Das Englische erobert den öffentlichen Raum. Ein Gespräch mit zwei Podcast-Hosts über die Zukunft der Mehrsprachigkeit

All You Can Speak

d'Lëtzebuerger Land du 05.08.2022

Hanna Siemaszko ist eine Pionierin für englische Podcasts „made in Luxembourg“. Nach ihrem Master-Abschluss in Englisch verschlug es die gebürtige Polin 2009 nach Luxemburg, wo sie als Trainee für die EU-Kommission arbeitete. Die Freelance-Übersetzerin und Spezialistin für Kommunikation ist inzwischen auch als Podcast-Host tätig. Mit „SciLux“ informiert sie regelmäßig über den neuesten Stand der Luxemburger Wissenschaft. Warum Sie dies in Englisch tut, liegt auf der Hand. Nicht nur hat sich Englisch als Hauptsprache der globalen Wissenschaftsgemeinschaft etabliert, sondern auch der Standort Luxemburg spielt eine zentrale Rolle: „In Frankreich würde ein Podcast auf Englisch nicht ziehen, wohingegen die Dinge hier anders laufen“, meint sie.

Bereits im Polen der Siebziger- und Achtzigerjahre erlebte Siemaszkos Vater, von Beruf Kernphysiker, den Durchbruch des Englischen. Da das Russische durch den Einfluss der Sowjetunion bis dahin maßgeblich war, musste sich ihr Vater erst einmal an das Englische als neue lingua franca der Wissenschaft gewöhnen. Dieser Prozess hat sich inzwischen auch in Luxemburg eingestellt: In seiner Analyse „Englisch in Luxemburg“ konstatierte der Wissenschaftler Fernand Fehlen bereits 2016, dass Luxemburgs „Wissenschaftssprache“ inzwischen Englisch ist.

Einen wesentlichen Faktor stellt die Wissensökonomie Luxemburgs dar – ein Wirtschaftsmodell, das auf wissenschaftlichen Errungenschaften, technischen Innovationen und hochqualifiziertem Personal fußt. „Luxemburg investiert viel in Wissenschaft und möchte nach der Stahl- und Finanzindustrie eine weitere ‚Goldmine‘ freilegen“, erläutert Siemaszko. Die Universität Luxemburg schreite gegenwärtig mit Lichtgeschwindigkeit voran. Seit der Gründung 2016 entwickelt sich etwa das Centre for Contemporary and Digital History (C2DH) rasant: Nach nicht einmal fünf Jahren zählt das Zentrum bereits 110 Mitarbeiter. Ein weiteres Beispiel ist die SNT-Forschergruppe „SpaceR“, die sich seit 2019 mit Weltraumrobotik befasst. Unter Professor Miguel Olivares-Mendez’ Leitung umfasst die Gruppe 17 Wissenschaftler und hat bis dato zwei neue Forschungsanlagen errichtet. Um mit diesem Tempo Schritt zu halten, bedarf es eines wissenschaftlichen Brain-Gain: Mit Forschungsstipendien versucht der Forschungsfonds FNR Wissenschaftler aus dem Ausland anzuziehen. Beim Besuch seiner Webseite fällt auf, dass das Englische die Standardeinstellung ist: „The Luxembourg National Research Fund“ heißt es dort anstelle von „Fonds national de la recherche“.

Nach Siemaszkos Einschätzung war Luxemburg vor zehn Jahren noch deutlich weniger auf Englisch ausgerichtet. „Du konntest nicht wirklich dein Leben auf Englisch bestreiten“, so ihr Eindruck. Mittlerweile verhalte es sich deutlich anders, das Englische finde sich in fast allen Lebensbereichen wieder. Ein wesentlicher Grund: Englisch sei in Luxemburg die „neutrale Sprache“, sie trage schlicht keinen historischen Ballast mit sich. Ein klarer Vorteil gegenüber den drei Amtssprachen. Zudem sei Englisch leichter zu lernen.

Die Einschätzungen Siemaszkos decken sich mit denen von Tom Clarke. Clarke wuchs in Luxemburg auf. Er moderierte 2010 die Jugendshow „The Meltdown“ auf Radio Ara und schloss 2014 sein Studium der englischen Literatur in Glasgow ab. Unter dem Künstlernamen „MR TC“ ist Clarke auch als DJ und Musiker aktiv. Im November 2021 hat er die „Breakfast Show“ bei Ara City Radio hauptberuflich übernommen, nachdem Sam Steen das multilinguale Community-Radio verlassen hat und nun als Programmleiter von RTL Today Radio tätig ist. Kurz vor neun Uhr steht Clarke hinter dem Mikrofon in den Tonstudios der Rotondes. Eingetaucht in die Moderation der Live-Sendung, kündigt Clark ab und an ein Lied an und beantwortet zwischendurch meine Fragen: Seit wann er wieder in Luxemburg ist und wie sich das Großherzogtum inzwischen verändert habe.

Vor zwölf Jahren verließ Tom Clarke Luxemburg, um nach Glasgow in Schottland zu ziehen. Doch während der Pandemie zog es ihn zurück ins Großherzogtum. Seit seiner Rückkehr fühle sich alles noch internationaler an: „Es scheint mittlerweile mehr junge Arbeitskräfte zu geben, die hauptsächlich englischsprachig sind.“ Für Clarke macht dieses internationale Flair Luxemburg aus, gleichzeitig werde durch „den Zustrom von Menschen aus aller Welt die englische Sprache geläufiger“.

Gerade wenn man im Großherzogtum erst ankommt, erleichtert die englische Sprache einem das Leben. In vielen Ländern ist Englisch die erste Fremdsprache, insbesondere in Osteuropa. Scheinbar mausert sich das Englische zum sprachlichen Passepartout des globalen Arbeitsmarktes und gerade im Hinblick auf die Luxemburger Wissensökonomie mag dies stimmen. Trotzdem stellt das Englische in Luxemburg (noch) keine Jobgarantie dar – und tatsächlich sprechen die Erfahrungen Hanna Siemaszkos eine ganz andere Sprache.

Für Siemaszko öffnet das Englische an und für sich keine Türen in Luxemburg. Zwar konstituiere es ein nice-to-have, aber es sei „eher der Mangel an anderen Sprachen, der Türen zugehen lässt.“ So gebe es etwa viele Journalisten, die den englischen Teil der Luxemburger Medienbranche gestalten, ohne jedoch irgendeine andere Sprache zu sprechen. So entstehe eine sprachliche „Parallelstraße“.

Die Wissenschaftler Pigeron-Piroth und Fehlen geben diesem Phänomen des hiesigen Arbeitsmarktes den Namen „sprachliche Zersplitterung“ (segmentation linguistique). Im April 2021 veröffentlichten die beiden eine Studie, für die sie 8 340 Stellenanzeigen auswerteten, die zwischen 1984 und 2019 im Luxemburger Wort erschienen waren. Ein Ergebnis der Studie lautet, dass 2019 die Nachfrage nach Mehrsprachigkeit in den Jobanzeigen spürbar anzog: 60 Prozent der Stellenangebote verlangten mindestens drei Sprachen, elf Prozent sogar vier (die drei Amtssprachen plus Englisch).

Paradoxerweise tritt das Englische immer seltener in Stellenanzeigen auf, die nur eine einzige Sprache verlangen. Die Nachfrage sank in diesem Fall um fast 40 Prozent. Hier ist es die Luxemburger Sprache, die dem Englischen und dem Französischen den Rang abgelaufen hat.

Den Forschungsergebnissen Pigeron-Piroths und Fehlens zufolge ist dieses Bild jedoch stark branchenabhängig: Für den „lokalen Markt“ bleibt das Französische maßgeblich, etwa im Handel oder im Baugewerbe; im öffentlichen Dienst ist das Luxemburgische hingegen gefragt. Englisch bleibt die Eintrittskarte für den „globalen Markt“: Man denke an EU-Beamte, Angestellte bei Amazon – oder eben wissenschaftliches Personal. Englischsprachige Jobangebote finden sich daher auch seltener in den Luxemburger Printmedien. Sie werden online geschaltet, um das internationale Zielpublikum zu erreichen. 2015 waren auf dem Online-Portal Jobs.lu rund 70 Prozent der Inserate auf Englisch verfasst.

Doch heißt dies, dass in Luxemburg Expats und Einheimische sich nie die Hand reichen? Und dass ein Mehr an Englisch automatisch ein Weniger an Luxemburgisch und an Französisch bedeutet – und umgekehrt? Als Alumnus der Europaschule auf dem Kirchberg ist Tom Clark in einer bunt durchmischten Lerngemeinschaft herangewachsen. Er weiß um die Vor- und Nachteile: Einerseits Freundschaften zu pflegen, die von Italien bis nach Island reichen, andererseits sich mit der einheimischen Bevölkerung nicht auf Luxemburgisch unterhalten zu können, sondern auf Französisch oder Englisch. Nach einer Weile zählten zu seinen Freunden zwar auch Luxemburger, die die örtlichen Schulen besuchten. Aber auch sie sprachen Englisch mit ihm. Erst in den letzten beiden Jahren der Gymnasialzeit lernte Clark die Luxemburger Sprache etwas näher kennen.

Im Nachrichtenteil der „Breakfast Show“ wird an diesem Morgen über die Einschulung der ukrainischen Flüchtlingskinder berichtet und die Frage gestellt, welche Rolle die sechs internationalen Schulen in Luxemburgs dabei spielen können. Die englische Sprache ist für den Einschulungsprozess zentral: In der Ukraine lernen Kinder ab dem dritten Grundschuljahr Englisch, heißt es auf der Luxemburger Regierungs-Webseite. Zusätzlich sollen die geflüchteten Kinder – je nach Lernfortschritt und Alter – Deutsch oder Französisch lernen.

Je mehr Menschen aus unterschiedlichen Ländern in Luxemburg ankommen, desto länger werde der Englisch-Trend anhalten und das kulturelle Zusammenleben beeinflussen, so Clark. Dabei sei es wichtig, mit der lokalen Bevölkerung verbunden zu sein.

Hanna Siemaszko spricht vier Sprachen fließend. Sie weiß, worauf es beim Sprachenlernen ankommt. Für sie ist klar, dass man eine Sprache zwar auf höchstem Niveau meistern könne, allerdings nicht ohne Einbußen bei anderen Sprachen hinnehmen zu müssen. Früher oder später bahne sich für Luxemburg daher ein Richtungsentscheid an.

Je nachdem, wie die englische Sprache sich global und im Großherzogtum weiterentwickeln wird, ob sie auch den ländlichen Teil des Landes zu durchdringen vermag oder sich auf urbane Räume beschränken wird, könnte ein Zwei-Sprachen-Modell für Luxemburg attraktiv werden.

Dafür spricht, dass Luxemburger Jugendliche das Englische zugleich als Weltsprache und als „Sprache des Zusammenlebens“ wahrnehmen, wie Sprachforscherin Julia de Bres dies in einem Artikel beschreibt, den die Monatszeitschrift Forum im Dezember 2017 veröffentlichte. Für Jugendliche lasse sich das Englische nicht auf die Funktion einer interkulturellen Brückensprache reduzieren, sondern biete sich geradezu als lockere Alltagssprache an, als Alternative zum Französischen. Dabei sei unbedeutend, wie formvollendet die eigenen Englischkenntnisse sind. Wichtig sei, dass Jugendliche sich bewusst für Englisch entschieden und es sogar Identität stifte.

Siemaszko zufolge bettet sprachliche Identität sich in einen größeren kulturellen Zusammenhang ein. In Luxemburg bestehe die Option, dass Kinder sich eine kulturelle Identität aneignen, ohne dass ihre Eltern hier aufgewachsen sein müssen. Es gehe darum, sich einem Land verbunden zu fühlen, ohne sich zwangsläufig mit einer Sprache zu identifizieren oder einer bestimmten Schule anzugehören. Siemaszkos Sohn besucht derzeit die Europaschule und spricht zu Hause Englisch, Polnisch und Italienisch. Und wenn er im Ausland eine rot-weiß-blaue Fahne sieht, ruft er ganz selbstverständlich seiner Mutter zu: „Look Mum, our flag!“.

Jeff Simon
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