Kleine Zeitzeugin

Urmonsters Tag

d'Lëtzebuerger Land du 17.06.2022

Es gibt so ein altmodisches Wesen, es heißt Mutter. Es passt überhaupt nicht mehr in unsere Zeit. Es produziert auch Altmodisches, Wesen, die auch überhaupt nicht gebraucht werden. Solche, die emittieren, das Falsche falsch am falschen Ort anbauen, über Abbauen hat sich noch niemand Gedanken gemacht, sich auch noch vermehren bzw. die Flüsse in Anti-Baby-Cocktails verwandeln. Solche, die fliegen und solche die andere bekriegen, sie wollen leider immer mehr kriegen.

Was es tut, passt schon gar nicht in unsere Zeit. Befruchtet werden. Die Frucht seines Leibes austragen. Dann dieses Brüten. Dieses endlose Brüten. Vollkommen irrational. Produktion mühsam und zeitintensiv, wer kann in ein Produkt noch so viel Zeit investieren? Wobei man nicht mal weiß, was dabei rauskommt. Dennoch haben manche Frauen das Gefühl, dass sie jetzt endlich etwas machen, wo etwas dabei herauskommt, sie fühlen sich gar erfüllt. Sich als eine solche Erfüllte zu outen, sich gar zur Kuhseligkeit der Schwangeren zu bekennen, so ein Muhtterschaftsstatement käme heute wohl als unpassend tierisch rüber. Und obschon die Diskriminierung von Tieren endlich behoben werden soll, gerade will aus diesem Grund die WHO die Affenpocken umbenennen, will Menschenkind immer weniger mit dem gemeinen Tier gemein haben.

Dann das Gebären, wie bäh das schon klingt! Archaisch. Monströs. Urmonströs. Männer fielen in Ohnmacht, früher, sie kamen von Kreuzzügen und aus einem Gemetzel, aber diesen Ur-Kampf ersparte man ihnen. Als wäre Weib nicht sowieso unheimlich genug, dieses schwarze Loch das sie verschluckte, dann Schleimiges heraus spuckte, das auch noch schrie!

Der zunehmend beliebte Kaiserinnenschnitt hilft wenigstens, diese Natur-Diktatur etwas zu mildern. Dass man was planen kann, die Ärzteschaft zumindest das Wochenende.

Andererseits wiederum ist diese Prozedur möglicherweise total rational, was ist denn rationaler als Mutter Erde? Es geschieht alles von selber. Kein großer Aufwand, kein Werbeetat notwendig, keine Kampagnen, ein bisschen Kindergeld und nicht allzu viele Katastrophen. Halt! Ganz so einfach dann auch nicht mehr. „Spermageddon“, titelt der österreichische Standard, in den letzten fünfzig Jahren hat die Qualität der Spermien um schluck! die Hälfte abgenommen. Es ist nicht mehr immer die Frau! Wegen der Frau. Wegen der unfruchtbaren Frau. Oder doch? Pampers sind eine der Ursachen von Spermageddon …. Und wer bitte verpasst Windelkind in den allermeisten Fällen die Pampers? Na also.

Fruchtbaren bzw. unfruchtbaren Frauen begegnet man in den deutschsprachigen Medien übrigens kaum noch, ebenfalls zu biologistisch. Ausnahme: die unbekümmert drauf los formulierende Schweizer Presse, in der Weltwoche wird in einem Artikel über Migration in der Schweiz auf die fruchtbaren Eritreerinnen und die Folgen für Happyland hin gewiesen.

Ist das Gebären erledigt, kommt weiteres Tun, das nicht unbedingt als zielorientiert gilt. Die Brutpflege. Das Säugen, je nach Epoche verpönt oder gehypt, die einen fühlen sich bald ausgesaugt, ein paar wenige stellen Open-End-Weltrekorde auf. Bzw. widmen sich tiefnächtlichem Sterilisieren von Fläschchen, Tipps werden ausgetauscht mit Freudengenossinnen über Stillhütchen, Babykost ohne Schadstoffe, während draußen der Verkehr vorbei rauscht. Es wird vorwiegend mit Freudens-
genossinnen kommuniziert, alle andern sind plötzlich vom Erdboden verschwunden, in einer anderen Dimension, im Urlaub, bei der Arbeit, also einer richtigen, mit Geld, in der Welt. So weit Brut das natürlich zulässt. Hallo! Gespräch bricht ab. Sprössling hat gerade gerülpst, erbrochen, Kaka gemacht, ist beinahe, Schutzengel gedankt nur beinahe, runtergefallen, Gespräche über die Lage in der Ukraine oder die Bachmann-Preis- Kandidat*innen sind gerade etwas schwierig.

Zuerst brüten, dann hüten, Care Arbeit heißt das jetzt. Eine behütete Kindheit oder neurotische Symbiose? Ist sie Helikopter-Mutter oder Karrieristin? Glucke oder Rabenmutter? Alleinerziehend, oder immer noch nicht getrennt? Muss Nachwuchs gnadenlos getrimmt zum Ballett, Reiten, Chinesisch Pinseln oder wohlstandsverwahrlost er vor den neuesten Tablets vor sich hin? Und schreibt sie dann vielleicht noch ein Buch, das Regretting Motherhood heißt, und kriegt weltweit Likes?

Egal. Sie wird schuld sein. Weil sie ja war da. Weil sie war ja nicht da. Sie ist der Ursprung des ganzen Chaos. Weil sie eingestiegen ist in das Riesenrad des Lebens, in diese Karma-Maschine. Sie ist die beliebteste Sünden-Ziege, die Mutter, die Mutter, röchelt es auf der Analyse-Couch. Je länger sie tot ist und je länger Nachwuchs lebendig, fallen die Urteile allerdings milder aus. Je toter, desto geliebter.

Und überhaupt, wer ist dieses mythische Ungeheuer überhaupt, das die Dichter beflügelte, von Religionsstiftern und Diktatoren vereinnahmt wurde, vom Patriarchat das es brutal zähmte, es ans Mutterkreuz schlug und ihm das goldene Mutterherz verpasste? Selten Medea, Meist der Trösterin der Betrübten? So ein ungeheuer Liebendes, das mit Care Arbeit beschäftigt ist, kann man leicht gratis unterdrücken, gar nicht schwer.

Wer ist also so eine Mutter? Abgesehen von der leicht definierbaren Kurzform der Schraubenmutter? Mütter sind eben die mit Gebärmüttern, basta, klingt leicht, nach der komplizierten Debatte wer eine Frau* ist, ob beim Frau*sein nur die zugelassen sind die über die herkömmlichen Körperbestandteile verfügen. Falls Elternteil über eine solche verfügt, auch wenn er schon lang als Trans-Mann als Vater fungiert, gilt er ebenfalls in den meisten europäischen Ländern derzeit noch rechtlich als Mutter.

Von der Ektogenese, der Zeugung und Reifung der Embryos in künstlichen Gebärmüttern, träumten schon die Feministinnen der Siebzigerjahre, es war nicht die Fraktion, die den Mond anheulte und dem Monatsblut huldigte. Dieser Bio- Beutel, wie er euphemistisch zeitgeistig heißt, ist heute schon zaghaft im Einsatz. Wer dann aber dann, wenn die Produktion anläuft, später für das Gezeugte und Erzeugte zuständig sein wird? Welche Eltern-Teile, welche Bevölkerungsteile, Aldous Huxley gab ja schon mal Tipps?

Vielleicht wird dann alles nice und easy werden, wohltemperierter Neoliberalismus, ohne all das Archaische, Blut, Schweiß, Ur-Schmerz, Schleim, Schuld, Reue. Ohne Glücksüberschwemmung und tierische Liebe.

Kann so ein steriler Bio-Beutel es aber mit einem zünftigen Urmonster aufnehmen? Das schuld an allem ist. An uns allen, uns Urmonstern.

Michèle Thoma
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