunehmend durch Fahren ohne gültiges Ticket ersetzt. Ist die Diskriminierung von Farben die adäquate Antwort auf Diskriminierung von Menschen?

Um niemanden zu diskriminieren, wimmelt es plötzlich von unpersönlichen Personen. Und von Menschen. Die jüdischen Menschen, die Schwarzen Menschen, die Menschen mit Behinderung und Hintergrund bzw. mit Geschichte. Bei Luxemburger*innen oder US-Staatsbürger*innen oder Engländer*innen hingegen wird ihr Menschsein nicht so bemüht betont.

Nein, ich bin nicht gegen einen Identitätsdiskurs. Jedes von uns soll seine Menschenmöglichkeiten kennen lernen, auskosten. Jedes soll aufzeigen können, sich zeigen können, Hier! sagen, Hier bin ich! So bin ich!

Aber irgendwann, hoffe ich, ist das durch. Jedes war das Eine, das Andere, das Eine und alles Andere. Jedes bekam Sternchen. Fünf mindestens. Sonne und Mond dazu. Dass wir dann einfach wieder Menschen sind. So selbstverständliche. Und wir uns nicht andauernd Menschen nennen müssen. Als müssten wir uns davon überzeugen.

Michèle Thoma
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