Luxemburgensia

Für Sammler und Gelegenheitsdiebe

d'Lëtzebuerger Land vom 13.11.2020

Die handliche Taschenbuchreihe im Miniformat TIMBA von Kremart geht in eine neue Runde: Mit vier neuen Kurzgeschichten auf Luxemburgisch auf je 40 Seiten. Und auch diesmal geht es vordergründig um Gegenwartsthemen: Wie reden die luxemburgischen Figuren über Familie, wenn sich die jüngere Generation über den Globus verteilt, aus Karrieregründen oder Liebe? Wie empfinden wir den Verlust von Natur, von Menschen, von Sinn? Wie sprechen diese Figuren?

Besonders Josiane Kartheisers Erzählung zeichnet sich durch ihre Komplexität aus und sticht unter den vier neuen Titeln hervor. Nach Dem Jemp seng Uerdnung (TIMBA n° 7) ist es der zweite Text der Journalistin und Autorin in der Taschenbuchreihe. In Déi nächst Etapp wartet ein Elternpaar bei einem befreundeten Paar auf seinen Sohn Ben, der zum Abendessen dazustoßen soll. Die Mutter wünscht sich nichts sehnlicher, als dass Ben, der in Montpellier lebt, zurück nach Luxemburg zieht und endlich eine Familie gründet. Ihr Mann versteht sie zwar sehr gut, ist aber auch zufrieden mit dem neuen Alltag, der sich eingestellt hat. Und da war ja noch immer der Traum vom Haus in Südeuropa ... Die vier Perspektiven auf die Themen – wie damit umgehen, dass die Kinder erwachsen werden; wer sind wir, wenn wir gleichzeitig jeweils Mutter-Freund-Frau-Ehemann-Partnerin sind; wie können sich Lebenspläne und -träume ändern – kommen nacheinander zur Sprache und werden durch die gegenseitigen Beobachtungen der Freunde, Partner und Paare lebensnah erzählt. Sie klingen ernstzunehmend und ehrlich. Niemand wird auf die Schippe genommen, auch wenn es an Humor nicht mangelt, und wie in Kartheisers Erzählung Gees de mat? (Kremart 2014) fügen sich die verschiedenen Stimmen zu einem Ganzen zusammen.

Auch in Jean Backs De Schapp beim Wal geht es, diesmal aus der Sicht eines existenzkriselnden Künstlers, um Fragen unserer Zeit und Menschlichkeit, um eine Identitätssuche. Nach einer Trennung zieht sich der ehemalige Statist in eine Hütte im Wald zurück, in die Forêt domaniale de Zoufftgen an der französischen Grenze, und bewundert die Ameisen und Beeren. Zwischen Naturbeobachtungen, ruhigen Schwarz-Weiß-Fotos und Selbsthinterfragung drängt sich bald die Außenwelt und mit ihr die Gewissheit, dass all das enden wird. Schutt soll am Waldrand deponiert werden, die Hütte Müllbergen weichen. Zwischen Ökologie und romantischer Naturverbundenheit als Ort der Erinnerung, zwischen „Fortschritt“ und Umweltzerstörung, geht es in den Gesprächen mit dem Arbeiter Angelo auch oft um den Sinn des Lebens, den Platz, den wir einnehmen, und die Rolle, die wir spielen sollten. Dabei bleibt die Kurzgeschichte andeutungsvoll, schön und doch voller Schnörkel.

Im Theaterstück Fir wann ech net méi kann des Schriftstellers Romain Butti, das 2018 den Nationalen Literaturpreis gewonnen hat, geht es um Noah, Luca und Lucas Oma Sanni, die eines Abends im Garten die Schnecken zerschneidet („Boa, Boma, nee!“). Luca weiß nicht, wo er hingehört, er will immer weg, ohne zu wissen, wohin oder weswegen. Aber er findet auch nicht recht zu Noah. Larmoyant, aber dadurch stimmungsvoll passend zu der Verzweiflung und dem Unwohlsein der Figuren, die sie selbst nicht fassen und schon gar nicht lösen können, ist es eine psychologische Skizze von zwei jungen Liebhabern. Vieles der Figuren taucht im 2019 erschienenen Romandebüt von Butti Ein Jahr in Berlin (Kremart) wieder in anderer Form auf, das Theaterstück ist aber durch seine kurzen Szenen, die wie Momentaufnahmen wirken, viel stimmungsvoller, die Emotionalität dichter. Wozu auch Regieanweisungen wie „Et ass kal“ beitragen.

Ganz anders gestaltet sich Joseph Kaysers Déif gekillt, ein Pandämonium aus Kleinkriminellen und Schwerverbrechern, das sich weniger der Erzählung einer alltäglichen Realität widmet. Nein, hier gibt der Spaß an der Imagination des Immer-Schlimmeren und Noch-Krummeren den Ton an. Im Café der mysteriösen „Patronne“, die alle Fäden in der Hand zu halten scheint, laufen Zuhälter und humpentrinkende Taschendiebe auf, im Hinterzimmer sitzen Kartenspiele vor Geldbergen. Ebenfalls aus wechselnden Perspektiven geschildert, entsteht so aber keine Erzählung mit einer Handlung, sondern die Geschichte der Gestalten, die sich die Klinke in die Hand gegeben haben, eine Auflistung verschiedener Ereignisse oder Coups, bei denen sich einem die Nackenhaare aufstellen – bis hin zur Geschichte von dem Kartenspiel, mit der Leiche in der Kühltruhe als Wetteinsatz.

Das Schöne an den Büchern der TIMBA-Reihe ist ja, dass sie mit ihren 40 Seiten so kurz sind, dass man sie mit Leichtigkeit weglesen kann. So können sie ganz unterschiedlich sein, mal spannend, mal poetisch, mal nah an Alltagssprache und Alltagsthemen – und erzählen in den Besten ihrer Art in dieser kurzen Form runde Ausschnitte aus Gegenwartsthemen, die nicht zu einem Roman ausgesponnen werden müssen, um viel zu sagen. Und verleiten dadurch zum Weitergeben, zum Weiterempfehlen.

Edition Kremart. Serie Timba N° 9, 10, 11
und 12. Kurzgeschichten op Letzebuergesch (2020)

Claire Schmartz
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