Binge Watching

Spielzüge

d'Lëtzebuerger Land du 23.10.2020

Es mutet wie ein Paradox an: realistische Fantasy. Realismus und Fantasy sind zwei sich ausschließende Begriffe, doch dem amerikanischen Autor George R. R. Martin ist diese Symbiose mit seinem 1996 veröffentlichten ersten Roman der Reihe A Song of Ice and Fire ein Stückweit gelungen. Das gewaltige Epos – bestehend aus bisher fünf Büchern in englischer Sprache – hat dem Schriftsteller gemeinhin den Ruf des „amerikanischen Tolkiens“ eingebracht, der ja bekanntlich das literarische Fantasy-Genre modernisierte. Immer wieder hat sich Martin aber in Interviews über die schlechte Qualität der Post-Tolkien-Fantasy beschwert. „What I’d like to do is write an epic fantasy that had the imagination and the sense of wonder that you get in the best fantasy, but the gritty realism of the best historical fiction.“1 Demzufolge ist es Martins Anliegen ‚realistische‘ Literatur zu schreiben. Martins Romanreihe war die Basis für die 2011 auf HBO erschienene Serie Game of Thrones. Seit der Erstaufführung sorgte die Serie für Aufsehen, nicht nur wegen der äußerst blutigen Gewaltdarstellung und der expliziten Nacktheit, die zu den Vermarktungsstrategien des Senders HBO zählten, und die wesentlichen Alleinstellungskriterien des Pay-TV-Senders ausmachten. Vor allem aber zeichnet Game of Thrones die Untergrabung von erwartbaren Erzählkonventionen aus. Diese Strategie war von Martin bewusst so angelegt, sehr offenkundig spielt er mit der Umkehrung gängiger Märchen- und Fantasy-Schwaz-Weiß-Malerei und das im Sinne des Wortes: Da gibt es strahlende Ritter in Weiß, die unter der Maske aber ein Haufen verschlagener und sadistischer Gewalttäter sind. Es gibt ganz in Schwarz gehüllte Recken, Deserteure, die sich aber für das Gemeinwohl des Lands Westeros, für die noble Sache aufopfern. Denn den Sieben Königslanden steht ein langer Winter bevor, der einen finsteren Feind mit sich bringt. Derweil streiten sich verschiedene Adelshäuser um den einen, den Eisernen Thron.

Für die Fantasy in Game of Thrones spricht gewiss, dass sich die Geschichte in einer fiktiven, mittelalterlichen Welt abspielt, in der plötzlich magische Ereignisse Einzug halten. In den groben Handlungslinien ist die Saga aber an realhistorische Ereignisse angelehnt, etwa die Rosenkrieg. Martins angeführter Realismusbegriff ist deshalb auch am ehesten als ein politischer zu begreifen: Der Eindruck der Wahrhaftigkeit seiner Welt ergibt sich insbesondere durch die eindringlichen Schilderungen politischer Machtverhältnisse, die vor allem auf dem mittelalterlichen Feudalsystem beruhen. Es ist also die Art, wie die Serie erzählt, die Game of Thrones in einem so märchenhaft-fantastischem Genre wie der Fantasy einzigartig macht. Das Augenmerk liegt nicht so sehr auf den fantastischen Schauwerten, sondern fast ausschließlich auf dem politischen Regelwerk, den titelgebenden Spielregeln, zur Erlangung von Macht. Es wirkt beinahe so, als gestalte sich Game of Thrones wie ein Handbuch über die Techniken der Macht, so wie sie Machiavelli in seinem Buch Il Principe für Fürsten beschrieben hat. Tugendhaftigkeit ist dabei in Game of Thrones eher fehl am Platz – in dieser Welt ist nicht entscheidend, wie sich ein Machtgefüge konsolidiert, sondern der Umstand, dass es sich konsolidiert, dies auf unterschiedlichste Weisen, durch unterschiedliche Spielzüge. Nicht das Fantastische, sondern das nahezu Spielerische in einer Aktion wird dokumentiert, die Szenen ordnen sich nicht dem Prinzip einer abschätzbaren gradlinigen Handlung unter, sondern folgen den spielimmanenten Gesetzen und den Entscheidungen ihrer Figuren. Damit erreichte Martin Unvorherseh-
barkeit sowie Schockmomente, und daraus resultierend, eine Begeisterung, die nicht so sehr auf dem Spektakel der Fantasy beruht. Die Handlung nimmt einen Grad an Fantastik und Abenteuer erst allmählich an, der eine Pracht der Bilder entfaltet, die für Fernseh-
standards außergewöhnlich sind. Nachdem Showrunner David Benioff und Dan Weiss das vorhandene Buchmaterial aber adaptiert hatten, machte sich der zunehmende Rückgang der Qualität von Game of Thrones bemerkbar, die Serie wurde fanfiction, und sie bestätigte ex negativo die hochwertigere Autorschaft von George R. R. Martin.

1 John Hodgman interviews George R.R. Martin, 21.9.2011, https://www.pri.org/stories/2011-09-21/john-hodgman-interviews-george-rr-martin

Marc Trappendreher
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