Schiltz, Jay: Aschengänger

Zukunft für eine wüste Vergangenheit

d'Lëtzebuerger Land vom 01.01.2004

 

Ist es etwa abwegig, Luxemburgs literarische Szene, insbesondere das Ritornell ihrer Literaturpreisverleihungen für eine Abart der nietzschischen "ewigen Wiederkehr des Gleichen", zumindest für ein Karussell zu halten, auf dem in mehr oder minder regelmäßigen Abständen immer wieder dieselben Figuren, allenfalls aber Namen aufkreuzen, die mit diesen Figuren mehr und weniger eng verbandelt sind? Deshalb allein tut es gut zu wissen, neben und nach den "Koryphäen" wird nicht nur auch, sondern sogar bemerkenswert Anderes, Neues geschrieben und nicht bloß hinterwäldlerisch und ichverliebt lyrische und epische Nabelschau betrieben.

Unter die Stimmen, die im Jahr 2003 literarisch mächtig haben aufhorchen lassen, zählt zweifelsfrei Jay Schiltz, unter die zwar eher dünnen, dafür aber dichten Schriften zählt seine leicht euphemistisch "Erzählung einer langen Reise" untertitelte Inkantation Aschengänger. Der Autor hat die Broschur ursprünglich, die ebenso schmalen wie ausgetretenen bzw. exklusiven Luxemburger Verlagspfade absichtlich meidend, auf eigne Kosten in Deutschland drucken lassen, sie ist mittlerweile jedoch vom Herbert Utz Verlag München in der Reihe "Literareon" ins Sortiment übernommen worden.

Jay, von Vater Roger Schiltz ohnehin literarisch vorbelastet, seit etwa zwei Jahren Chefredakteur bei Radio 100,7, ist schon in RTL-Radio- und Fernsehdiensten mit solid recherchierten, meist spirituell pointierten Beiträgen für Hörer und Zuschauer angenehm aus der Routinereihe getanzt, er zielt nunmehr auch dank Aschengänger hoch über journalistisches oder feuilletonistisches Soll hinaus.

Anlass für seine "Erzählung einer langen Reise" ist die Einladung des Außenministerstellvertreters Charles Goerens an den Reporter Jay Schiltz gewesen, an einer der Jahr um Jahr ausgerichteten Jugendreisen ins Nazi-Massenvernichtungslager Auschwitz-Birkenau teilzunehmen. Die Frage ist, ob der von seinem Temperament her durchaus ernste und engagierte, mitunter gern verschmitzte Journalist Jay Schiltz wohl vor seinen Mitfahrten schon gewusst hat, dass ihm diese unter lauter unbefangenen Jugendlichen angetretenen Reisen mitten ins Sturmauge des Völkermords so nachhaltig tief und nahe gehen würden, dass er sich ihrer aufwühlenden Wucht, ihres schmerzlichen Nachdrucks nur mit Hilfe einer möglichst aufrichtigen, bekennerischen Nachschrift würde erwehren können.

Allein, sogar die bestdenkbare Meinung zeitigt selten gute Literatur, auch und gerade die penibelste Gewissensforschung angesichts des KZs, des Phänotyps menschlicher Bosheit und Brutalität, sucht meist vergeblich ihres literarisch Gleichen. Jay Schiltz freilich hat in Aschengänger einen allemal gangbaren Weg gefunden, der Darstellung und Bewältigung des Unsäglichen halbwegs Herr zu werden. In der Tat hat er als Spätgeborener gar nicht erst ernstlich versucht, das spätestens in Auschwitz millionenfach gipfelnde und giftende Phänomen des industriell betriebenen Völkermordes realistisch, d.h. eins in eins zu beschreiben, nicht einmal die gnadenlos veristischen Berichte so berühmter Überlebender wie Primo Levi oder Aleksandar Tisma haben es schließlich und endgültig geschafft, mit literarischen Mitteln zu vermeiden, dass sich die menschliche Phantasie weigert, zu glauben, was das Tier Mensch dem Menschen in Extremsituationen an Brutalitäten anzutun fähig und bereit ist.

Jay Schiltz schlüpft für seinen knapp 100 Seiten langen Rechenschaftsbericht über eine Reise nach Auschwitz und dem polnischen Krakau in die gespaltene Titelpersönlichkeit Jakob Aschengänger und nimmt als solcher inmitten seiner jugendlichen Mitreisenden, die ihm als Staubkörner erscheinen, immer wieder und letztens absurde Anläufe, sich der berüchtigten Mythengestalt des "ewigen Juden" Ahasver anzuverwandeln, um am Beispiel der Beschwörung abscheulichster KZ-Schicksale tiefer und tiefer in das fürchterliche Geheimnis einzudringen, wie es zum buchstäblichen Wahn-Sinn massenhafter menschlicher Entwürdigung sowohl bei den Opfern wie bei den Tätern überhaupt hat kommen können.

Die Erzählung Aschengänger wird auf diesem Wege zu einer obsessiven Nachbohrung eher als zu einem echten Bericht und sie eskaliert klammheimlich formal und inhaltlich zu einem unheimlichen und unheimlich nachdrücklichen Todes- und Leidensreigen, zu einer "Danse macabre" in definitiv gottverlassener, gottverdammter Zeit: "Was war hier ein Mensch, was war das? Ungeziefer, Krabbeltiere, die man mit einem Fußtritt zerquetscht. Aber Menschen? Hier in Auschwitz gab es keine Menschen mehr. Auf beiden Seiten nicht. Nur Ungeziefer und Bestien. Und die Bestien haben das Ungeziefer vernichtet. Wie man Ungeziefer nun einmal vernichtet. In Massen. In Gaskammern oder einzeln. Hier ist man zweimal gestorben. Zuerst im Kopf, dann am Körper."

Nur, Jay Schiltz tritt mit Aschengänger darüber hinaus auch literarisch überzeugend schlagartig den Beweis an, dass man der Pflicht, die Erinnerung an das ungeheuerlichste Verbrechen des Menschen an der Menschheit und der Menschlichkeit wachzuhalten, auch literarisch in lyrischer Prosa oder vielmehr in bewusst prosaischer, möglichst schmuckloser Lyrik gerecht werden könnte. Dieser Nachweis allein höbe seine "Erzählung einer langen Reise" hoch über die vielfach von Tunnelblick geschlagene Luxemburger Literatur hinaus; Schiltz ist sich freilich und sogar im schrecklichen Auschwitz-Kontext nicht zu schade, sein Augenmerk nicht nur auf die (nazi-deutschen) Massenmörder zu richten, er lässt den Großvater seines Jakob Aschengänger bedeutsam darüber schweigen, an welchen Untaten er als Zwangsrekrutierter möglicherweise im europäischen Osten (unfreiwillig?) beteiligt gewesen sein könnte, und Schiltz geht gar noch einen ungenehmen Frageschritt weiter und verwebt die ungeklärte Rolle, die einige Luxemburger Mitglieder eines Polizeibataillons in Polen unter völkermordträchtigen Umständen vielleicht doch gespielt haben, in seiner Version einer celanschen Todesfuge.

Nicht allein weil Aschengänger, das Auschwitz-Canto von Jay Schiltz sich der vielfach praktizierten Schwarzweiß-Malerei verschließt, zählt dieses dünne Buch zweifellos unter die bewegendsten, bedeutendsten, wichtigsten Luxemburger Schriften nicht nur des Jahres 2003.

 

Jay Schiltz: Aschengänger - Erzählung einer langen Reise, München 2003, Herbert Utz Verlag, 2003; 96 Seiten; 12,80 Euro

 

 

Michel Raus
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