DIe Kleine Zeitzeugin

Sozial distanziert

d'Lëtzebuerger Land vom 16.10.2020

Es gab eine Zeit, wie fern ist sie, da nahmen sogar luxemburgische Auto-chthone den Begriff Öffentlicher Verkehr in den Mund, ohne dass sie gleich von einem Würgereflex heimgesucht wurden. Zwar nur vorsichtig, aber immerhin. Das war anno Greta. Jetzt, anno Corona, ist der öffentliche Verkehr wieder das, was er immer war und vermutlich sogar ist. So öffentlich. So mit Menschen. Vielen. Meist zu vielen. Solche, die man sich nicht ausgesucht hat. Solche, mit denen man eigentlich gar nicht verkehren möchte. Nicht mal öffentlich. Der Geruch. Die Aura. Die Ausdünstungen.

Jetzt, wo es dauernd darum geht, wer wieviel wo ausdünstet und wer wo wen andünstet und in welcher Dosis, verliert der öffentliche Verkehr sein Flair. Niemand will mehr in dieses Flair. Freiwillig. Wenn man nicht muss. Der öffentliche Verkehr ist nur noch für die, die müssen. Die Notdürftigen.

Wie gern, Uff!, verkriecht sich Mensch jetzt wieder in einer rollenden Festung, in der er sich die Umwelt untertan macht. Wie gern nimmt er wieder das Steuer in die Hand und steuert sein Schicksal selber wieder irgendwohin, am liebsten ohne zu viele andere. Es gibt wirklich viele von denen. Sehr viele. Um es gelinde auszudrücken. Was habe ich von der Klimakatastrophe, wenn ich sie nicht mal mehr erlebe? Und wenn wir alle im Stau stecken, werden wir zumindest nicht gleich verrecken.

Sozial distanziert ist ja eigentlich gar nicht so schwer: Wenn ich in meinen Family Van steige, an Bord die Unvermeidbaren, und ihn an ein Gestade steuere, dort steigen wir aus und um, in eine Yacht, die uns schon anlacht. Und dann ab in den Horizont, sag mir, wo ist das Risiko? Oder in das Haus aus Naturstein, malerisch an die malerische Küste geschmiegt, wir frühstücken mit den Delfinen, dort haben wir alles, dort brauchen wir nichts, wo ist das Risiko? Jetzt sind die Leute gerade auch überall so freundlich, sie leisten Dienste, ohne einen anzudünsten. Jetzt ist man so schön abgeschirmt. Gehörte Distanz nicht eigentlich immer schon zum Repertoire des guten Benehmens? Was man zwar nicht mehr sagt, leider. Abstand war doch immer ein Zeichen von Anstand.

Hat sich leider noch nicht herumgesprochen. Ein Wahnsinn, was sich sonstwo so abspielt. Man müsse strenger durchgreifen. Bei den Jungen sowieso, wobei, unsere Kids zum Beispiel passen schon auf, mal ein kleines Fest bei uns im Garten mit ein paar auserwählten Freunden, Selektion eben, bisschen Tennisplatz, so was. Ansonsten sind ja ganze Gegenden nicht mehr regierbar. In den Armenvierteln – darf man neuerdings wieder sagen, Abgehängtenvierteln klingt doch sehr umständlich – läuft ja alles aus dem Ruder. Was soll man machen, es ist natürlich verpönt, und gleich wird wieder auf den Straßen rumgepöbelt, aber die einzulocken ist eigentlich pure Notwehr. Viren-Bombe in Madrider Armenvierteln!, hieß es gleich in mehreren Zeitungen – sollen wir alle mit hochgehen? Die legen ein Risikoverhalten an den Tag, die steigen in volle Busse, die hausen in vollen Behausungen, die drängen sich auf vollen Märkten, überall wo sie sind, sind alle. Massenmenschen in Menschenmassen. In Favelas gibt es nicht ja mal Trinkwasser. Auch in Europa gibt es unhygienische Gebiete, in den Pflegeheimen liegen die in vollen Zimmern, in den Schulen hocken die in vollen Klassen. Wahrscheinlich lüften die nicht mal ordentlich. Und in die Ellenbogenbeuge husten die bestimmt auch nicht. Und dann feiern sie auch noch Hochzeiten!

Am Anfang hatte das Virus ja eher Niveau. Es war im Hochadel und in der Politik unterwegs und bei den Neureichen, bei den Stars und Champions, bei den Sieger/innen. Dann bekamen es die Zofe und der Leibschüsselhalter und der Schlachter und die Putzfrau, es wurde immer ärmer und hässlicher. Es stieg aus den Palästen und den medizinisch hochgerüsteten Suiten herab in die Niederungen, in die Erdgeschosswohnungen. Dorthin, wo immer schon viel gehustet wurde. Dort, wo die einfachen Menschen wohnen. Die die einfachen Arbeiten verrichten, also die schweren natürlich.

Die einfach wegsperren geht natürlich nicht, leider. Weil ohne die geht es leider nicht, die Roboter/innen sind ja immer noch nicht da.

Michèle Thoma
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