ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Die ganze Welt gebaut

d'Lëtzebuerger Land du 01.07.2022

Nach dem Bankenkrach 2008 begruben CSV und LSAP das Versprechen auf sozialen Fortschritt. Das Glück winke auch ohne Geld, trösteten sie. Den wissenschaftlichen Beweis wollten sie nachliefern. Premier Jean-Claude Juncker versprach am 29. Juli 2009 dem Parlament „ee PIB du bien-être“. Vielleicht sollte der altmodische Lohnindex einmal einem kostenlosen Wohlfühlindex weichen.

Soeben veröffentlichte das Statec einen Rapport PIBien-être. Das statistische Amt errechnete, dass „la dimension ‚revenu‘ joue encore un rôle central dans la détermination du bien-être subjectif des résidents“ (S. 6). „[L]’insatisfaction dépend clairement du revenu du ménage et la faible satisfaction dans la vie baisse à mesure que le revenu augmente“ (S. 11). Geld macht nicht glücklich. Aber ohne bleibt man in einer Warengesellschaft unglücklich. Nach 13 Jahren beißt der Hund sich in den Schwanz. Die Leute spielen nicht mit. Manche Studienrätinnen und Rechtsanwälte können dem Postmaterialismus etwas abgewinnen. Kassiererinnen, Lastwagenfahrer, Kellnerinnen und Maurer müssen das Geld für die Miete zusammenkratzen.

Zeitgleich mit dem Statec-Bericht veröffentlichte das Observatoire des inégalités in Tours einen Rapport sur les riches en France. Der Bericht bestimmt keine Armutsgrenze. Er legt eine Reichtumsgrenze fest: „L’Observatoire des inégalités considère que le seuil de richesse vaut deux fois le niveau de vie médian“ (S. 34).

Die Formel geht auf den Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung zurück. Der nannte 2001 etwas willkürlich Reiche „– in Analogie zur Gruppe der relativ Einkommensarmen, die weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beziehen – diejenigen, deren Einkommen das Doppelte des Durchschnitts übersteigt“ (Lebenslagen in Deutschland, S. 36).

Um die Armutsgrenze zu errechnen, bedient sich das Statec der EU-Norm. Eines „seuil de pauvreté qui est fixé à 60% du revenu médian national équivalent-adulte (après transferts sociaux)“ (Rapport travail et cohésion sociale, 2021, S. 130). Für arm wird erklärt, wer von 1 892 Euro oder weniger leben muss.

In Anlehnung an das französische Observatorium könnte man die Reichtumsgrenze in Luxemburg auf das Doppelte des verfügbaren Medianeinkommens festlegen. Dieses lag 2020 bei 3 154 Euro. Reich wäre eine Einzelperson, die wenigstens 6 308 Euro netto im Monat verdient.

Ob diese Reichtumsgrenze hoch oder niedrig ist, beurteilt jeder Mensch subjektiv. Nämlich im blitzschnellen Vergleich mit seiner eigenen Einkommenslage. Bis zur Milliardärin bleibt ein weiter Weg. Der Rapport sur les riches en France räumt ein: „On pourrait distinguer les catégories ‚riches‘, ‚super-riches‘ et ‚ultra-riches‘, que l’on situerait respectivement au niveau des 10%, 1% et 0,1% les plus aisés“ (S. 40).

Doch Einkommen sagen wenig über Reichtum aus. Eine an den Einkommen gemessene Reichtumsgrenze bleibt eine kleinbürgertiche Beschäftigung. Genau wie die Wehklage über die wachsenden Einkommensunterschiede.

Es sind Vermögen, die reich machen. Durch die hohen Immobilienpreise sind schon viele Eigenheimbesitzer Millionäre. Entscheidend an Vermögen ist „sich selbst verwerthender Werth. Schmelzöfen und Arbeitsgebäude, die [...] lebendige Arbeit einsaugen“ (Kapital, 1872, S. 316).

Dank Steuergeheimnis und Briefkastenfirmen fehlen verlässliche Angaben über Vermögensverhältnisse und Kapital der besitzenden Klasse. Die Zentralbank beruft sich treuherzig auf Meinungsumfragen. Den Reichtum offenzulegen wie die Armut, würfe die Frage nach ihrem sozialpartnerschaftlichen Zusammenhang auf: Wie sich Armut und Reichtum bedingen. Was Armut zur Voraussetzung von Reichtum macht und umgekehrt.

Der Éco-Unterricht bleibt die Erklärung schuldig. In den Schulbüchern müsste stehen: „Der Arme ist von sich aus ein sehr vernünftiger Mensch, er hat den andern ohne Lust die ganze Welt gebaut, als wär’s ein Spielzeug“ (Andrej Platonow, Tschewengur, Berlin, 2018, S. 382).

Romain Hilgert
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