400 Jahre Zeitung

Politisches Forum und Geschäft

d'Lëtzebuerger Land du 25.08.2005

Im vergangenen Herbst erinnerte  eine Ausstellung in der Nationalbibliothek daran, dass 300 Jahre zuvor die erste Zeitung in Luxemburg erschienen war. Andernorts waren Zeitungen schon früher gegründet worden. Doch wann und wo genau die erste Zeitung "erfunden" wurde, ist nicht nur eine Frage der Definition und des nationalen Stolzes, sondern auch weiterer Forschung. Denn alte Zeitungen haben weit seltener die Jahrhunderte überlebt als beispielsweise Bücher. Das Gutenberg-Museum in Mainz zeigt nun eine "Jubiläumsausstellung" unter dem Titel Schwarz auf Weiß. 400 Jahre Zeitung - ein Medium macht Geschichte. Dort werden zwei wichtige Voraussetzungen für das Entstehen der Zeitungen in der heute bekannten Form in Szene gesetzt: der ab Mitte des 15. Jahrhunderts sich verbreitende Buchdruck - dargestellt durch Holzpressennachbauten des 18., und vor allem durch einige wunderschöne Spindel- und Kniehebelpressen des 19. Jahrhunderts - und die Verbesserung der Nachrichtenübermittlung dank Boten, Reitern, danach optischen und elektrischen Telegrafen, Eisenbahn, Telefonen und Fernschreibern bis hin Nachrichtensatelliten. Kurz und präzise werden einige Vorläufer der Zeitungen dokumentiert, wie "Neue Zeitungen", Flugblätter, Flugschriften und Messrelationen, die nicht bloß primitive Vorformen der Tages- und Wochenpresse waren, sondern auch spezialisierte Funktionen erfüllten. Ihnen fehlten aber eine oder mehrere der Eigenschaften, die zusammen eine moderne Zeitung ausmachen: aktuell sein, regelmäßig erscheinen, für jeden erhältlich und nicht auf einige wenige Themen spezialisiert sein. Gemessen an dieser Definition, galt zumindest in Deutschland 1609 lange als das Geburtsjahr der Zeitung. Obwohl der Antwerpener Drucker Abraham Verhœven schon 1605 ein Privileg für seine Nieuwe Tijdingen erhalten hatte; aber weil keine frühen Ausgaben bekannt sind, ist nicht sicher, ab wann sie regelmäßig erschien. Von 1609 sind dagegen gleich zwei Wochenblätter erhalten: der in Wolfenbüttel erschienene Aviso Relation oder Zeitung was sich begeben und zugetragen hat und die Straßburger Relation Aller Fürnemen vnd gedenckwürdigen Historien. Dann wurde 1987 im Straßburger Stadtarchiv eine Bittschrift aus dem Jahr 1605 gefunden. Darin erklärt der Herausgeber der Relation, der Buchbinder und Nachrichtenhändler Johann Carolus, dass er "Thobiae Jobins seligen Truckerey" aufgekauft hatte und seine bis dahin  wöchentlich an einige Abonnenten verbreiteten Nachrichtenbriefe oder "A[v]isen" nunmehr "Inn meiner Truckerey dieselbigen setzen, [u]fflegen [u]nnd trucken lassen", weil es "mit dem Abschreiben langsam zugangen". Erfolglos wünschte er ein Monopol für seine neue Wochenzeitung. Das etwas unscheinbare Herzstück der Mainzer Ausstellung stellen das in Straßburg geliehene Original dieser Bittschrift von 1605 als "Geburtsurkunde der Zeitung" und der in Heidelberg geliehene früheste erhaltene Jahrgang der Relation dar. Sie werden erstmals zusammen öffentlich ausgestellt. Der Relation-Jahrgang von 1609 war bereits 1940 in Leipzig als Faksimile nachgedruckt worden, im selben Jahr, als die Wehrmacht seinen Druckort Straßburg wieder deutsch machte. Der 400. Jahrestag von Carolus' Bittschrift kommt jedenfalls wie gerufen, um ein Jahr nach der Eröffnung des Zeitungsmuseums in Wadgassen das Mainzer Gutenberg-Museum als Ort der Pressegeschichtsschreibung bekannt zu machen. Denn die immerhin 400.000 Euro teuere und zur Hälfte von Sponsoren finanzierte Ausstellung beruht zu einem wichtigen Teil auf der Privatsammlung von Kurator Martin Welke, der im Saarland das Zeitungsmuseum aufzubauen versucht hatte und dann nach längerem Streit ins Mainzer Exil gezogen war. Diese Herkunftsgeschichte und der offensichtliche Platzmangel inmitten der Dauerausstellung des Museums erklären vielleicht, weshalb die Ausstellung nicht immer übersichtlich und einheitlich wirkt. Aufrichtigerweise hieße sie zudem besser "400 Jahre Zeitung in Deutschland", da die nicht weniger wichtige Zeitungsgeschichte Frankreichs, der Niederlande, Großbritanniens und anderer Länder ignoriert wird. Statt eine chronologische Entwicklungsgeschichte zu erzählen, dokumentiert die Ausstellung einzelne Schwerpunkte in einer historischen Perspektive. Dazu gehört ausführlich der Kampf gegen die Zensur und für die Pressefreiheit, auf den sich die Ausstellungszeitung beschränkt. Aber auch die Entwicklung der Presseagenturen und des Fotojournalismus, der Massenpresse, vom Generalanzeiger über die B.Z. bis zur Bild-Zeitung, wird ohne falsche Scheu dargestellt. Denn Zeitungen waren von Anfang an zugleich ein politisches Forum und ein Geschäft. Bei einem im vorigen Monat parallel zur Ausstellung organisierten Symposium zur Zeitungsgeschichte herrschte weitgehende Übereinstimmung, dass im Laufe der Jahrhunderte die meisten Zeitungen wegen des Anzeigengeschäfts gegründet worden waren. Die gesellschaftliche Situation der Journalisten veranschaulicht die Ausstellung vor allem mit Porträts herausragender Persönlichkeiten der Aufklärung und der Weimarer Republik. Im Keller illustrieren Genrebilder und Karikaturen die Entwicklung des Lesepublikums. Dort laden auch Gaststättenmobiliar und die Tagespresse zum Sitzen und zum Lesen ein. Denn die Zeitungsgeschichte geht täglich weiter.

Die Ausstellung Schwarz auf Weiß im Mainzer Gutenberg-Museum am Liebfrauenplatz 5 ist bis zum 30. Dezember täglich außer montags von 9.00 bis 17.00 Uhr geöffnet, sonntags von 11.00 bis 15.00 Uhr. Ausstellungszeitung 1,50 Euro. Kein Katalog. Die Beiträge des Symposiums sollen als Buch veröffentlicht werden.

 

Romain Hilgert
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