Deutschland

Die Sommermelodie

d'Lëtzebuerger Land vom 22.07.2022

Endlich ist sie da, die heiße Jahreszeit. Und mit ihr die Sehnsüchte nach Mittelmeerstränden fernab jedweder sozialen Kontrolle, Kaltgetränkekonsum ohne Sinn und Verstand und Auszeiten in der Tumbheit des einfachen, schlichten Lebens. Gerade in Zeiten wie diesen scheint der Wunsch nach einer absoluten Betäubung grenzenlos zu sein. Was hilft dann mehr als laute, eingängige, einfache Musik mit wummernden Beats und einprägsamen Refrains – und einer gehörigen Portion prahlender toxischer Männlichkeit in herabwürdigenden Textzeilen. Die spätestens am Ende des Sommers als seichte Erinnerung an das leichte Leben gelöscht werden. Diese Sorglosigkeit habe ihre Grenzen, befanden jedoch einige Straßenfestveranstalter in Deutschland und stießen damit eine kulturpolitische Debatte an, die alle drängenden Probleme ins Abseits stellt.

Stein des Anstoßes ist ein Grölkracher namens Layla, den vermutlich kaum jemand abseits der Kneipen und Diskos am mallorquinischen Ballermann wahrgenommen hätte, wenn nicht einige Stadtverwaltungen als Volksfestveranstalter das Abspielen des Lieds untersagt hätten. Der Song sei sexistisch. So ihre Begründung. Geschrieben wurde das Lied von Michael Müller, Künstlername Schürze. Er verdankt seine recht überschaubare Karriere seinen Auftritten in der Kneipe Bierkönig auf Mallorca, wo er das – vorwiegend – deutschsprachige Publikum ins Partykoma begleitet. Mit Schlagermusik. Dort arbeitet auch Robin Leutner, der ihn als DJ Robin Müller begleitet. Produziert wurde das Lied von Dominik De Léon. Er begründete zusammen mit Matthias Distel, besser bekannt als Ikke Hüftgold, das Label Summerfield, in dem weitere Klassiker des Saufsonggenres erschienen – wie etwa Unten kommt die Gurke rein. Layla erschien Ende März dieses Jahres und hat es über den Ballermann auf die Playlists der Bierzelte und schließlich auf Platz Eins der deutschen Single-Charts geschafft. Der Song erfüllt alle Vorgaben eines typischen Ballermann-Werks. Es ist kein sozialkritisches, zeitkritisches, kulturkritisches oder in irgendeiner Weise künstlerisch ansprechendes Lied, das für die Ewigkeit zusammengezimmert wurde, sondern soll einzig und allein zum Mitgrölen ab mindestens 1,3 Promille animieren und den weiteren Alkoholkonsum befördern. Diese Vorgabe erfüllt das Werk perfekt, denn es besteht aus einem treibenden Rhythmus von etwa 140 bpm (beats per minute) und einem äußerst schlichten, doch sehr eingängigen Chorus mit schlüssiger Akkordfolge, einem einprägsamen Text mit anstößigem, tabubrechendem Inhalt, dem ohne tiefergehende Analyse schnell das Etikett „geile Mucke“ übergestülpt wird. So schließlich als immaterielles Mitbringsel aus dem Urlaub schnell das Ballermann-Milieu verlassen hat, um Bierzelte zu beschallen. Spätestens Ende Juli wäre es durch den endgültigen, internationalen Sommerhit an der Spitze der Charts abgelöst worden und in den Niederrungen des „Kann aus der Playlist gelöscht werden“ verschwunden. Wer kann sich etwa heute noch an die Lieder vom Duo Finger und Kadel erinnern, die vor einer Dekade Svetlana besangen.

Bräche derzeit nicht ein neues Biedermeier an. In diesem finden Kulturkritiker den Text des Songs anstößig. Dieser handelt von einem Mann, der von einem Zuhälter angesprochen wird: Er habe ein Bordell und die überaus ansprechende „Puffmutter“ heiße Layla: „Sie ist schöner, jünger, geiler, La-la-la-Layla.“ Damit ist der Inhalt des Songs umfassend und abschließend wiedergegeben. Die übrigen Zeilen beschwören in immer wiederkehrenden Worten die Vorzüge eben jener Layla. Das Lied ist keine Kritik an der Prostitution, aber auch keine Verherrlichung, auch keine theoretische Abhandlung über das Geschlechterverhältnis in der heutigen Zeit, keine Herabwürdigung am Feminismus. Es ist einfach nur ein schlichtes, einfaches Lied. Für schlichte, einfache Zeiten.

Die Kritiker und Verbotsboten des Songs bekamen umgehend wissenschaftlichen Beistand. Etwa von Michael Fischer von der Universität Freiburg, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik. In dem Song werde eine Frau namens Layla beschrieben und „in sexistischer Weise besungen, und das Video unterstützt das natürlich auch in seiner Bildsprache.“ Doch gerade in dem Film zur Musik wird der Text eindeutig ironisch kontextualisiert. Was darin gipfelt, dass die angehimmelte, besungene und begehrte Layla von einem Mann mit blonder Perücke dargestellt wird – „schöner, jünger, geiler, queerer“. Zeitgeist, was begehrst du mehr.

Andere Liedtexte aus der der deutschen Jugend- und Populärkultur: „Dein Chick ist ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick sie, bis ihr Steißbein zerbricht“, singt Kollegah. „Schlag dir die Zähne aus, man hört nur noch dein Fotzengeschrei, logge mich bei Instagram, es wird auf Story geteilt“, rappt Al-Gear. Aber im Genre von Hiphop und Rap gehören maskuline Überheblichkeit, vulgäre Sprache, gewaltverherrlichender Habitus, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus und jedwede Menschenfeindlichkeit ganz selbstverständlich zur Protestkultur des jugendlichen Aufbegehrens – ohne dass es einen Laut des Aufbegehrens oder Worte der Kritik gibt. Eben jener Kollegah, im bürgerlichen Leben Felix Blume, hatte gemeinsam mit Farid Bang vor knapp fünf Jahren den Song 0815 veröffentlicht. „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“, heißt es darin und weiter: „Mache wieder Mal nen Holocaust, komm an mit dem Molotow“. Der Song erschien auf dem Album Jung, brutal, gutaussehend 3, für das das Duo sogar mit dem deutschen Musikpreis Echo der Deutschen Phono-Akademie ausgezeichnet wurde. Deren Ethikrat hat die Preisverleihung mit der Meinungsfreiheit gerechtfertigt: Provokationen seien allgemeines Stilmittel der Rapper. Die Sprachwissenschaftler Sven Bloching und Jöran Landschoff stellten seinerzeit in einer Textuntersuchung des Songs fest: „Im Kontext dieser Analyse liegt die Vermutung eines systematischen Antisemitismus allerdings fern, da sich diese zwei Zeilen als drastische Tabubrüche lesen und der Auschwitz-Vergleich sich in die Kategorie der Diffamierung von Opfern historischer Ereignisse generell, die Holocaust-Zeile als der Versuch der Darstellung einer maximal grausamen Gewaltanwendung einordnen lassen.“

Martin Theobald
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