Luxemburgensia

Rachefantasien im Beamtenstaat

d'Lëtzebuerger Land vom 24.05.2019

Zu Beginn wirkt der Held von Joseph Kaysers neuem Buch De Mann, deen ëmmer laacht ein wenig wie ein Houellebecq-Protagonist: Clement Servais ist ein Junggeselle mittleren Alters, der das Glück schon lange nicht mehr sucht. Beruflich ist er damit beschäftigt, seine Beamtenstelle zu verwalten, bis irgendwann die Pensionierung vor der Tür steht. Privat fährt er in Bordelle jenseits der Grenze, sucht über Kontaktanzeigen Begleiterinnen für Kreuzfahrtreisen oder fliegt gleich als Sextourist nach Thailand. Den Kontakt zu seiner Familie hat er abgebrochen. Ab und zu trifft er sich mit alten Freunden im Restaurant, um über Gott und die Welt zu lästern. Ansonsten bevorzugt er es, seine Mitmenschen zu ignorieren oder zu schikanieren. Mehr ist nicht drin in dieser abgeschotteten, misanthropischen Existenz, mehr ist aber auch gar nicht gewünscht.

Im Gegensatz zum französischen Skandalautor begnügt sich Joseph Kayser allerdings nicht damit, die Sinnentleerung westlicher Lebensweisen zu diagnostizieren. De Mann, deen ëmmer laacht ist geradezu besessen von der Idee, griesgrämige, dekadente Gestalten wie Clement Servais abzuurteilen und einfach so hinwegzufegen. Die Erzählung ist darauf bedacht, einen möglichst unsympathischen Charakter zu erschaffen, der alle schlechten Eigenschaften des satten Luxemburgers in sich vereint, – um ihn anschließend zu zerstören. Was im Text als ausgleichende Gerechtigkeit dargestellt wird, erinnert jedoch unweigerlich an ein Opferritual. Clement Servais erscheint wie eine Voodoo-Puppe in den Händen eines Erzählers, der das Böse gewaltsam aus der Gesellschaft bannen will.

Kaysers Vorgehen ist denkbar einfach. Die erste Hälfte des Buchs besteht aus Episoden, die uns die Unzulänglichkeit und Niedertracht seiner Hauptfigur in unterschiedlichen Situationen vorführen. So spürt der Antiheld etwa der Empfangsdame eines Autohauses nach, von dem er sich nicht angemessen behandelt fühlt, um ihr irgendwie eins auszuwischen. Seine Kontakte auf dem Ämtern leisten ihm dabei wertvolle Dienste. Überhaupt scheint das Beamtentum nur zu existieren, damit ein „Granzert“ wie Servais sich durch bürokratische Willkür Genugtuung verschaffen kann. Er ist jedoch mit oder ohne staatlichen Beistand ein Ekel und legt etwa Bekannten den Selbstmord nahe, droht unliebsamen Kolleginnen mit der Versetzung oder weigert sich, dem Begräbnis des Vaters beizuwohnen.

Nach einer kurzen Rückblende, die von Clement Servais’ vielversprechenden Anfängen als Mathematiker erzählt, wendet sich das Blatt. Über ein Online-Portal hat Servais lange nach der richtigen Frau für die nächste Kreuzfahrt gesucht. Beim ersten Treffen werden seine Erwartungen jedoch herb enttäuscht. Auf der Heimfahrt betrinkt sich der Protagonist zuerst in seiner alten Stammkneipe und hat anschließend einen schlimmen Autounfall. Strafe genug, könnte man denken, aber der Autor legt jetzt erst richtig los. Ein Gruppe Rumänen bestiehlt Servais und schlägt ihn zusammen. Übelst lädiert und physisch entstellt landet er im Krankenhaus. Dort hört er, dass seine ihm verhassten Bürokollegen im Lotto gewonnen haben – mit „seinen“ Zahlen.

Nun, da die Figur am Boden liegt, bleibt offenbar nur eines zu tun: richtig, weiter auf sie einschlagen! Nach Servais’ Entlassung aus dem Spital stirbt seine Mutter. Genüsslich beschreibt der Erzähler, wie ein Lachanfall anschließend auch ihn dahinrafft. Man fragt sich, wem dieser stupide Sadismus gefallen könnte. Chronischen Beamtenhassern? Menschen, deren Antrag wegen eines Formfehlers abgelehnt wurde, und die sich im Affekt wünschen, ihr Sachbearbeiter möge augenblicklich der Schlag Gottes treffen? Aufgrund der aberwitzigen Reihe von Unglücken, die Servais widerfahren, macht sich eine unfreiwillige Komik breit. Die Satire hätte De Mann, deen ëmmer laacht zumindest teilweise retten können, aber Kaysers simple Sprache kennt nicht einmal die Ironie. Hier wird über hundert Seiten mit bürokratischem Ernst eine Revanche geplant und penibel kalkuliert, wie Gleiches mit Gleichem vergolten werden kann. Wer eine rumänische Prostituierte besucht, soll am Ende auch von Rumänen ordentlich was auf die Fresse kriegen. Über die Implikationen dieser Form von Justiz, die nichts anderes als Blutrache ist, reflektiert Kayser nicht. Am Ende steht man fassungslos vor diesem Buch, das seiner widerwärtigen Hauptfigur nichts anderes als die eigene Grausamkeit entgegenzusetzen hat.

Joseph Kayser: De Mann, deen ëmmer laacht; Éditions Schortgen, Esch/Alzette, 2018;
117 Seiten; 16 Euro; ISBN 987-99959-36-68-6.

Jeff Thoss
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