Mostra – Klappe, die achtundsiebzigste

d'Lëtzebuerger Land du 17.09.2021

Es war eine einstimmige Entscheidung. „We jury members really loved this film and it was a unanimous decision”, ließ Jurypräsident Bong Joon-ho wissen, kurz bevor er Audrey Diwans Abtreibungsdrama L’événement mit dem Goldenen Löwen auszeichnete und einen Schlussstrich unter die 78. Filmfestspiele von Venedig zog. Ein gutes Omen für die französische Produk-
tion und ihre Regisseurin? Die letztjährige Leone d’oro-Gewinnerin Chloé Zhao – dieses Jahr ebenfalls Jurymitglied –, sowie Palme d’Or-Gewinner Bong in Cannes haben auch bei den letzten beiden Oscar-Zeremonien abgeräumt. Ob der Trend andauern wird? Viel interessanter ist die Beobachtung, dass die diesjährigen Hauptpreise zweier der drei wichtigsten A-Filmfestivals Europas an Regisseurinnen gingen.

Titane von Julia Ducournau und L’événement von Audrey Diwan sind zwar sehr verschiedene Spielfilme, aber im Kern sind sich beide sehr nahe. Beide Filme haben Protagonistinnen im Zentrum, die auf ihre Art und Weise um das Mitspracherecht über ihre eigenen Körper kämpfen. Der Kampf ist in beiden Fällen wortwörtlich zu nehmen, wenn auch diese Kämpfe grundverschieden dekliniert werden. Es sind aber auch Kämpfe über die eigenen Narrative, die auf die Regisseurinnen verlängert werden können. Es ist kein Zufall, dass die zwei Regisseurinnen so ins Auge stechen. Gerade die Festivals in Cannes und Venedig mussten sich vorwerfen lassen – ob nun berechtigt oder nicht –, dass die Wettbewerbsfilme überdurchschnittlich von Männern inszeniert wurden. Dass die Titane-Palme und der Evénement-Löwe ein grundsätzliches Indiz für einen Richtungswechsel bedeuten, scheint illusorisch, doch von einem interessanten Momentum darf durchaus die Rede sein.

Von insgesamt 21 Filmen hatten fünf im diesjährigen Concorso in Venedig Frauenfiguren ins Zentrum des Geschehens gestellt. Zwei dieser Frauengeschichten wurden von Frauen inszeniert. Und beide Filme sind Literatur-Adaptionen: Diwans Film basiert auf dem autobiografischen Schreiben von Annie Ernaux; Maggie Gyllenhaals Regiedebüt The Lost Daughter hat einen Roman von Elena Ferrante zur Vorlage. In beiden Filmen geht es um Frauen in ihrer Rolle als Mütter, wenn auch in diametral gegensätzlichen Ausgangspositionen. Die junge Studentin Anne ist in L’événement im Frankreich der frühen Sechzigerjahre gerade wenige Wochen schwanger, und Olivia Colmans Leda wird während ihres Griechenland-Urlaubs an ihre Vergangenheit als junge Akademikerin und Mutter erinnert. Dass Gyllenhaal als Schauspielerin einen Film für Schauspieler/nnen abliefern würde, war vorherzusehen. Wie sie das Dasein als Mutter verhandelt, ist jedoch so im amerikanischen star-studded Kino eher selten zu sehen. Denn die Beobachtungen und Vorschläge zu dem Thema sind durchaus gewagt. Ob der Drehbuchpreis an Gyllenhaal nicht zuletzt einer für Elena Ferrante ist, soll an dieser Stelle nicht weiter kommentiert werden.

Weitaus melodramatischer verhandelt Festivalliebling Pedro Almodóvar in Madres parallelas seine Frauenfiguren. Seine Geschichte aus gedoppelter Mutterschaft und Verarbeitung der spanischen Vergangenheit unter Franco tut sich auf dem Papier etwas schwer damit, beides zusammenzubringen. Penélope Cruz bleibt trotzdem auf der Höhe ihres Schaffens. Dass Cruz die Coppa Volpi einheimsen durfte, überraschte wenige. Olivia Colman, Anamaria Vartolomei in L’événement und sogar Kristen Stewart in Pablo Larraíns Spencer hätten ebenso würdige Kandidatinnen für den Preis sein können. Über weite Strecken waren auch dieses Jahr die Spielerinnen bei der Mostra die interessantesten.

Das italienische Kino kam bei der diesjährigen Mostra überdurschnittlich gut davon. Die letzten beiden Jahre gab es jeweils einen Trostpreis für den besten Schauspieler. Bongs Jury war jedoch nicht nur von Paolo Sorrentinos neuem Film überzeugt (siehe d’Land, 10.09.2021)) – The Hand of God wurden der Große Preis der Jury sowie der Marcello-Mastroianni-Preis für das Jungtalent Filippo Scotti verliehen –, sondern auch vom dem mit Spannung erwarteten neuen Film von Michelangelo Frammartino, Il buco. Frammartino hatte sich – genau wie Jane Campion, Gewinnerin des Regiepreises für The Power of the Dog (d’Land, 10.09.21) – nach zehn Jahren wieder zu Wort gemeldet, mit einem Film ganz ohne Worte. Il buco folgt Höhlenforschern in die Tiefen einer kalabresischen Schlucht. Vorstellungen von Zeit und Raum verschwimmen in Schlucht und Kinosaal bei diesem hypnotischen Film, der wie ein Ufo im Wettbewerb gelandet war. Wer noch nie einen Vertreter des so genannten slow cinema gesehen hat, bekommt von Frammartino eine wunderschöne Einführung. Il buco hätte durchaus etwas anderes verdient als nur den Spezialpreis der Jury.

Tom Dockal
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