Eine Frau mittleren Alters mit pink gefärbtem Haar sitzt an einem Tisch und liest in einem aufgeschlagenen Ringordner. Hinter ihr stehen wandhohe Glasschränke, in denen eine Menge Kisten mit weiterem Material ordentlich aneinandergereiht sind. Jede einzelne Kiste ist akribisch beschriftet.
Dies ist keine Bibliothek, sondern das neu eröffnete David Bowie Centre im Londons neuestem Museum, dem V&A East. Hier geht es auch lauter zu als in einem gewöhnlichen Lesesaal, denn auf einem großen Bildschirm läuft ein Video mit zusammengeschnittenen Szenen aus Konzerten und Musikvideos des britischen Künstlers.
Im David Bowie Centre findet man mehr als 90 000 Objekte des Musikers, die fachgerecht archiviert wurden. Darunter handgeschriebene Songtexte, Instrumente, Kostüme, Notizen und Zeichnungen. Rund 200 dieser Objekte sind in jeweils wechselnden Ausstellungen zu sehen. Zurzeit sind einige innovative Instrumente zu sehen, wie zum Beispiel Brian Enos EMS-Synthesizer, den Bowie für seine bahnbrechenden Alben Low und Heroes einsetzte (beide aus dem Jahr 1977). Schon früh experimentierte er mit neuen Technologien. Das Dübreq Stylophone, ein Miniatur-Analog-Synthesizer, der mit einem Stift gespielt wird, kam 1968 auf den Markt. Ein Jahr später bereits surrte es die melancholische Melodie von Bowies Space Oddity.
Genauso innovativ war Bowie in Sachen Mode. Ausgestellt ist der mit Glitzerwolle gestrickte, asymmetrische Catsuit, den der Japaner Kansai Yamamoto für Bowies Aladdin Sane-Tour im Jahr 1973 entwarf. Neben dem Kostüm zeigt ein Foto Bowie, wie er im Woll-Outfit tanzt und schwitzt. Man kann sich vorstellen, wie unbequem das Wollkleid während dieser körperlich intensiven Auftritte gewesen sein muss. Bequemer sieht der den Union-Jack-Mantel aus, den Alexander McQueen entworfen hat und den Bowie auf dem Cover seines Albums Earthling trägt. Weitere Teile der rund 400 Kleidungsstücke des Archivs hängen, eingehüllt in Spezialverpackungen, im Ausstellungsraum von der Decke.
Bowie, der zu einer der größten Rocklegenden wurde, erlebte in seiner Karriere auch Rückschläge. Ausgestellt ist ein Brief des Plattenlabels der Beatles, das David Bowie 1968 ablehnte. „Wie wir Ihnen am Telefon gesagt haben, ist Apple Records nicht daran interessiert, David Bowie unter Vertrag zu nehmen“, heißt es im Brief. „Wir sind der Meinung, dass er nicht das ist, was wir gerade suchen.“
Neben den vielen Alben, Videos und Touren arbeitete Bowie stets an weiteren Projekten. Das V&A zeigt Zeichnungen zu Filmprojekten wie Young Americans und Diamond Dogs, sowie Notizen für ein Musical, das im 18. Jahrhundert angesiedelt war. Fertiggestellt wurden diese Projekte leider nicht. Bowie interessierte sich leidenschaftlich für Ausdrucksformen. Dies würden seine Notizen verdeutlichen, so Harriet Reed, eine Kuratorin des V&A. „Die Art von Notizen, die er machte, etwa die To-do-Listen von Filmen, die er sehen wollte, Bücher, die er lesen wollte… Dieses Verschlingen von Kultur ist wirklich faszinierend und zeigt, warum er so unermüdlich kreativ war“, so Reed in einem Interview mit Associated Press.
Er selbst ist aus dem kulturellen Leben der letzten 50 Jahre nicht mehr wegzudenken. Welchen Einfluss er auf Künstler, Designer, Musiker und sogar Politiker hatte, zeigt das V&A im Eingang des Zentrums. Chappell Roan vergleicht ihre Bühnenfigur mit Bowies Ziggy Stardust: „Chappell ist eine Figur, ich kann nicht die ganze Zeit hier sein“, so die Sängerin. „Es ist einfach zu viel.“ Auch Charli XCX beschreibt Bowies Einfluss: „Er hat gezeigt, was ein Popstar sein kann – allein schon äußerlich, durch die radikale Verwandlung von Album zu Album, von einer Ära zur nächsten.“
Manche glauben, dass David Bowie mit einem Konzert den Fall der Berliner Mauer herbeigeführt hat. Er spielte 1987 auf einem Festival in Westberlin das Stück Heroes. Der Song erzählt die Geschichte eines Pärchens, das durch die Mauer getrennt ist. Da die Bühne in der Nähe der Grenze stand, konnten auch Ost-Berliner mithören. „Es war also wie ein doppeltes Konzert, bei dem die Mauer die Trennung darstellte. Und wir konnten sie jubeln und singen hören. Gott, selbst jetzt bekomme ich noch Gänsehaut. Es hat mir das Herz gebrochen“, erklärte David Bowie 2003 gegenüber dem Magazin Rolling Stone. Das deutsche Außenministerium tweetete an seinem Todestag, dem 11. Januar 2016: „Leb wohl, David Bowie. Du bist jetzt unter #Helden. Danke, dass du geholfen hast, die #Mauer zum Einsturz zu bringen.“
Bowie, der im Alter von 69 Jahren starb, begann in den 1990er-Jahren Objekte für sein privates Archiv zu sammeln. Auch Geschenke und Gebasteltes von Fans bewahrte er auf. Diese waren begeistert, als das V&A vor zwei Jahren erklärte, dass es David Bowies Nachlass erhalten habe und plane, sein Archiv öffentlich zugänglich zu machen.
Der Andrang ist so groß, dass das Zentrum, das seit September geöffnet ist, Tickets nur phasenweise vergibt. Der Ausstellungsraum ist sehr übersichtlich, denn beim David Bowie Centre handelt es sich um ein lebendiges Archiv; nur ein Bruchteil der in der Sammlung vorhandenen Objekte ist ausgestellt. Wer spezifische Objekte sehen will, kann im Voraus reservieren, um sie in Ruhe im David Bowie Study Room anzusehen. Der Besuch erfordert also ein wenig Planung, ist aber auf jeden Fall zu empfehlen.