Neben der Verfolgung von Bettlerinnen, Obdachlosen arbeitet die CSV/DP- Regierung an einem „plan d’action national pour la prévention et la lutte contre la pauvreté“ (Koalitionsabkommen, S. 82). Am Freitag kündigte Premier Luc Frieden über Radio 100,7 an: „Mir wäerten deen Armuttsplang an deenen nächste Wochen unhuelen.“
Zwei Tage zuvor veröffentlichte das Statec seinen Rapport Travail et Cohésion sociale. Aus seiner SILC-Umfrage und den Angaben der IGSS errechnete es für 2024: „Le seuil de risque de pauvreté, défini comme 60% du niveau de vie médian, atteindrait ainsi 2 626 EUR par mois et par adulte. À titre de comparaison, au 1er janvier 2024 : Le salaire minimum social (SMM) s’élevait à 2 571 EUR ; La pension minimum personnelle pour une personne seule à 2 244 EUR ; Et le revenu d’inclusion sociale (REVIS) pour une première personne adulte à 1 802 EUR“ (S. 63).
Laut amtlichen Statistiken leben Mindestlohnbezieher, Mindestrentnerinnen, Revis-Berechtigte unterhalb der Armutsgrenze. Das soll so bleiben. Deshalb bemüht sich Arbeitsminister Georges Mischo, die Mindestlohnrichtlinie der Europäischen Union zu umgehen. Verhindert Sozialministerin Martine Deprez eine Erhöhung der Mindestrente.
Arme haben Einkommen zwischen null und 2 626 Euro. Die Armutsgrenze „correspondrait à 121 760 personnes vivant en dessous de ce seuil, contre 119 050 en 2023“ (S. 64). Das sind so viele Arme, wie CSV, DP, LSAP zusammen Wähler haben. Bessergestellte glauben, dass Arme am Rand der Gesellschaft leben. Es ist nur der Rand ihrer Gesellschaft. So machen sie aus einem ökonomischen ein Wohlfahrtsproblem. Dann kommt ein „Aarmuttsplang“ ohne „Räichtumsplang“ aus.
Unternehmer wollen keinen höheren Mindestlohn zahlen. Deshalb behaupten sie, eine Armutsgrenze von 60 Prozent des Medianeinkommens sei zu hoch gegriffen. Weil das Medianeinkommen hierzulande hoch sei. Die EU-Definition beschreibt Armut nicht als absolute Größe, sondern als gesellschaftliche Variable. So spiegelt sie die Luxemburger Gesellschaft wider.
Der Bericht hält fest: „Sur cette base, le taux de pauvreté monétaire atteint 18.1% de la population en 2024, en recul de 0.7 point de pourcentage par rapport à l’année 2023. Sur le long terme, la tendance reste orientée à la hausse, avec une progression de 7 points de % entre 1996 et 2024“ (S. 32). Manche Haushalte haben Schwierigkeiten, über die Runden zu kommen. Ihre Quote „est passée de 22 à 23% entre 2023 et 2024“ (S. 52).
Der Bericht lässt Grenzpendler außer Acht. Sie stellen die Hälfte der Erwerbstätigen dar. Auch als Working Poor. Der Bericht sorgt andernorts für Klarheit. Der Verdrehung von Ursache und Wirkung „multidimensionaler“ Armut hält er entgegen: Materielle und soziale Entbehrung, ungenügende Lohnarbeit „restent relativement marginales“. Armut „repose principalement sur le risque de pauvreté monétaire“ (S. 49). Arme sind Menschen, die nicht genug Geld haben.
Eine Klassengesellschaft braucht besitzlose Klassen, Arme. Damit es Reiche gibt. In Armut leben „les ouvriers et professions non qualifiées [...] dans une proportion quarante fois plus fréquente que les professions intellectuelles supérieures“ (S. 43). Der Anteil der Armen unter den „Ouvriers et professions qualifiées“ liegt bei 43 Prozent; „Ouvriers et professions non qualifiées“: 28,9 Prozent; „Professions intermédiaires“: 13,9 Prozent; „Artisans, commerçants“: 8,4 Prozent; „Professions intellectuelles supérieures“: 3,8 Prozent; „Chefs d’entreprise, directeurs administratifs ou commerciaux“: 3,2 Prozent (S. 43). Auf einen Vergleich mit Vermögen, Kapitalbesitz verzichtet das Statec.
Armut ist erblich. „Le niveau de la pauvreté infantile reste néanmoins élevé et touche plus de 20% de la population au Luxembourg.“ Stellt das Statec fest (S. 36). „Les séniors (65 ans et plus) sont les moins exposés, avec un taux de 10.1%“ (S. 51). Zehn Prozent Altersarmut scheinen nicht zu reichen. Eine Rentenreform soll das ändern.