Binge Watching

Latein vs Hochdeutsch

d'Lëtzebuerger Land du 06.11.2020

Es sind ganz düstere Bilder, mit denen die Showrunner Jan Martin Scharf und Arne Nolting in die Welt der Römer und Germanen einführen: Dichter Nebel liegt über dem Teutoburger Wald, eine Endzeitstimmung stellt sich schnell ein, überhaupt spielt die auf Netflix gestartete deutsche Serie Barbaren überwiegend in der tiefen Schwärze der Nacht. Der cheruskische Fürst Arminius schlug mit einem Germanenheer drei römische Legionen unter der Führung von Varus vernichtend. Der Konflikt, der als eine der größten Niederlagen des römischen Imperiums gilt, ist unter der Bezeichnung Varusschlacht in die Geschichtsbücher eingegangen. Barbaren nun schildert die Varusschlacht sowie die Ausgangslage vor der Schlacht überwiegend aus der Perspektive der Germanen. Die Erzählung ist um drei Hauptfiguren gestrickt: die cheruskische Fürstentochter Thusnelda (Jeanne Goursaud), den ehrgeizigen, aber innerlich hin- und hergerissenen Arminius (Laurence Rupp) sowie den unbändigen Folkwin Wolfspeer (David Schüttler). Im Jahr 9 nach Christus sind die Germanenstämme uneins und leiden unter den Strafen und den Tribut-
zahlungen, die die römische Besatzungsmacht von ihnen fordert. Die spannungsvolle Situation droht zu eskalieren, als die Römer auch noch Kinder entführen. Die Germanenstämme, denen es noch an Führung fehlt, begehren zunehmend auf. Der Cherusker Arminius, Zögling des römischen Feldherrn Varus, muss sich bald für eine Seite entscheiden …

Weil das Serienformat eine breitere Erzählzeit hat, verwundert es doch, dass diese Gaumont-Produktion, die sich die Varusschlacht zum Thema nimmt, an dem Schlachtengetümmel wenig interessiert ist. Zumal Serien wie Vikings oder Game of Thrones ganze Folgen für die Inszenierung spektakulärer und aktionsgeladener Kampfchoreografien aufbringen. Ein denkbarer Grund liegt womöglich am Gegenstand selbst: Aufgrund des immer wieder nationalistisch aufgeladenen Stoffes und seiner Deutung als deutsch-germanische Rachefantasie, benutzen Rechtsextremisten die Schlacht im Teutoburger Wald gern als Bezugspunkt. In Barbaren nimmt die gewaltvolle Auseinandersetzung nur etwa zwanzig Minuten der insgesamt sechsteiligen Serie ein. Vielmehr interessieren sich die Macher für die Beziehungen der Figuren, die Interessenkonflikte und die Loyalitätsfrage. Und diese Frage exerziert Barbaren an Arminius, dem Sohn des Stammesführers der Cherusker, Segimer: Als Kind wuchs Arminius mit Thusnelda und Folkwin auf, wurde aber nach Rom gebracht und dort in der römischen Kultur unterrichtet. Nun dient er dem Feldherrn Varus, spricht sowohl die erhabene Sprache der Römer, Latein, als auch die Sprache der Germanen, nämlich – der Tendenz der Sympathielenkung zugunsten dieses Naturvolks entsprechend – zeitgenössisches Hochdeutsch. Die daraus resultierende Identitätsfrage ist durchaus spannend, führt aber in einen erzählerischen Leerraum, da die historische Faktenlage bekannt ist. Arminius streckt da einen Römer nieder, um Folkwin das Leben zu retten, und meint dann: „Ich habe nur eine Schuld beglichen, mein Leben ist in Rom.“ Das überzeugt nun wirklich niemanden, da er sich eigentlich schon auf die Seite der Germanen geschlagen hat. Weder überrascht das seine Verbündeten, noch seine Feinde, schon gar nicht die Zuschauer, die natürlich die Geschichte des späteren Siegers in der Varusschlacht kennen und wissen, wie sein innerer Zugehörigkeitskonflikt ausgehen wird. Ein bisschen verlassen kommen einem auch die Schauspieler vor, so als sei ihnen zu ihren Rollen und den dürftigen Dialogen nicht sehr viel eingefallen, und auch die Regisseure Barbara Eder und Steve St. Leger scheinen sie nicht mit den entscheidenden Angaben versehen zu haben. Die zwangsläufigen Brüche zwischen den historischen Gegebenheiten und der Fiktion der Serie hätte man mit einem Element zwar nicht beseitigen, aber zumindest eindämmen können: mit Ironie. Die jedoch gestattet sich die Serie so gut wie gar nicht. So bleibt Barbaren ein Stück gut ausgestatteter Unterhaltung mit einigen Schauwerten, aber allzu wenig schauspielerischen Höhepunkten; eine Serie, die kaum Spuren hinterlässt.

Marc Trappendreher
© 2020 d’Lëtzebuerger Land